Stereotypen, Vorurteile, Feindbilder

 



Sozialpsychologische Vorurteilsforschung und die aktuellen Probleme Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Gewalt

Gewalt und Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen

Susanne Lin

Zum Inhalt von
Stereotypen

Ausgehend von dem Problem des Zusammenhangs von Einstellung und Verhalten (vgl. Teilkap. II.1.9.) soll im folgenden versucht werden, das Verhältnis von Vorurteilen und diskriminierendem fremdenfeindlichem Verhalten differenziert darzustellen. Dabei wird zu zeigen sein, dass Gewaltbereitschaft und Gewaltausübung in Gruppensituationen eine Eigendynamik erfahren, die einen ausschließlichen ursächlichen Zusammenhang von fremdenfeindlichen Vorurteilen und diskriminierendem Verhalten gegenüber Mitgliedern ,fremder Gruppen' in Zweifel ziehen.
Der Vermutung, dass Gewalt und Gewaltbereitschaft eigendynamisch und zum Teil unabhängig von rechtsextremen Überzeugungen von Jugendlichen angewandt wird, entspricht das Straf- und Gewalttatenregister, wiewohl eine hohe Dunkelziffer von unaufgeklärten Fällen besteht, welche die intendierte Aussage eigendynamischen und von Vorurteilen nur begrenzt abhängigen gewalttätigen, fremdenfeindlichen Verhaltens wesentlich verändern könnte. Von den 1993 begangenen 8.109 rechtsextremen und/oder fremdenfeindlichen Straftaten, bei denen 23 Personen getötet und ca. 900 Personen verletzt wurden und von denen zwei Drittel von Jugendlichen unter 21 Jahren verübt wurden, wird ,nur' jeder zehnte Täter als Angehöriger einer rechtsextremen Organisation ausgewiesen, ,nur' jeder neunte den Skinheads zugeordnet (GUGEL/JÄGER 1994, S. 118). Offensichtlich muss dem ,Gewaltphänomen' mindestens ebenso viel, wenn nicht noch mehr Aufmerksamkeit als dem jugendlichen Rechtsextremismus gewidmet werden.79 So kommen auch Gugel/Jäger zu dem Schluss:
"Die heutige ,Jugendgewalt' unterscheidet sich von der Jugendgewalt früherer Generationen in mehrfacher Hinsicht. Im Mittelpunkt steht die Gewalt, nicht der Protest, und so kann es auch nicht verwundern, daß kaum politische Forderungen gestellt werden, sieht man einmal von der dumpfen Parole ,Ausländer raus' ab. Wohl die wenigsten jugendlichen Gewalttäter verstehen ihre Handlungen als ,politische Strategie'. Als Opfer (oder Ziele der Gewalthandlungen) sind nicht mehr ,Repräsentanten' oder ,Symbole' des bekämpften Systems zu verzeichnen, sondern es sind heute die Schwächsten der Gesellschaft, die zu Opfern werden. Die Gewalthandlungen finden vor allem in kleinen Gruppen bzw. Cliquen statt, werden im Geheimen geplant und durchgeführt oder sie entwickeln sich spontan aus situationsspezifischen Anlässen."80

Gugel/Jäger zählen verschiedene Funktionen auf, die direkte Gewaltanwendung für Jugendliche haben kann, so z.B. Jugendgewalt als Männlichkeitsbeweis, als Kommunikationsmittel, als Mittel gegen Langeweile und Frust, als Gegengewalt, als politisch instrumentalisierte Gewalt und als Fasziniertsein von Gewalt (GUGEL/ JÄGER 1994, S. 134-138). Sie stellen die verschiedenen, aktuellen Ansätze zur Erklärung von (Jugend-) Gewalt vor, die ihres Erachtens weniger gegeneinander ausgespielt werden sollten als vielmehr unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden sollten, dass sie sich "in sinnvoller Weise ergänzen" (GUGEL/JÄGER 1994, S. 138). Hier handelt es sich (1) um die negativen Folgen der Modernisierung, (2) den Ansatz des ,autoritären Charakters', (3) um die Begründung aus situationsspezifischem Konfliktverhalten, (4) um das Problem des Versagens der Erziehung, (5) um die Begründung direkter Jugendgewalt durch die gesellschaftlich vorhandene, kulturelle Legitimation von Gewalt (GUGEL/JÄGER 1994, S. 138-144).
Hinsichtlich des ersten ausgeführten Ansatzes, der die Gewaltakzeptanz bzw. -ausübung (1) auf die negativen Folgen der Modernisierung zurückführt, wie beispielsweise auf die "Zunahme der Konkurrenzbeziehungen in Schule und Arbeitsleben, Verlust gewachsener Wohnquartiere und damit auch von sozialen Bindungen" etc., problematisieren Gugel/Jäger, dass der "diagnostizierte Individualisierungsprozeß nicht in der gesamten Gesellschaft, sondern nur in Teilbereichen, vor allem in Großstädten, auszumachen" sei und die "Lebenschancen immer noch stärker durch die soziale Herkunft denn durch die Möglichkeit der Mobilität bestimmt" (GUGEL/JÄGER 1994, S. 138/139) werden. Dieser Ansatz erkläre auch nicht, "warum nur bestimmte Jugendliche im Rahmen des Individualisierungsprozesses auf Gewalt zurückgreifen, während andere diese Belastungen offensichtlich besser verarbeiten können"; auch werde "zu wenig zwischen den Verhaltensweisen von männlichen und weiblichen Jugendlichen differenziert" (GUGEL/JÄGER 1994, S. 140). Willems verweist im Zusammenhang der Individualisierung auf das s.E. entscheidende Problem, "daß vor dem Hintergrund der Individualisierung sich in modernen Gesellschaften zunehmend spezifische jugendliche Subkulturen ausbilden können" und dass sich diese Subkulturen "um gewaltaffine Affekte, um traditionelle Männlichkeitsideale von Kämpfern oder Kriegern oder um radikale politische Ideen" scharen (WILLEMS 1993, S. 106):

"Zur Erklärung der Gewaltbereitschaft insbesondere von Jugendlichen ist nicht so sehr die Individualisierung der entscheidende strukturelle Faktor als vielmehr die Existenz eines ausdifferenzierten Systems jugendlicher Gruppen und Subkulturen, in denen Gewaltbereitschaften und Gewaltmotive, auch als Aspekte jugendtypischer Männlichkeitsrituale, sich immer neu erzeugen, bestätigen und verstärken, um sich dann in aktuellen gesellschaftlichen Konflikt- und Problemlagen zu entfalten." (WILLEMS 1993, S. 106)

Dass gegenüber den vielfältigen Lebensmöglichkeiten innerhalb der modernen Gesellschaften aus Unsicherheit (2) "autoritäre Einstellungen und Charakterstrukturen" Sicherheit böten, der "autoritäre Charakter" also ursächlich mit verstärkt auftretender Gewaltausübung und Gewaltbereitschaft in Zusammenhang zu bringen sei, problematisieren Gugel/Jäger insofern, als "zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Gewaltbereitschaft kein unmittelbarer Zusammenhang" bestehe; sie weisen ferner eine "ausschließlich täterspezifische Betrachtung unter dem Aspekt der persönlichen Deformationen" zurück (GUGEL/JÄGER 1994, S. 140). Die generalisierende Anspruch des Erklärungsansatzes, dass Gewalt (3) weniger auf persönlichkeitsbezogene Merkmale als auf situationsspezifisches Konfliktverhalten zurückzuführen sei, wird von Gugel/Jäger dahingehend eingeschränkt, dass diese "Sichtweise von Gewaltentstehung sich jedoch nur auf spontane Gewalthandlungen beziehen" lässt und "bewußt geplante Gewaltakte oder instrumentell eingesetzte Gewalt (...) so nicht erklärt werden" könne (GUGEL/JÄGER 1994, S. 141). Dass (4) "die neue Jugendgewalt auf ein Versagen der Elterngeneration", genauer: auf ,antiautoritäre' bzw. ,liberalistische' Prinzipien zurückzuführen sei, wird von Gugel/ Jäger stark infrage gestellt. "Die Erziehung und die Schule der letzten 20 Jahre waren und sind nicht von antiautoritären Anschauungen oder libertinären Ideen durchzogen oder gar geprägt", außerdem seien es "i. d. R. nicht die Kinder aus den ,68er-Familien', die heute Gewalt bejahen oder gar ausüben, sondern oft Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen, die zudem für sich nur wenig Zukunftsperspektiven sehen". Zudem dürften nach diesem Argument die Jugendlichen aus den neuen Bundesländern bezüglich "dieser Art von Gewalt" nicht betroffen sein, da sie "sicherlich nicht zu libertär erzogen worden" seien. Gugel/Jäger stellen dar, dass sie es als "eines der Hauptprobleme der Diskussion um Jugendgewalt" ansehen, dass "nur eine bestimmte Form der Gewalt thematisiert (wird, d.V.), nämlich die direkten körperlichen Gewaltakte Jugendlicher. Demgegenüber stünden "Gewaltstrukturen, die Lebenschancen beschneiden oder Entwicklungsmöglichkeiten verhindern" oder aber auch die "vielfältig staatlich sanktionierte Gewalt in Form der Strafjustiz, der Polizei oder des Militärs". (GUGEL/JÄGER 1994, S. 143.)
Gugel/Jäger wollen den Blick darauf lenken, dass Jugendliche "nicht nur Täter, sondern auch Opfer" von Gewalt sind, dass "Mißhandlungen oder Vernachlässigungen in der Familie (...) bereits individuelle Verhaltenseigenschaften ausprägen (können, d.V.), die, wenn sie dann auf mangelnde Lebens- und Zukunftsperspektiven stoßen, sich zu einem ,explosiven Gemisch' aus Haß und Destruktion verbinden können" (GUGEL/JÄGER 1994, S. 144). In diesem Sinne betrachten Gugel/Jäger als eigentliches Problem "die vielfältigen gesellschaftlichen und internationalen Prozesse und Strukturen, die Menschen an ihrer Entfaltung hindern, sowie deren kulturelle Legitimation" (GUGEL/JÄGER 1994, S. 150).

"Die Konzentration der Gewaltdiskussion auf das Phänomen der direkten Gewalthandlungen Jugendlicher lenkt von anderen Problembereichen ab und führt dazu, daß diese nicht mehr wahrgenommen werden. Wir müssen endlich sehen, daß die gewalttätigen Jugendlichen in einer Welt aufwachsen, in der sie dauernd mit Gewalt, auch mit legitimierter, konfrontiert sind." (GUGEL/JÄGER 1994, S. 150)

Diese Einschätzung Gugel/Jägers deckt sich in bestimmter Hinsicht mit der Anschauung Heitmeyers. Was Gugel als Elemente struktureller und kultureller Gewalt beschreibt, meint Heitmeyer mit den für die Ursachen der ,sozialen, beruflichen und politischen Desintegrationsprozesse' verantwortlichen Grundmechanismen unserer hoch industrialisierten und durchkapitalisierten Gesellschaft. Die eigentlichen Ursachen würden aber von der Gesellschaft umgedeutet, sodass das Versagen der dafür zuständigen staatlichen Institutionen verdeckt wird. Insofern erscheint ein Ausweg aus der Krise als problematisch. Ihn zu suchen, hieße nach Heitmeyer nämlich einerseits, die wahren Ursachen und die Motive für ihre Verleugung aufzudecken, die in der modernen Gesellschaft liegen, andererseits eben diese Gesellschaft selbst zu ändern.
Sowohl der strukturelle Ansatz als auch der individualisierungs- und modernisierungstheoretische Ansatz haben m.E. insofern Schwächen, als sie auf die ganz konkreten gesellschaftlich-politischen Bedingungen zur Zeit der fremdenfeindlichen Anschläge zu wenig eingehen. Denn konkreter als mit der - richtigen und wichtigen - Modernisierungs- und Individualisierungsthese lässt sich die Steigerung und Abnahme des in den fremdenfeindlichen Anschlägen dokumentierten Verhaltens unter Bezugnahme auf die konkreten gesellschaftlich-politischen Ereignisse beschreiben. In Anlehnung an Willems, der neben "Deklassierungs- und Desintegrationserfahrungen" "vor allem Vorstellungen einer ungerechten Benachteiligung der Deutschen und einer illegitimen Privilegierung der Asylbewerber" (WILLEMS 1993, S. 103/104) für die übereinstimmenden, ausschlaggebenden Einstellungen und Motivationen der verschiedenen Tätergruppen hält, lassen sich konkrete Bezüge zwischen den Daten der Anschläge, den Zahlen der in Deutschland eingetroffenen Asylbewerber und der Verabschiedung des Asylkompromisses im Mai 199381 aufweisen. Nach dessen Verabschiedung gab es weniger fremdenfeindliche Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte oder Wohnungen ausländischer Arbeitnehmer aus dem früheren ,Täterpotenzial'.82 Hier scheint ein Zusammenhang zwischen dem politischen Handlungsbedarf in Bezug auf die Regelung der Asylfrage und den Reaktionen innerhalb der Bevölkerung vorzuliegen.
Mit dem modernisierungs- bzw. individualisierungstheoretischen Ansatz können - in Anlehnung an Willems - auch nicht die individuellen Möglichkeiten einzelner Jugendlicher, auf Modernisierungs-, Vereinzelungs- und mögliche Desintegrationserfahrungen zu verarbeiten, erfasst werden. Darüber hinaus wird über die Annahme der ,Desintegrationserfahrungen' hinaus m.E. zu wenig auf geistig-moralische bzw. entwicklungspsychologische Komponenten im Jugendalter eingegangen. Dies kritisiert in ähnlicher Weise Benno Hafeneger, der als Ergebnis seines historischen Abrisses des Themas "Jugend - Gewalt" feststellt:

"Es fehlen Erklärungsansätze, die sich auf mentale, verhaltensprägende Einflüsse durch Schlüsselerfahrungen (-ereignisse) in der kritisch-formativen Phase des Jugendalters sowie deren Verarbeitung auf die Spannungen im Generationenverhältnis, die ,jugendliches Protestpotential' produzieren, beziehen." (HAFENEGER 1994, S. 156)

Reinhold Mokrosch verweist in diesem Zusammenhang auf die massive Wertediffusion und Werteverwirrung als "eine Folge des unbewältigten Wertwandels der 70/80er Jahre und des gegenwärtigen Wertepluralismus" (MOKROSCH 1994, S. 25) als Quelle fremdenfeindlicher Gewalt. Er geht zunächst von einer ,normalen' Wertspannung aus, die zum Lebensalltag in der modernen Welt gehöre. Diese Wertespannung drückt sich darin aus, dass wir "zwischen einer ökologisch, sozial, altruistisch und ideell orientierten Normen-Einstellung und einem unökologischen, materiellen, konsumistischen und egoistischen Normen-Verhalten" leben. Diese ,normale' Spannung zwischen Einstellung und Verhalten kann aber unter bestimmten Umständen zu einer ,Wertediffusion' führen: "Wer weder die normalen Wertspannungen noch die gegenwärtige Werteverwirrung aushalten kann, bricht leicht in rechtsextremen Fundamentalismus aus". In diesem Sinne sieht Mokrosch "fremdenfeindliches Gewaltverhalten" als eine "Flucht aus Normen- und Wertunklarheit in ein Refugium vermeintlich klarer und eindeutiger Normen- und Werthaltungen" (MOKROSCH 1994, S. 27). Gemäß Mokroschs Ansatz sollte eine christliche Werteerziehung - aufbauend auf der Kohlberg´schen Konzeption der Entwicklung des moralischen und religiösen Urteilsvermögens - versuchen, diese Wertdiffusion durch die Klärung "des eigenen Wertverhaltens und Suche nach eigenen Zentralwerten" (MOKROSCH 1994, S. 30) zu überwinden.


© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.


© Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.
Corrensstr.12, D-72076 Tübingen,
Tel.: 07071/920510, Fax: 07071/9205111
E-Mail: kontakt@friedenspaedagogik.de
http://www.friedenspaedagogik.de