Stereotypen, Vorurteile, Feindbilder

 



Friedenspädagogische Vorurteilsforschungsrezeption

Auswertung und Weiterführung

Susanne Lin

Zum Inhalt von
Stereotypen

Zur Beschreibung und Beurteilung von Vorurteilen aus Sicht der früheren Kritischen Friedenspädagogik als falsche Aussagen, die aus verdrängten Aggressionen entstehen, deren Ursachen gesellschaftspolitisch bedingt sind und deren Funktionen neben der Ordnung der Welt vor allem in der (scheinbaren) innerpsychischen und innergesellschaftlichen Stabilisierung des Individuums und der Gesellschaft liegen, werden psychoanalytische Kategorien und Begriffe verwendet.
Die psychoanalytischen ,Produktionsmechanismen' des Vorurteils, mit denen Vertreter der früheren Kritischen Friedenspädagogik operieren, sind

die ,Verdrängung' als ein Vorgang, bei dem Eigenschaften bekämpft werden, die man selber hat, aber nicht haben will und die man nur mühsam aus dem eigenen Bewusstsein verdrängen kann;
die ,Projektion', die als der psychische Prozess der Verlagerung eigener Unzulänglichkeiten auf andere verstanden wird, wobei man den eigenen Selbstwert erhöhen möchte, indem man sich von den eigenen Untugenden abwendet und sich den Schwächen anderer zuwendet; und
die ,Rationalisierung'. Sie sei die unbewusste Scheinanpassung an gängige Normen. Schäbige Beweggründe würden so zurechtgebogen, als würden die eigenen Taten guten Zielen dienen.55

Vorurteile entstehen also - gemäß kritisch-friedenspädagogischer Rezeption - durch den psychoanalytisch gedeuteten Prozess der Verdrängung. Diese verdrängten Gefühle werden auf die Fremdgruppe/den ,Feind' projiziert. Dieser Vorgang wird insofern rationalisiert, als man versucht, die eigentlichen Ursachen des negativen Vorurteils, das auf die Fremdgruppe projiziert wurde, zu verschleiern und stattdessen nach scheinbar sachlichen Gründen zu suchen, die das Vorurteil begründen sollen.
Im Gegensatz zu der relativ eindeutigen negativen Bewertung von Stereotypen und Vorurteilen und ihrer Entstehung vonseiten der früheren Kritischen Friedens- pädagogik, die diese - auf negativen Gefühlen aufbauend - als ,falsche' Realitätswahrnehmung begriff, legt die von mir dargestellte Integrationstheorie W. Stroebes mehrere, miteinander kombinierbare Entstehungsbedingungen dar, die m.E. zu einer differenzierteren Beurteilung der Entstehung und der Funktionen von Stereotypen und Vorurteilen führen. Sie weist nämlich auf in Vorurteilen präsente Teilwahrheiten und damit auf die Ambivalenz der Entstehung und der Funktionen von Vorurteilen hin, nämlich sowohl auf ihre ,normale', sozusagen ,vorpolitische' Kategorisierung der sozialen Wirklichkeit durch Stereotypen als auch auf ihre politische Funktionalisierbarkeit für rassistische Ideologien und eine mögliche Steigerung bis hin zum Feindbild. ,Anschlussstellen' für das Feindbild dürften hier das Gefühl der emotionalen Abwertung und Feindseligkeit gegenüber Fremdgruppen gerade in Phasen von empfundener materieller und sozialer Bedrohung sein. Gerade in dieser Ambivalenz liegt die ,Gefährlichkeit' von Vorurteilen, nicht in ihrer Eindeutigkeit! Werden ausschließlich friedenspädagogisch-psychoanalytische Annahmen für die Entstehung von Vorurteilen veranschlagt, hat das Vorurteil keine ambivalenten Funktionen mehr, sondern wird eindeutig als falsch und negativ bewertet. Das hat Folgen für die inhaltliche Beurteilung von Vorurteilen, aber auch Folgen für den Umgang und die Einschätzung von Menschen, die Vorurteile haben: Sie sind (auch wenn sie nichts dafür können) in bestimmter Weise ,deformiert', und ihnen wird die Richtigkeit ihrer Realitätswahrnehmung - im Gegensatz zu derjenigen der kritisch Aufgeklärten - grundsätzlich bestritten.
Angemessener als die psychoanalytische Deutung und empirisch besser nachgewiesen sind m.E. die Erklärungen zur Entstehung und Funktion von Vorurteilen mit dem integrierten sozialpsychologischen Ansatz, der sich in Ansätzen auch in der Ausgabe "Vorurteile und Feindbilder" von 1990 in der Zeitschrift ,Politik und Unterricht' findet (VORURTEILE UND FEINDBILDER 1990). Hier heißt es:

"Vorurteile sind ambivalent:
Sie stellen überall dort, wo überprüfte und überprüfbare Informationen fehlen, nützliche
und unentbehrliche Orientierungshilfen dar, dienen der Verständigung mit anderen
Menschen und können Identität und Selbstwertgefühl schaffen.
Sie haben aber gleichzeitig die Eigenschaft der Realitätsferne und bergen in sich die Gefahr der Voreingenommenheit und Diskriminierung.
Daraus entsteht die Möglichkeit, daß Vorurteile - naturwüchsig oder manipuliert - zu Feindbildern werden und aggressives Verhalten nach sich ziehen." (VORURTEILE UND FEINDBILDER, S. 6)

Für die Bildung von Feindbildern kann also zunächst auf die ,normalen' Kategorisierungs- und Stereotypisierungsprozesse zurückgegriffen werden. Aufbauend auf dem konstitutiven dichotomischen Bewertungsmuster für Eigen- und Fremdgruppen wird dann gegenüber der Fremdgruppe unter Anknüpfung an feindselige Gefühle eine (extreme) inhaltliche und sprachliche Steigerung der verallgemeinerten, einseitigen und negativen Einstellung durchgeführt, die in eine einheitlich-schematisierte, radikal-negative Vorstellung und Bewertung des jeweiligen Feindes führt. Das dichotomische Bewertungsmuster wird übereinstimmend mit Nicklas/Ostermann als das Gemeinsame von Vorurteil und Feindbild gesehen; abweichend von Nicklas/Ostermann wird allerdings erst die gruppenspezifische und/oder gesellschaftliche und/oder politische Funktionalisierung dieses dichotomischen Bewertungsmusters zur Steigerung der inhaltlichen und sprachlichen Abwertung der Fremdgruppe als das ,Übel' angesehen.
Dies lässt sich in gewisser Weise auch mit den Darlegungen Wilhelm Heitmeyers in seinem ,Desintegrationstheorem' in Verbindung bringen, wenngleich dieser sicherlich auch - auf Grund der negativen Funktionalisierbarkeit von Vorurteilen - dazu tendieren würde, Vorurteile als das Grundübel anzusehen (vgl. HEITMEYER 1994). Da nach Heitmeyers Definition Rechtsextremismus durch Ideologien der Ungleichheit und Gewaltakzeptanz bestimmt ist, will er diese rechtsextremistischen Strukturen in unterschiedlichen Bereichen aufzeigen. Er legt dar, dass im Bereich der politischen Alltagsorientierungen eine Normalisierung eben dieser Ideologien der Ungleichheit und der Gewaltakzeptanz stattfinde, die er als ,Menschenfeindlichkeit' bezeichnet und am Beispiel der Fremdenfeindlichkeit verdeutlicht. Er stellt als Ausgangsbasis bzw. Anknüpfungspunkt für die als zusehends normal betrachtete Fremdenfeindlichkeit - gleichsam als eine erste Stufe - in der Bevölkerung bestehende Fremdheitsgefühle fest, die er als ein gesellschaftliches Massenphänomen einordnet, das sich in der Regel in einer Haltung der Distanz ausdrückt. In dieser Haltung der Distanz können nach Heitmeyer sowohl Toleranz als auch Abwertung liegen. Diese werden in Stereotypen und Vorurteilen ausgedrückt. Auf einer zweiten Stufe, der Fremdenangst, wird diese distanzierte, noch doppeldeutige Haltung der Distanz überlagert von einer Haltung der Konkurrenz, deren Ursachen in materiellen und/oder kulturellen Quellen zu suchen sind. Diese fremdenängstliche Haltung differiere je nach unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. Hier ,kippe' das Verhältnis von Toleranz und Abwertung zur Abwertung um. Auf einer dritten Stufe eliminiere der Fremdenhass die Toleranz völlig: Feindschaft bestimme das Verhältnis, bedingt durch die zugrunde liegende Distanz- und Konkurrenzhaltung. Diese Feindschaft diene der Legitimierung fremdenfeindlicher Diskriminierung. Heitmeyer begreift Fremdenfeindlichkeit in seinen Darlegungen nun nicht als ein Persönlichkeitsmerkmal, sondern sieht sie als ,eine soziale und politische Strömungsgröße', die - und das scheint mir wichtig - in Bezug auf Abnahme oder Steigerung politisch beeinflussbar ist. Hier wird der Vorgang der Radikalisierung von Vorurteilen gegenüber bestimmten Fremden auf Grund ganz bestimmter Nöte und Ängste in der Bevölkerung aufgezeigt. Deutlich verweist Heitmeyer dann auf die politisch-gesellschaftlichen Auslöser fremdenängstlichen und fremdenfeindlichen Verhaltens. Hier liegt m.E. der Ansatzpunkt für politische Funktionalisierung. Mit Heitmeyer kritisiere ich Argumentations- und Betrachtungsweisen, die fremdenängstliches und fremdenfeindliches Verhalten (mit seinen diskriminierenden Konsequenzen!) als ,normal' betrachten, eben weil es angeblich auf dem ,normalen' Massenphänomen ,Fremdheitsgefühl' aufbaue.56


© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.


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