
| Der Umgang mit Aggression und Gewalt, prinzipielle Überlegungen | Zum
Inhalt von: Pädagogische Modelle und Maßnahmen |
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Der konstruktive Umgang mit den eigenen aggressiven und gewalttätigen Tendenzen sowie die Suche nach gewaltfreien Reaktionsmöglichkeiten gegenüber aggressiven Personen und Situationen gehören zu den zentralen Herausforderungen für die Friedenserziehung. Beides beinhaltet sowohl eine aktuelle, auf situatives Handeln bezogene wie auch eine langfristig präventive Dimension, muß im sozialen Umfeld verankert sein und möglichst durch gesellschaftspolitische Initiativen begleitet werden. Im persönlichen Bereich bedeutet dies die Auseinandersetzung mit den eigenen aggressiven Impulsen und Phantasien, die Reflexion des eigenen Handelns in gewaltträchtigen Situationen sowie die Förderung eines alternativen Verhaltensrepertoires, das den Rückgriff auf gewalttätige Handlungen nicht mehr für notwendig erscheinen läßt. Im institutionellen Bereich geht es um das Erkennen und Beseitigen von aggressionsfördernden Organisationsbedingungen, Strukturen und baulichen Maßnahmen. In den gesellschaftlichen und internationalen Bereichen muß die eigene Reaktion auf gesellschaftliche und staatliche Gewalt wahrgenommen und verstanden sowie Empathie für die Opfer entwickelt und praktiziert werden, um die Folgen von Gewalt abmildern bzw. beheben zu können. Letztlich heißt Umgang mit dieser Gewaltdimension auch, daß die politischen und gesellschaftlichen Strukturen so zu verändern sind, daß sie keine Gewalt mehr hervorbringen.
Hierzu lassen sich eine Reihe von allgemeinen Grundsätzen benennen: Wahrnehmung von Verhaltensimpulsen und Situationsdefinitionen: Eine differenzierte Wahrnehmung von Verhaltensweisen und -impulsen kann verhindern, daß "neutrale Reize" bereits als Aggression oder Gewalt empfunden werden. So werden z.B. von aggressiven Kindern oder Jugendlichen schnelle Bewegungen oft als Angriff gewertet oder es ist ihnen nicht möglich, zwischen absichtlicher Schädigung und unbeabsichtigten Handlungen zu unterscheiden. Aggressivem Verhalten geht oft die Wahrnehmung und Interpretation einer Situation als feindlich, gefährlich und damit die eigenen Interessen bedrohend voraus. Deshalb ist es notwendig, eine differenzierte Wahrnehmung zu trainieren. Auseinandersetzung mit dem eigenen Aggressionspotential: Selbst ausgeübte Gewalt wird gerade von Personen, die eigentlich Gewalt ablehnen, häufig mit dem Schutz von Schwächeren vor der Mißhandlung, der Gefährdung durch Stärkere oder auch einer aufgezwungenen Selbstverteidigung (Notwehr ) legitimiert. Solche Gewaltformen sollten jedoch nicht als unproblematisch und selbstverständlich gehalten und verteidigt werden, sondern sind durchaus auch als Folge eigener latenter Gewaltsamkeit bzw. eines überraschend entdeckten persönlichen Gewaltpotentials zu identifizieren. Die Aufgabe muß hier sein, zu lernen, mit eigenen aggressiven Impulsen in Konfliktsituationen so umzugehen, daß eine willentliche Steuerung des eigenen Verhaltens ermöglicht wird. Dies setzt eine genaue Beobachtung und Kenntnis der eigenen Person voraus. Das Spannungsverhältnis zwischen dem eigenen Selbstbild eines mehr oder weniger aggressionsfreien oder doch zumindest aggressionskontrollierten Individuums und der Wahrnehmung des eigenen Aggressionspotentials muß nicht nur ausgehalten werden, sondern sollte Ansporn für eine produktive Bearbeitung sein. Aggressive Verhaltensweisen nicht zum Erfolg führen lassen: Aggressives Verhalten dient häufig dem Erreichen von Zielen. Deshalb sollten andere Mittel angeboten werden, mit denen die Ziele erreicht werden können. Dies setzt jedoch voraus, daß das Handlungsziel des anderen klar ist. Gerade im Bereich von Gewalthandlungen läßt das zu beobachtende Verhalten nicht immer ohne weiteres auf die angestrebten Ziele schließen. So ist z.B. bekannt, daß eine Reihe von Jugendlichen vor allem deshalb brutale Überfälle auf Ausländerwohnheime unternommen haben, um in der Medienberichterstattung aufzutauchen. Anwendung von Gewalt eindeutig verurteilen: Aggressive und gewalttätige Verhaltensweisen, die ohne negative Konsequenzen und Mißbilligung bleiben, stellen eine Aufforderung dar, dieses Verhalten zu wiederholen. Aggression und Gewalt muß auf allen Ebenen eindeutig verurteilt und sanktioniert werden. Besonders problematisch erscheint, daß Aggression und Gewalt, die von Staatsorganen bzw. im Auftrag des Staates angewandt wird, anders beurteilt wird als individuelle Gewalttätigkeit. Möglichkeiten der angemessenen Selbstbehauptung anbieten: Die (Über)Lebensfähigkeit eines Individuums in einer Gesellschaft hängt auch davon ab, eigene Bedürfnisse und Interessen verfolgen und auch durchsetzen zu können. Voraussetzung um Zivilcourage zu zeigen oder den eigenen Standpunkt zu behaupten ist dabei Kommunikationsfähigkeit, sowie ein gewisses Maß an Durchsetzungsvermögen. Damit ist ein spezifischer sozialer Antrieb gemeint, der häufig als "konstruktive Aggression" bezeichnet wird. Möglichkeiten der angemessenen Selbstbehauptung zu erlernen und einzuüben bedeutet, konstruktive Formen der Konfliktbewältigung zu erwerben, bei denen nicht nur die eigenen Interessen, sondern auch die der Anderen gesehen werden. Neben diesen allgemeinen Grundsätzen zum Umgang mit Aggression und Gewalt gibt es inzwischen Erfahrungen, Vorschläge und Modelle, wie in besonderen Situationen auf Aggression und Gewalt reagiert werden kann bzw. welche präventiven Maßnahmen sinnvoll sind. Diese Erfahrungen und Vorschläge sind in der Regel sehr spezifisch und nur begrenzt verallgemeinerbar, da sie sich auf jeweils konkrete Handlungsfelder beziehen. Günther Gugel / Uli Jäger: Gewalt muß nicht sein. Eine Einführung in friedenspädagogisches Denken und Handeln. 2. Aufl. Tübingen 1996, S. 61 f. |
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