Dieter Senghaas
Wo zivilisierte Politik zur Zivilisierung des Zusammenlebens der Menschen
innerhalb von modernen Gesellschaften beiträgt, wird ein solches Projekt
idealiter von den folgenden sechs Sachverhalten gekennzeichnet:

1. Entprivatisierung von Gewalt (Gewaltmonopol):
Wesentlich für jeden Zivilisierungsprozeß ist die Entprivatisierung
der Gewalt bzw. die Herausbildung eines legitimen, in aller Regel staatlichen
Gewaltmonopols, dem die einzelnen untergeordnet sind ("Entwaffnung
der Bürger"). Wo das Gewaltmonopol zusammenbricht, also die Wiederaufrüstung
und Wiederbewaffnung der einzelnen Bürger eine Chance bekommen, findet
statt, was in der neueren Diskussion im Hinblick auf entsprechende Vorgänge
als "Libanisierung" bzw. "Jugoslawisierung" politischen
Konfliktverhaltens bezeichnet wird, nämlich die Renaissance von Bürgerkriegssituationen.
2. Kontrolle des Gewaltmonopols und Herausbildung von Rechtsstaatlichkeit
(Verfassungsstaat):
Ein Gewaltmonopol, das nicht durch Rechtsstaatlichkeit eingehegt wird, wäre
im Grenzfall nichts mehr als eine beschönigende Umschreibung von Diktatur.
Dann wären seine gesellschaftlichen Träger nichts anderes als
eine von mehreren Konfliktparteien in einer potentiellen Bürgerkriegssituation.
Soll demgegenüber das Gewaltmonopol als legitim akzeptiert werden,
bedarf es der Institutionalisierung rechtsstaatlicher Prinzipien und öffentlicher
demokratischer Kontrolle, auf deren Grundlage sich Konflikte in einem institutionellen
Rahmen fair austragen lassen.
3. Interdependenzen und Affektkontrolle:
Die Entprivatisierung von Gewalt ("die Entwaffnung der Bürger")
und die Sozialisation in eine Fülle von institutionalisierten Konfliktregelungen
implizieren eine Kontrolle von Affekten. Solche Selbstkontrolle wird maßgeblich
durch die Herausbildung von großflächig angelegten Verflechtungen
(im Eliasschen Sinne: von "langen Ketten des Handelns" unterstützt,
weil diese, zu beobachten vor allem in arbeitsteiligen Ökonomien, ein
erhebliches Maß an Berechenbarkeit erfordern und in der Folge Erwartungsverläßlichkeit
mit sich bringen.
Affektkontrolle - Ergebnis einer Sublimierung von Affekten - ist Grundlage
nicht nur von Aggressionshemmung und Gewaltverzicht, sondern darauf aufbauend
von Toleranz und Kompromisfähigkeit.
4. Demokratische Beteiligung:
Gesellschaften, in denen sich weiträumige Interdependenzgeflechte herausbilden,
werden zu sozial mobilen Gesellschaften. In ihnen findet ein Transformationsprozeß
statt, der sich stichwortartig wie folgt umschreiben läßt: Entbäuerlichung
bzw. Proletarisierung, Entdörflichung bzw. Urbanisierung sowie für
sozial mobil werdende Gesellschaften grundlegend: Alphabetisierung.
In aller Regel werden in fortgeschrittenen sozial mobilen Gesellschaften
Unterordnungsverhältnisse aufgrund von Geschlecht, Rasse, Klasse oder
anderen Merkmalen von den Betroffenen nicht mehr hingenommen. In demokratisierten
Rechtsstaaten mit einem hohen Politisierungspotential untergräbt solche
Diskriminierung die politische Stabilität.
5. Soziale Gerechtigkeit:
In Gesellschaften mit einem erheblichen Politisierungspotential ist eine
aktive Politik der Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit, letztlich ergänzt
um Maßnahmen der Bedürfnisgerechtigkeit (Sicherung der Grundbedürfnisse),
unerläßlich, weil nur dann sich die Mehrzahl der Menschen in
einem solchen politischen Rahmen fair behandelt fühlt.
6. Konstruktive politische Konfliktkultur:
Gibt es in einer aufgegliederten, aber deshalb auch zerklüfteten Gesellschaft
faire Chancen für die Artikulation und den Ausgleich von unterschiedlichen
Interessen, kann unterstellt werden, daß ein solches Arrangement verläßlich
verinnerlicht wird, eine Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung
mit Konflikten vorliegt und kompromißorientierte Konfliktfähigkeit
einschließlich der hierfür erforderlichen Toleranz zu einer selbstverständlichen
Orientierung politischen Handelns wird.
Diese sechs Bausteine des Zivilisierungsprojektes Frieden bzw. Komponenten
von Zivilität fügen sich gewissermaßen zu einem zivilisatorischen
Hexagon zusammen (s. Schaubild). In ihm wird eine historische Erfahrung
aus der neuzeitlichen Geschichte in Teilregionen Europas gebündelt.
Dieter Senghaas: Frieden als Zivilisierungsprozeß. In: Ders.
(Hrsg.): Den Frieden denken. Frankfurt/M. 1995, S. 196-223, Auszüge. |