Globales Lernen



Brief an die Kultusminister

Brief des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V. an den Präsidenten der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder vom 1.4.1997

Zum Inhalt von:
Globales Lernen

Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V., Kennedybrücke 4, 53225 Bonn, Tel.: 0228 / 9 46 77-0

An den

Präsidenten der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder Herrn Professor Rolf Wernstedt, Lennéstraße 6, 53113 Bonn

Bonn, 1. April 1997

Sehr geehrter Herr Professor Wernstedt,

der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) begrüßt es sehr, daß die Konferenz der Kultusminister auf ihrer 278. Plenarsitzung eine Empfehlung für die Behandlung entwicklungspolitischer Fragen im schulischen Unterricht verabschiedet und sich darin erstmals auf eine gemeinsame Verlautbarung zum Thema "Eine Welt/Dritte Welt im Unterricht" verständigt hat. Die Nichtregierungsorganisationen bekräftigen die Position der Kultusministerkonferenz, daß die pädagogische Auseinandersetzung mit den globalen Herausforderungen zu einem Bestandteil der Allgemeinbildung werden muß. Wichtig ist dabei auch die Einsicht, daß entwicklungspolitische und interkulturelle Bezüge bereits im Unterricht der Grundschule verankert werden sollen.

Für eine engagierte entwicklungspädagogische Arbeit an den Schulen bedeutet diese kultusministerielle Empfehlung eine wichtige Bestärkung und Motivation. Denn viele Lehrerinnen und Lehrern sind in ihrer Unterrichtspraxis seit vielen Jahren um die Vermittlung entwicklungspolitischer Zusammenhänge bemüht, sehen sich dabei jedoch häufig mit Bedenken der Schulverwaltung und einer unzureichenden Unterstützung durch die offiziellen Bildungspläne und staatlichen Unterstützungssysteme (Bildungsplanung und Schulentwicklung, Lehrerfortbildung, Medienservice) konfrontiert.

Die KMK-Empfehlung als längst überfälliges bildungspolitisches Signal kann aus Sicht der im VENRO zusammengeschlossenen Nichtregierungsorganisationen jedoch nur ein erster Schritt sein. Noch immer sind entwicklungspolitische und internationale Fragen in den Lehrplänen der Bundesländer sowie in der Lehreraus- und -fortbildung völlig unzureichend berücksichtigt. Die Tatsache, daß die heranwachsende Generation heute in eine Welt hineinwächst, deren Probleme und Chancen in globalen Zusammenhängen begriffen werden müssen, findet in den Bildungsplänen bisher keinen Niederschlag. Nach wie vor sind die meisten Lehrpläne einem nationalen Bildungshorizont verpflichtet, der den anstehenden Herausforderungen der Weltgesellschaft nicht gerecht wird. Leider versäumt es die Empfehlung der KMK, den diesbezüglichen Handlungsbedarf für eine umfassende Reform der Bildungsangebote ausdrücklich zu benennen.

Die im VENRO zusammengeschlossenen Nichtregierungsorganisationen werden sich daran beteiligen, die von der Kultusministerkonferenz angemahnte Erziehung zur gemeinsamen Verantwortung in der Einen Welt in der Bildungspolitik der Bundesländer konstruktiv umzusetzen. In diesen Prozeß einzubringen haben die entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen v. a. ihre vielfältigen praxisbezogenen Erfahrungen. Die entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen haben u. a. durch die Produktion von Unterrichtsmedien zum Lernfeld "Eine Welt" und die Durchführung von Fortbildungsangeboten für Lehrerinnen und Lehrer im Bereich der entwicklungspolitischen Bildung Pionierarbeit geleistet, teilweise lange bevor sich die staatlichen Einrichtungen dieser Fragestellung angenommen haben Die entwicklungspolitische und pädagogische Fachkompetenz von Entwicklungsorganisationen und den zahlreichen freien regionalen Schulberatungsstellen für globales Lernen ist für die anstehende Neuorientierung von Schulpraxis und Bildungspolitik in Richtung auf Bildung zur Zukunftsfähigkeit unverzichtbar.

Es ist sehr bedauerlich, daß die Kultusministerkonferenz die diesbezüglichen Kooperationsangebote und Leistungen der Nichtregierungsorganisationen bislang weitgehend ignoriert. Dabei liegen beispielsweise mit der "Schulstelle Eine Welt" beim Landesinstitut für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen, aber auch in Hamburg, Berlin und Bremen ermutigende Erfahrungen mit innovativen Modellprojekten in der Zusammenarbeit zwischen staatlichen Lehrerfortbildungsinstituten und Nichtregierungsorganisationen vor. Auch soll ab dem kommenden Schuljahr in Hessen ein zukunftsweisendes Kooperationsprojekt zwischen Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Unterstützungseinrichtungen erprobt werden. Eine kompetente Umsetzung des Lernbereichs "Eine Welt/Dritte Welt" bedarf der engen Kooperation zwischen den zuständigen staatlichen Einrichtungen auf Länderebene und den Nichtregierungsorganisationen. In vielen Bundesländern - wie z.Bsp. aktuell in Hessen - ist derzeit allerdings eine drastische Kürzung der öffentlichen Fördermittel für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit, wie auch ein Abbau der hierfür vorgesehenen Abordnungen von Lehrerinnen und Lehrern zu beklagen.

Auch hinsichtlich der Umsetzung der Agenda 21 sehen die Nichtregierungsorganisationen im VENRO über die Empfehlung hinaus weiteren Handlungsbedarf seitens der KMK. Mit der Agenda 21 haben rund 170 Staaten, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, bei der UN-Konferenz in Rio de Janeiro 1992 ein Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert verabschiedet. Darin haben sich die Regierungen für eine Neuausrichtung der Bildung auf eine nachhaltige Entwicklung verpflichtet. Die Regierungen werden aufgefordert, Strategien zu entwickeln, die die Einbeziehung von Umwelt- und Entwicklungsfragen als Querschnittsthema auf allen Stufen des Bildungswesens ermöglichen. Auch wird die KMK-Empfehlung der im Kapitel 25 der Agenda 21 enthaltenen Forderungen nicht gerecht, daß Jugendliche auf allen für sie relevanten Ebenen an den Entscheidungsprozessen, das heißt auch an der Gestaltung des Unterrichts und der schulischen Rahmenbedingungen, aktiv beteiligt werden sollen.

Die Anpassungsprozesse, die unsere Gesellschaft zugunsten einer nachhaltigen und sozial gerechten internationalen Entwicklung initiieren und fortschreiben muß, setzen ein ausgeprägtes Umwelt- und Entwicklungsbewußtsein der Bürgerinnen und Bürger voraus. Sie bedürfen einer breiten öffentlichen Akzeptanz und der aktiven politischen Teilhabe. Der Bildung kommt daher eine Schlüsselrolle für unsere Zukunftsgestaltung zu. Die Bildungspolitik hat sich dieser Herausforderung bislang noch nicht ausreichend gestellt.

Der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen bekräftigt daher die Empfehlung der Agenda 21, nationale Koordinierungsgremien für die Umwelt- und Entwicklungserziehung unter Einbeziehung von nichtstaatlichen Organisationen einzurichten, die daran mitwirken sollen, neue Konzepte und Strategien für eine zukunftsorientierte Bildungsreform zu entwickeln und umzusetzen.

Es ist die Überzeugung des Verbandes Entwicklungspolitik, daß die skizzierten bildungspolitischen Herausforderungen nur durch die gemeinsame Anstrengung aller Engagierten und Interessierten in diesem Bereich erfolgreich angegangen und bewältigt werden können. In diesem Sinne hoffen wir auf einen konstruktiven Dialog zwischen allen Beteiligten.

 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Ulla Mikota

Geschäftsführerin

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