
20 Jahre Friedensforschung - 20 Jahre FriedenserziehungEin Gespräch mit Hanne-Margret Birckenbach und Dieter Senghaas. Am Mikrofon Reinold Hermanns. S2 Kultur, 3.7.1996, 17.00-18.00 Uhr. |
Reinold Hermanns: |
Zum Inhalt von Friedenserziehung |
| Wenn Sie vielleicht eingangs zu unserer Diskussion etwas über den äußeren Anlaß unseres Gespräches sagen könnten. Der Verein für Friedenspädagogik feiert und begeht sein zwanzigjähriges Bestehen. Kann er eigentlich zu Recht feiern, oder ist es ein sehr hartes Brot gewesen, diese beiden Jahrzehnte, Herr Senghaas? |
Dieter Senghaas: |
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| Ich möchte sagen, er kann zu Recht feiern, und es war ein hartes Brot. Er kann zu Recht feiern, weil es eigentlich die einzige Institution in Deutschland ist, die mit großer Beharrlichkeit über die vergangenen zwanzig Jahre eine wichtige Komponente der Friedensarbeit abgedeckt hat. Wir sind, seit es die Friedensforschung gibt, d.h. in etwa seit der Mitte der 60er Jahre, anfang der 70er Jahre, immer davon ausgegangen, daß es im wesentlichen zwei wichtige Aufgaben gibt: Auf der einen Seite zu forschen und auf der anderen Seite diese Erkenntnisse zu übersetzen. Das heißt, Journalisten, Politiker, Lehrer aber auch Schüler sollten die Ergebnisse in einer nachvollziehbaren Form und angemessenen Sprache übermittelt bekommen. Dieser Prozeß sollte zentrale Erkenntnisse, oder zumindest doch die Erkenntnisse, die die Wissenschaft für richtig hält, aufarbeiten und sie weitervermitteln. Der Verein für Friedenspädagogik hat Mitte der 70er Jahre mit dieser Arbeit begonnen. Zu dieser Zeit gab es zahlreiche Initiativen und Einrichtungen, die ihre Tätigkeit aufnahmen. Doch viele Initiativen versandeten oder kamen zu nichts - aus ganz verschiedenen Gründen. Aber beim Verein für Friedenspädadogik kann man nun wirklich sagen, er hat sehr beharrlich gearbeitet, und er hat sehr kontinuierlich gearbeitet. Er ist vor allem sehr innovativ, auch im pädagogischen Bereich. Es hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, daß es nicht nur um eine "Übersetzungsarbeit" geht. Ich erinnere mich: Mitte der 70er Jahre gab es den modischen Begriff "Transfer". Ich selbst hatte damals ein sogenanntes "Transfer-Projekt" zu betreuen und wir lernten damals, daß es nicht nur um Transfer geht. Der übliche Ansatz lautete: Kluge Wissenschaftler erkennen etwas, und kluge Pädagogen greifen die Ergebnisse auf und dividieren sie für die Praxis herunter. Andere jedoch erkannten, daß es eine ganz eigenständige Dimension gibt, wenn man objektiv vorhandene Informationen für Bildungsarbeit aufbereitet und didaktisch fruchtbar macht. Und da war eben der Tübinger Verein von allen denjenigen, die da in den letzten zwanzig Jahren Angebote formuliert haben, nicht nur beharrlich, sondern auch innovativ. Insofern, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Ja, es gibt Grund zu feiern, nach zwanzig Jahren, und es gibt auch Grund genug, auf diese Arbeit stolz zu sein. Ich habe heute nachgefragt, wieviel Dokumente wohl aus dem Haus der Bachgasse 22 in Tübingen herausgegangen sind. Und über den Daumen gepeilt, sind das so um die 500.000 Bücher und Broschüren zu etwa fünfzig Themenstellungen. Die Vereinsarbeit war zunächst eine Sache, die ganz auf Tübingen bezogen war, dann in die Region und auf den baden-württembergischen Umkreis ausgedehnt wurde. Heute ist es eine Institution, zu der nicht nur Anfragen, sondern auch Aufträge kommen, aus Brandenburg, aus Soest, und aus anderen Orten, oder auch von Buchverlagen. Das alles sind solide Indizien, daß eine solide Arbeit gemacht worden ist. |
Reinold Hermanns: |
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| Vielleicht werfen wir nochmal einen Blick auf die Anfänge. Das ist ja ein markantes Datum. Mitte der 70er Jahre, in den Nachwehen der 68er-Zeit. Nicht nur in Tübingen entstand ein solcher Verein, sondern auch anderenorts gab es solche Initiativen, die sich um Frieden und Friedensforschung bemüht haben. (...) |
Dieter Senghaas: |
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| Man muß deutlich sehen, die damalige Friedensforschung war eine Forschung, die sich mit den Problemen des Ost-West-Konfliktes beschäftigte. Die 68er waren ganz auf Probleme wie den Vietnam-Krieg fixiert, auf die Kritik an Amerika, auf die sogenannte Imperialismuskritik. Die Themen und Fragestellungen der damaligen Friedensforschung wie z.B. der Ost-West-Konflikt, oder in der ersten Hälfte der 70er Jahre die Entspannungspolitik, waren überhaupt nicht populär und fanden keinen Anklang. Diese Themen wurden erst 10 Jahre später, d.h. also mit der sogenannten Nachrüstungsdebatte von kritischen Geistern breiter aufgegriffen. |
Reinold Hermanns: |
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| Was war denn Ihr biographischer Anstoß, Frau Birckenbach? |
Hanne-Margret Birckenbach: |
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| Ja, ich kann hier direkt an die Ausführungen von Dieter Senghaas anknüpfen. Als ich in den 70er Jahren noch als Studentin anfing, mich mit Friedensforschung zu beschäftigen und in der Friedensarbeit tätig zu werden, da war das ideologisch sehr schwer zu vertreten. Ich habe mich vor meinen eigenen Freunden und Freundinnen geschämt, zu sagen, ich interessiere mich für Frieden. Und zwar lag das zum einen natürlich daran, daß dies in der linken Szenerie als "Klassenverrat", als bürgerliches Geschwätz verschrieen war. Das war das eine. Die Gegenposition lautete, das dient dem Kommunismus, das ist Landesverrat, du arbeitest der anderen Seite zu. Und die dritte Schwierigkeit kam von zu Hause. Die Eltern sagten, damit wirst du nie Geld verdienen können. Kurz, es war für diejenigen, die Anfang der 70er Jahre als Studenten sich mit Friedensforschung beschäftigt haben, wirklich schwierig. Es war eine kleine Mutprobe, das offen zu sagen, wofür man sich interessierte. Imperialismustheorien, damit konnte man sich leichter befassen. Aber gerade das Wort Frieden war damals ja ein Kampfbegriff in dem Sinne, daß sich daran eben auch die Geister schieden. Man war sehr leicht stigmatisiert, und saß zwischen allen Stühlen, wenn man versuchte, systematisch darüber nachzudenken. |
Reinold Hermanns: |
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| War es ein Kampfbegriff, und war Mann und Frau stigmatisiert, weil es mit dem Begriff des Pazifismus identifiziert worden ist? Wurden damals also jene, die sich für Frieden engagierten und interessierten in die Ecke der "Pazifisten" abgedrängt? |
Hanne-Margret Birckenbach: |
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| Es war eine ganz große Unsicherheit in der Gesellschaft da, was mit diesem Friedensbegriff anzufangen ist. Die einen haben einen in die Pazifismus-Ecke abgedrängt, die nicht richtig ernst genommen wurde. Das war ganz anders als heute. Und die anderen haben einen in die Kommunisten-Ecke abgedrängt, und wieder andere haben einen in die Spinner-Ecke gestellt. Die Gesellschaft konnte damals mit dem Begriff noch nicht umgehen. |
Reinold Hermanns: |
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| Hat die Entspannungspolitik der Friedensforschung geschadet? |
Dieter Senghaas: |
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| Also ich glaube nicht, daß man sagen kann, die Entspannungspolitik habe der Friedensforschung geschadet. Viele behaupteten, die Friedensforschung habe es nur gegeben, weil es unter anderem eben auch Entspannungspolitik gegeben hat. Es gibt ja auch zeitliche Parallelen. Rückblickend läßt sich sagen, die ersten Arbeiten, die man mit Friedensforschung im systematischen Sinne assoziieren kann, das waren die Kriegsfolgenstudien von Carl-Friedrich von Weizsäcker Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Es kamen hinzu die Untersuchungen über die Frage, wie man ein Abschreckungssystem, also die wechselseitige Androhung von Vernichtung, so strukturieren kann, daß es nicht explodiert, daß es nicht eskaliert zu einem heißen Krieg und damit zur Vernichtung des anderen, zusätzlich zu einer Selbstvernichtung. Wie kann man diese gesicherte Zweitschlagskapazität erreichen, wie man damals sagte, und was bedeutet das auf der politischen Ebene. Das waren in etwa die Ansätze zwischen 1958 und 1965. Und dann erst kommt die Friedensforschung, mit der ich selbst auch assoziiert war, die sehr abschreckungskritisch war, und das in einem sehr fundamentalen Sinne: Es gab eine Grundüberlegung, die besagte, daß wenn man von den immanenten Prämissen des Abschreckungssystems ausgeht, man es eigentlich nur quasi-pathologisch weiterbilden, aber es nicht überwinden kann. Inzwischen wissen wir natürlich, daß es möglich ist herauszukommen, indem einer der Kontrahenten den drop-out spielt, nicht mehr mitmacht, zusammenbricht, und das auf eine Weise, daß es nicht zu einer Explosion kommt. In jener Zeit tauchte dann die Idee der Entspannung auf, die nicht in Deutschland geboren worden ist, sondern in der Kennedy-Administration, also sechs, sieben Jahre vor der sozialliberalen Koalition hier, die dann aber durch die sozialliberale Koalition übernommen worden ist. Und nun sagen viele, rückblickend und auch in der damaligen sehr politischen und kontroversen Diskussion:Na ja, ihr seid ja im Grunde genommen nur Mitläufer oder Stichwortgeber der sozialliberalen Entspannungspolitik gewesen. Das ist aber völlig falsch, zumal die Überlegungen, die es in der Friedensforschung gegeben hat, älter waren. Sie waren auch grundlegender, sie waren nicht nur tagespolitisch orientiert. (...) Aber ich muß aus der Perspektive von damals und auch nachträglich sagen: Ein so geliebtes Kind waren wir wiederum auch nicht, auch nicht bei den Sozialliberalen. Es gab ganz wenige Politiker - dazu zähle ich Heinemann, und dazu zähle ich ganz sicher Willy Brandt -, die damals Entspannungspolitik betrieben haben und die auch gleichzeitig einen Zugang zu grundlegenderen Fragen hatten. Aber im Großen und Ganzen waren wir vielleicht sogar eher ein bißchen ein ungeliebtes Kind. Während der Phase der Entspannungspolitik hatten wir natürlich immer auch die Nur-Entspannungspolitik kritisiert. Wir sagten, die nur auf der psychologischen Ebene, nur auf der diplomatischen Ebene angesiedelte Politik ohne Veränderung des gesamten Unterbaus mit seiner Rüstungsdynamik - das kann nicht der Weg sein. Diese Argumente waren damals nicht beliebt. Insofern gab es ein spannungsvolles Verhältnis, das wir damals zwischen Politik und Friedensforschung durchlebt haben. Im Rückblick muß ich sagen, es konnte überhaupt nicht anders sein. Ich habe es mir freilich, damals, oft anders gewünscht: Was man selbst erkannt hatte, sollte zügiger, klarer und deutlicher in die Praxis übersetzt werden. |
Reinold Hermanns: |
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| Zwei Fragen zu dem, was Sie gesagt haben, Frau Birckenbach. Sie haben einmal die Rezeption erwähnt, also wie Sie von Politikern wahrgenommen werden oder eben nicht. Und zum anderen hatten Sie das feste Gefüge, die Polarität, die West-Ost-Spannung - Entspannung angesprochen. Das waren, wenn man so will, klare Koordinaten. Ist dieses Koordinatensystem mit 1989 und seinen Folgen hinfällig geworden? |
Hanne Margret Birckenbach: |
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| Für mich hat es viel weniger Auswirkungen gehabt als gemeinhin unterstellt wird, daß es Auswirkungen haben muß. Es hat Auswirkungen gehabt auf die Kollegen, die sich unmittelbar bezogen haben auf Rüstungskontrollverhandlungen, die auf die direkte Bearbeitung des Ost-West-Konfliktes fixiert waren. Auf den Bereich der Friedensforschung, der ein weiteres Blickfeld im Auge hat, hat es sich weniger ausgewirkt. Wir müssen doch sehen, daß sich von 1970 bis 1990 Erhebliches getan hat. Dieses System der Gegenpart, ist ja nicht über Nacht zusammengebrochen, auch wenn man den Zusammenbruch als ganz plötzlich empfunden hat. Da hat sich ja - auch im Laufe der Entspannungspolitik - sehr viel getan. Die ganze Menschenrechtsbewegung, die Kontakte nach Osteuropa hinein, die sind doch zumindest in den 80er Jahren sehr intensiv aufgebaut worden. Das gilt sowohl innerhalb der Friedensbewegung, als auch innerhalb der Friedensforschun, ohne daß das für jedermann unmittelbar sichtbar war. Die Fragenstellungen haben sich mit der Zeit verändert. Das heißt, in dem Moment, als politisch Menschenrechtsideen wirklich zum Tragen kommen konnten, waren viele Kollegen eben auch darauf vorbereitet, nun Sicherheitspolitik und Menschenrechtspolitik zusammenzudenken. Und das ist das neue Thema, jedenfalls für die europäische Situation nach 1990: der Ausbruch von sogenannten Minderheitenkonflikten, bei denen in aller Regel Menschenrechtsfragen mit sicherheitspolitischen Fragen und Grenzproblemen verbunden sind. Insofern ist für die Friedensforschung der Bruch nicht so deutlich, wie man gemeinhin annimmt. Wir müssen auch sehen, daß es eine ganze Reihe von Fragestellungen gibt, die in der Friedensforschung seit ihrem Beginn eine ungebrochene Kontinuität haben. Wie müssen Gegner miteinander umgehen, damit sie überleben? Die Aufrechterhaltung des Zusammenlebens auch bei schärfsten Kontroversen, das ist und war ein durchgängiges Thema. |
Dieter Senghaas: |
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| Für mich ist das Jahr 1989 eine viel größere Zäsur, als das Hanne Birckenbach gerade für sich dargestellt hat. Aus einem ganz simplen Grund: Ich selbst komme in der Friedensforschung eben aus dieser Konstellation heraus, die durch den Ost-West-Konflikt als die beherrschende Figur der Weltpolitik geprägt war, wo es das Abschreckungssystem gegeben hat. Und ich komme aus dieser Konstellation heraus mit einer Dissertation, die mit einer "Kritik der Abschreckung" genau diese Konstellation analytisch aufgespießt hat. Und alles was in diesem Sinne gemacht worden ist, von mir und vielen anderen, war doch durch diese Konstellation sehr stark geprägt. 1989, als die Mauer zusammenbrach, war für mich ganz momentan und zugespitzt klar, daß alle Kategorien, mit denen wir uns beschäftigt haben, und mit denen ich mich beschäftigt habe, in diesem Bereich hinfällig wurden. Mit dem 9. November 1989 war das so. Und was mir da ganz deutlich wurde, war die Frage: womit operieren wir jetzt? Mit welchen Kategorien? Zugespitzt ist uns klar geworden, wir hatten uns eigentlich nur mit dem sogenannten negativen Frieden beschäftigt: Wie können wir Gewaltpotentiale eindämmen und abfedern, damit sie nicht virulent werden und es zum heißen Krieg kommt und zur wechselseitigen Vernichtung. Jetzt haben wir eine Konstellation, wo sich die Problemlage verschoben hat, denn die eine Seite hatte sich verabschiedet. Es war auch klar, es wird keine neue Hegemonialstruktur geben - wie im rämischen Reich sozusagen -, wo wir eine große Figur haben, die dann alles lenkt und leitet. Man wußte über die Schwäche Amerikas der 80 Jahre, daß Amerika diese Funktion nicht wird übernehmen können, auch wenn es vielleicht so etwas noch wie eine Supermacht ist. Die Frage lautete also, was ist das konstruktive, das positive Friedenskonzept - doch damit hatten wir uns in der Zeit vor 1989 wenig beschäftigt. |
Reinold Hermanns: |
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| Da sind Sie sozusagen kalt erwischt worden. |
Hanne-Margret Birckenbach: |
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| Das ist nicht durchgängig so gewesen. Johann Galtung hat in den 60er Jahren ein Konzept für den positiven Frieden entwickelt, das meines Erachtens zu Unrecht von den meisten Forschern nicht wirklich aufgegriffen worden ist. Interessanterweise hat es in der Friedensbewegung eine viel größere Rolle gespielt als in der Friedensforschung, natürlich auch mit der fatalen Konsequenz, daß häufig darüber geredet wurde, ohne daß man die Sache richtig begriffen hatte. Aber das Nachdenken über das, was positiven Frieden meint, was die Bedingungen des Friedens sind, das hat es aus meiner Sicht damals auch gegeben. So bin ich in die Friedensforschung hinein sozialisiert worden. |
Dieter Senghaas: |
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| Ja, aber ich würde das also wirklich ernsthaft und belegbar bestreiten, daß es eine Sozialisation in Richtung positiven Frieden gibt über Engagement. Damals hatte man positiven Frieden assoziiert mit... |
Hanne Margret Birckenbach: |
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| ... Gerechtigkeit. |
Dieter Senghaas: |
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| ... mit Gerechtigkeit, ja, aber das ist kein zureichendes Konzept. (...) |
Reinold Hermanns: |
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| Wer rezipiert Sie denn eigentlich in der praktischen Politik seitens der Macher und wer vernimmt Ihr Anliegen seitens der Öffentlichkeit? |
Hanne-Margret Birckenbach: |
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| Man kann sich in den letzten Jahren über eines nicht beschweren, über einen Mangel an Öffentlichkeit. Es hat eine Vielzahl von Debatten um den Krieg in Jugoslawien gegeben. Doch es hat natürlich die Dominanz bestimmter Positionen gegeben und das Zurückdrängen anderer Positionen. Aber im Großen und Ganzen würde ich nicht mehr soweit gehen, daß ich sage, die pazifistischen Strömungen haben verloren. Wir müssen Friedensstrukturen schaffen, die so etwas verhindern wie zum Beispiel ein zweites Jugoslawien. |
Reinold Hermanns: |
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| Ich möchte trotzdem weiter bohren. Wer nimmt Sie wahr in der Politik und wie verläuft diese Wahrnehmung, und wie verläuft die Vermittlung Ihres Anliegens in der Politik heute? |
Dieter Senghaas: |
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| Wenn man das vergleicht mit früher, also vor nunmehr 20 - 25 Jahren, ist die Situation heute glänzend. Denn damals war die Friedensforschung ein dünnes Pflänzchen. Ganz wenige Leute mühten sich um Themen, die eigentlich typischerweise in den klassischen Disziplinen - Politikwissenschaft, Ökonomie usw. - hätten bearbeitet werden müssen. (...) Es hat damals unglaublich viele Berührungsängste gegeben, auf der Seite der unternehmerischen Verbände, der Gewerkschaften, der Oppositionsparteien, der Regierungsparteien. Die Medien hatten ein eher instrumentelles Verhältnis, wenn sie was nutzen konnten, dann nutzten sie das, aber sie hatten kein kontinuierliches Interesse. Das ist heute alles wesentlich besser. Es gibt heute z.B. viele Arbeitskreise und Gesprächskreise, zwischen Friedensforschern und Ministerialbeamten, ohne irgendwelche Vorbehalte und ideologische Scheuklappen. Man kann sagen, das ist heute schon fast ein Stück Routine. Es gibt heute Brückenschläge aus dieser Wissenschaft in diverse Felder der Praxis, von den auswärtigen Ämtern bis zu den Journalisten und den pädagogischen Praxisfeldern. |
Hanne-Margret Birckenbach: |
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| Man muß noch hinzufügen, daß auch eine Reihe von Kollegen, die ursprünglich in der Wissenschaft gearbeitet haben, heute auch als Experten bei den internationalen Organisationen tätig sind und in wechselnden Funktionen, mal als Mitarbeiter von internationalen Organisationen, mal als Wissenschaftler tätig werden. Das Personal arbeitet in wechselnden Rollen. Auch beim Austauschprozeß zwischen den Nicht-Regierungs-Organisationen und den internationalen Organisationen hat sich sehr viel getan. Trotzdem muß man natürlich sagen, es läuft vieles noch nicht so, wie man sich das wünscht. |
Reinold Hermanns: |
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| Das wäre auch meine ganz konkrete Frage bei allen Fortschritten. Wo sind die Defizite und entsprechend, wo sind denn die Entwürfe? Oder sagen wir es etwas bescheidener, was sind die Wünsche an die internationalen Organisationen? Nehmen wir nochmals das Beispiel Ex-Jogoslawien, wo es ja eine sehr prekäre Situation gab und diese Organisation sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Was für Vorschläge haben Sie denn für eine Organisation? Ich sag' mal pathetisch: Vorschläge für einen Weltstaat. Was muß sich ändern im internationalen Politik-Gefüge, um präventiv wirken zu können?Oder, um einen Begriff von Ihnen aufzunehmen, wie läßt sich Frieden positiv konstituieren? |
Hanne-Margret Birckenbach: |
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| Für die Wissenschaft wird das als erstes bedeuten, nachzuschauen, wo bereits Erfolge sichtbar geworden sind. WelchenArrangements haben zu Friedenserfolgen geführt? Sie brachten eben das Beispiel Jugoslawien und das Scheitern der Vereinten Nationen in Jugoslawien. Nicht alles, was die Vereinten Nationen in Jugoslawien gamacht haben, ist schlecht gewesen. Man kann nicht die Vereinten Nationen am Beispiel Jugoslawien diskutieren, sondern man muß es am Gesamtspektrum dessen tun, was sie unternehmen. Die Vereinten Nationen waren sehr hilfreich beispielsweise in der Vermittlung, in der Beratung der Konflikte in den baltischen Staaten. Sie konnten dort hilfreich sein, weil sie gleichzeitig ganz stark vernetzt sind mit anderen internationalen Organisationen. Wenn man danach fragt, was hat die Gewalteskalation in den baltischen Staaten verhindert, dann ist sicherlich ein ganz bedeutender Faktor, daß da nicht eine Organisation am Werk war, sondern viele internationale Organisationen, sowohl Nicht-Regierungs-Organisationen wie Regierungs-Organisationen. Das hat eine Pluralität der Perspektiven gebracht, die es den Kontrahenten ermöglicht hat, sich einzufädeln und miteinander zu diskutieren. Also die Pluralität, die Gewährleistung der Pluralität der Perspektiven würde ich als einen wesentlichen Faktor, als ein Element in der Friedensstruktur betrachten. Die Friedensforschung hat begonnen, darüber nachzudenken, wo es erfolgreiche zivile internationale Interventionen gegeben hat und welche Schlußfolgerungen man daraus ziehen kann. Diese Forschung ist in der Tat erst seit den neunziger Jahren in Gang gekommen. |
Dieter Senghaas: |
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| Aber das ist natürlich auch bedingt durch die neue Konstellation. |
Hanne-Margret Birckenbach: |
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| Wobei es schwierig ist für uns zu definieren, was überhaupt ein Erfolg ist. Im Alltagsverständnis herrscht die Vorstellung, ein Konflikt ist erfolgreich bearbeitet, wenn er weg ist. Man muß jedoch Erfolg dahingehend definieren, ob die Fähigkeit der Akteure wächst, miteinander zu kooperieren - trotz aller Streitfälle. |
Reinold Hermanns: |
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| Mithin wären da wieder die politisch Verantwortlichen Ihre Gesprächspartner und die, an die diese Wünsche zu richten wären. Was hätten Sie konkret für Wünsche an deutsche Politiker betreffs der Rezeption von friedenspädagogischen Gedanken? |
Dieter Senghaas: |
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| Ich will einen Wunsch äußern, der ganz utopisch ist, obwohl er vielleicht völlig banal klingt. Ich wünsche mir, daß verantwortliche Politiker mehr Zeit hätten,um sich hinzusetzen und nachzudenken. Sie brauchen mehr Zeit, um etwas systematisch zu durchdenken und sich eine Perspektive zu erarbeiten. Ein guter Politiker ist ein Politiker, der ein Projekt im Kopf hat, der etwas erreichen will und der über zehn, fünfzehn Jahre hinweg mit großem Geschick auf vielen Wegen versucht, genau dieses Projekt zu verfolgen. In dem Sinne war übrigens Hans Dietrich Genscher ein guter Politiker. Der hatte die KSZE als Projekt im Kopf. Die KSZE mußte aufgebaut und gerettet werden und das in einer Konstellation, da die Zuspitzung des Ost-West-Konfliktes am Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre darauf eher gerichtet schien - das betraf die späte Carter-, die Reagen- und die Breschnjew-Administration - diesen Zusammenschluß aus der Welt zu schaffen. (...) |
Reinold Hermanns: |
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| Die Zeit drängt, auch wir sind nicht ganz frei von Hektik. Deshalb Frau Birckenbach, noch ein Stichwort: "Kollektiver Lernprozeß" - das ist der neue Frieden und ist hier in Bezug auf die baltischen Staaten gefallen. Wenn Sie vielleicht noch sagen könnten, was dieses Lernen beinhalten könnte. |
Hanne-Margret Birckenbach: |
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Wenn man das am Beispiel der baltischen Staaten diskutieren will, dann rate ich doch, daß man sich zu Herzen nimmt: alles was für die anderen gut ist, ist für einen selber auch gut. Die baltischen Staaten werden sehr intensiv dahingehend beraten, daß sie in Dialog treten sollen, daß sie sich Zeit nehmen sollen, daß sie mit den verschiedenen zerstrittenen gesellschaftlichen Gruppen zusammensitzen sollen und in Ruhe diskutieren. Es wird versucht, Zeit zu schaffen, und diesen Faktor hat Dieter Senghaas ja gerade auch angesprochen. Der zweite Punkt ist auch, mutig zu sein, nicht nur das zu sagen, was gerade opportun ist. In unserer Politik ist das Problem nicht nur, daß die Spitzenleute keine Zeit haben, sondern es ist auch das Problem, daß sie vielleicht auch nicht genügend Mut haben, nicht genügend Courage besitzen, gegenüber der Partei und gegenüber den Parteivorsitzenden das zu sagen, wovon sie durchaus auch überzeugt sind in einem Gepräch mit einem Wissensschaftler. Sie fragten vorhin nach einer Wunsch-Liste. Also ich denke angesichts der anwachsenden Diskussion, angesichts des enormen Bedarfs und auch des Interesses der Öffentlichkeit an den Fragen gibt es einfach zu wenig Friedensforscher. Und es gibt insbesondere auch zu wenig Frauen in der Friedensforschung. |
Reinold Hermanns: |
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| Vielen Dank, ein Schlußwort in diesem Falle, das zur weiteren Diskussion anregen könnte, und sollte. Soviel zum Thema konstruktive Konfliktbearbeitung und Friedensforschung. Ich danke meinen Gästen im Studio, Dr. Hanne-Margret Birckenbach vom SHIFF, also dem Schleswig-Holsteinischen Institut für Friedenswissenschaft an der Universität Kiel und Prof. Dieter Senghaas von der Universität Bremen. Am Mikrofon verabschiedet sich Reinold Hermanns. |
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