
Mehr Fragen als Antworten Anmerkungen aus dem Verein für Friedenspädagogik zum Krieg am Golf (1991)
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| Der Krieg am Golf stellt in vielfacher Hinsicht eine große Herausforderung
für die Arbeit in einer friedenspädagogischen Einrichtung dar.
In aller Schärfe werden erneut die Grundfragen der Friedenspädagogik
aufgeworfen: Sind Menschen friedensfähig? Ist eine Erziehung zum Frieden
überhaupt möglich? Läßt sich Gewalt in der internationalen
Politik vermeiden? Diese Fragen wirken angesichts des Ausmasses von Gewaltpotentialen und Zerstörungen erdrückend; sie müssen (und werden) in ihrer Globalität weiterhin offen bleiben. Doch der Alltag verlangt Reaktionen und Antwortversuche. Was kann angesichts der vielen Anfragen nach Informationen und Beratung getan werden, um wenigstens die (begrenzten) Chancen einer Erziehung zum Frieden wahrzunehmen? |
1. Das Unfaßbare begreiflich machen: Krieg nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes |
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| Viele Menschen waren hoffnungsvoll, daß nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes
Kriege in Europa und auf der ganzen Welt unwahrscheinlicher werden würden.
Der Krieg am Golf zeigt mit aller Brutalität den Irrtum dieser Hoffnung
auf. Friedenspädagogik und -forschung ist selbst der Dominanz des Ost-West-Konfliktes
zum Opfer gefallen und hat damit auch zu der Hoffnung beigetragen, mit der
Auflösung dieser Problemkonstellation würden alle "untergelagerten"
Konflikte verschwinden oder gemindert werden. "Unsere" Fixiertheit
auf Europa und die Supermächte rächt sich. Einer der blinden Flecke
unseres Weltbildes wird grell erleuchtet. Wie reagieren die Menschen darauf? Während auf der einen Seite eine große Informations- und Aktionsbereitschaft erkennbar ist, steigt auch Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit, eine fatalistische Einstellung und die Bereitschaft zum Rückzug in die "Geborgenheit". Und es gibt auch Zustimmung zum Krieg. Meinungsumfragen aus den USA zufolge unterstützen nach Kriegsbeginn 86% der US-Bürger den Kurs von Präsident Bush (vor Ablauf des Ultimatums waren 76% gegen einen Waffenseinsatz!). In der Bundesrepublik halten 66% das militärische Eingreifen nach Ablauf des Ultimatums für "notwendig" (EMNID, im Auftrag des Spiegel, Nr. 5 / 1991). Einfache Erklärungsmuster werden gesucht, womit u.a. die Bereitschaft zum Aufbau neuer Feindbilder steigt, um das Unerklärliche greifbar zu machen. Diese Gefahr ist angesichts der fehlenden Kenntnisse und den vielfach oberflächlich vermittelten Stereotypen über Politik, Geschichte oder Religion ("der Islam" als Feindbild) im Nahen und Mittleren Osten besonders groß. Deshalb ist es jetzt entscheidend, den Golfkonflikt nicht erst mit Ausbruch des Krieges zu betrachten, sondern in seiner langjährigen Entstehung. Und: Die Anerkennung von Komplexität erfordert auch, daß trotz des Golf-Krieges gerade jetzt andere Konflikt- und Kriegsherde (wie z.B. das Baltikum) nicht vergessen oder bewußt in die Warteschleife gesetzt werden dürfen. Zum Jahreswechsel 1990/91 fanden ca. vierzig Kriege auf der Welt statt, mit unzähligen Opfern. Erfahrungen aus der Friedenspädagogik zeigen, daß in solchen historischen Situationen, die allzu leicht Unsicherheit, Vereinfachung und folglich auch Polarisierungen hervorrufen, fundierte Hintergrundinformationen außerordentlich wichtig sind. Informationen über Hintergründe und Dimensionen des Golfkrieges müssen jedoch so verfügbar gemacht werden, daß Kontroversen sichtbar und nachvollziehbar sind und die Opfer nicht ausgeklammert werden. |
2. Den Schleier lüften: Die Faszination des Krieges und seine Vermarktung |
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| Der Krieg am Golf ist auch ein Medienkrieg: Die Korrektur angeblicher militärischer
"Erfolgsmeldungen" durch kritische Reportagen und die Konterkarierung
durch Berichte über die Opfer wird durch die Pressezensur erheblich
erschwert. Meldungen über Schwerverletzte sind vom amerikanischen Militärzensor
verboten. Folglich schlägt Rüdiger Schlaga, Pressesprecher der
Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung den Journalisten einen
Berichterstatter-Streik vor und etwa 50 Redakteure des ZDF haben schon gegen
die menschenverachtende Informationspolitik protestiert. Zu verhindern ist,
daß der Krieg zum Technik-Ereignis wird, indem die Grenzen zwischen
Realem und Irrealem verfließen, daß "Feuerzauber statt
Menschen" gezeigt werden. Wie beim Videospiel werden irakische Bunker
mit Raketen "geknackt" und Führungsquartiere zielgenau "vernichtet".
Die Faszination der Waffen wird bewußt eingesetzt: amerikanische Panzer
im Gegenlicht, Piloten kehren vom "interessanten" Angriff zurück.
Jugendliche sind fasziniert und drängen sich vor den Kriegsspielautomaten
in den Spielhallen. Schon reagiert die Spielautomaten-Industrie und entwickelt
"Golfkrieg-Spiele". Doch Krieg darf nicht zum Spiel werden! Friedenspädagogik muß sich dieser neuen Art der elektronischen Kriegsführung und der manipulierenden Medienberichterstattung stellen und z.B. erklären, was sich die Zensoren von ihren Manipulationen erhoffen. Die Sprache der zensierten Berichterstattung ist zu analysieren. Was ist gemeint und welche Worte werden bewußt vermieden, wenn von "militärischen handlungen" und "Feindberührungen" die Rede ist? Friedenspädagogik kann die Dinge beim Namen nennen und Euphemismen aufdecken und damit zum kritischen Umgang mit Nachrichten beitragen. Sie muß und kann (auch unter Rückgriff auf vergangene Kriege) auf die Opfer aufmerksam machen. Es dürfe, so der Vorsitzende des deutschen Komitees "Cap Anamur - Deutsche Notärzte", kein "heimliches Trauerverbot" für die irakischen Opfer der Bombardements geben. |
3. Zur Kritikfähigkeit beitragen: Welche Gefahren drohen wirklich? |
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| Der Krieg am Golf wird von vielen Menschen als direkte, physische Bedrohung
empfunden. Die diesen Wahrnehmungen zugrunde liegenden Bedrohungsszenarien
für Europa (Ökologie, Terror etc.) sind keineswegs eindeutig und
müssen genauso kritisch hinterfragt werden wie tägliche Berichterstattung
der Medien. Sind sie nicht auch Teil eines eurozentristischen Denkens? Die
Diskussionen um die Einschätzung der der Umwelt-Folgen der Entzündung
("Abfackeln"!) irakischer oder kuwaitischer Ölfelder (vgl.
Die ZEIT, 18.1.1991) zeigen exemplarisch, daß noch längst keine
gesicherten Erkenntnisse über die Folgen "neuer Kriegsführungsstrategien"
vorliegen. Friedenspädagogik muß auch bzw. gerade in Krisenzeiten daran festhalten, daß durch das Aufzeigen inhaltlicher Kontroversen die Chance zur eigenen Meinungsbildung aufrecht erhalten werden kann. Weder Dramatisierung noch Verharmlosung ist hilfreich. |
4. Die Ängste ernst nehmen: Vom Umgang mit den Kindern |
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| Kinder sind in ganz besonderm Maße mit dem neuen "Medienkrieg"
konfrontiert. Welche Umgangsformen mit dieser Angst gibt es? Welche Rolle
spielt die Vorbildfunktion der Erwachsenen? Die Sorgen der Eltern adäquat beantworten zu können, ist eine große Herausforderung für die Friedenspädagogik. Anläßlich des Golfkrieges hat der Präsident des Kinderschutzbundes, Walter Bärsch, zu Recht die Eltern davor gewarnt, wegen des Golfkrieges in Anwesenheit ihrer Kinder in Panik zu geraten. Wenn Kinder Ängste zeigen, sollten Eltern diese ernstnehmen und auf keinen Fall bagatellisieren (Südwest-Presse, 22.1.1991). Der Verein für Friedenspädagogik hat in einem Faltblatt "Vom Umgang mit Kindern in schwierigen Zeiten" elf Empfehlungen für Eltern zusammengestellt. |
5. Der Betroffenheit nachspüren: Ursachen für das Engagement der Jugendlichen |
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| Während der ersten "Kriegswoche" fiel das erstaunlich große
Engagement von SchülerInnen auf. In vielen Gesprächen hat sich
gezeigt, daß neben der prinzipiellen Ablehnung von Krieg und Gewalt
die große Betroffenheit aus einer Verbindung von den durch den Krieg
entstandenen persönlichen Bedrohungen und der allgemeinen Lebenslage
resultiert. Wer Handlungsperspektiven entwickeln will, muß genau diesen Zusammenhang beachten. Friedenspädagogik muß darauf hinweisen, daß der "Ausbruch der Gefühle" auch vielfältige Ursachen in der eher als negativ empfundenen Situation der Jugendlichen hat und auf Zukunftsängsten basiert, die längst vor dem Golfkrieg vorhanden waren. Sie finden in diesem Krieg einen Kulminationspunkt: Krieg und ökologische Katastrophe bedrohen die Zukunft gleichermaßen. |
6. Den Rückzug verhindern: Das Engagement unterstützen |
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| Erfahrungen aus der politischen Bildungsarbeit zeigen, daß politische
Ohmmachtsgefühle und mangelnde Partizipationsbereitschaft weit verbreitet
sind. Wie kann Interesse an Offenheit, an der langfristigen Auseinandersetzung
mit dem Problem geschaffen werden, um das moralisch und individuell begründete
Engagement zu fundieren? Wie lassen sich die vorhersehbaren Frustrationen
"auffangen"? Schwer zu verkraften sei es für die Jugendlichen,
so der Frankfurter Jugendtherapeut Jörg Bopp,sich auf der eindeutig
richtigen Seite zu wissen und dann festzustellen, daß weder die Mächtigen
noch die Mehrheit der Bevölkerung diesen Einsatz honorieren, daß
die Erwachsenenwelt mit einer "penetranten Dickfelligkeit" auf
die Proteste reagiert (Der Spiegel, 5/1991). Die Erfahrungen während der Auseinandesretzung mit dem Golfkrieg werden mit zur Identitätsbildung für einen großen Teil der jüngeren Generation beitragen. Friedenspädagogik muß mit ihren begrenzten Möglichkeiten dazu beitragen, daß der Mut zum Engagement trotz Ohnmacht und Ausgrenzung anhält. |
7. Kritische Solidarität: Die "Naivität der Friedensbewegung" |
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| Auf einer Kundgebung in Tübingen hat der Pädagoge Andreas Flitner
(rhetorisch) die Frage gestellt, ob die Friedensbewegung so naiv ist wie
ihre Parolen. Die Friedensbewegung muß sich momentan mit drei Vorwürfe
auseinandersetzen: Eindimensionalität: In den Aufrufen, Kundgebungen und Aktionen spiegele sich nur Kritik an dem Vorgehen der USA wieder, der eigentliche Aggressor Saddam Hussein werde zu wenig angeprangert. Der Vorwurf vom Anti-Amerikanismus macht wieder die Runde. Phantasielosigkeit: "Hört auf mit den kraftlosen, gebetsmühlenhaft wirkenden Slogans: "Kein Blut für Öl"", bat v. Hentig seine Zuhörer auf einer Kundgebung vor dem Kriegsbeginn: "Ermöglicht vielmehr beiden Seiten, miteinander zu sprechen - in einem Klima nicht der ultima, sondern der proxima ratio. Macht beiden Seiten klar, was die Welt von ihnen erwartet: keine "Siege", sondern Vernunft, keine Lösungen auf einen Schlag, sondern einen geduldigen Lösungsprozeß. Ihr "Gesicht" behalten oder verlieren sie vor uns. Also müssen wir sagen, was wir für Verlust oder Gewinn halten". Falsche Harmonie: Unter dem allgemeinen Motto "Kein Blut für Öl" werde zwar ein Minimalkonsens möglich, wichtige Konflikte und Meinungsunterschiede aber verdeckt. Friedenspädagogik und -forschung müssen mithelfen, daß Forderungen und Aktionsformen reflektiert werden können. Sie können ein Forum bieten und müssen eigene Impulse in die Diskussion eingeben. Wäre es nicht jetzt z.B. wichtig, eine grundsätzliche Diskussion über Gewaltanwendung als Konfliktlösungsmuster zu forcieren? Die Art der Auseinandersetzung mit dem Golf-Krieg innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft macht deutlich, daß die Friedensarbeit der letzten Jahre nicht umsonst war. Die Diskussionen verlaufen nicht mehr in festgefügten Schwarz-Weiß-Bildern wie in vergleichbaren historischen Fällen. Sie sind intensiv und engagiert und geprägt von gegenseitigem Respekt. Zumindest diese Entwicklung gibt Anlaß zu Hoffnung. Auch zeigt sich, daß langfristige Kampagnen - wie z.B. gegen Rüstungsexporte - Früchte tragen. |
8. Die "Politikfähigkeit" stärken: Forderungen, Adressaten und Aktionsformen in Einklang bringen |
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| Friedenspädagogische Bildungsarbeit muß angesichts des Golfkrieges die Frage nach den politischen Eingriffsmöglichkeiten stellen und problematisieren. Wer sind die adäquaten Ansprechpartner und Adressaten für die Forderungen nach Beendigung des Krieges? Wie lassen sich welche Forderungen mehrheitsfähigmachen? Friedenspädagogik muß auch weiterhin dazu ermutigen, an der Erweiterung der demokratischen Mitsprache mitzuwirken. |
9. Angemessen reagieren: Vermittlung von Informationen und Handlungsperspektiven |
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| Mit Sicherheit ist die Vermittlung von Informationen wichtig, um von der
moralischen Betroffenheit hin zu einer adäquaten Auseinandersetzung
mit der Problematik zu gelangen. Doch die Vermittlung von Informationen
setzt Kriterien der Auswahl und Möglichkeiten ihrer Verarbeitung voraus.
Ein Beispiel: Brauchen wir zivile "MilitärexpertInnen", die
treffend darüber Bescheid wissen, welche Reichweite eine Scud-Rakete
hat und welche biologischen Kampfstoffe es gibt? Die in Krisenfällen immer schnell auftauchende Frage nach eigenen und gemeinsamen Handlungsperspektiven ist verführerisch. Sie ist außerdem prinzipiell kaum zu beantworten. Der Frieden muß erarbeitet werden, er muß wachsen, er kann in einer gegebenen historischen Situation nicht einfach durch ein Allheilmittel herbeigeführt oder gar erzwungen werden. Neben der Erörterung von Handlungsperspektiven sollten daher auch Ansatzpunkte im Alltag gesucht und aufgezeigt werden: Die Kenntnisse über die eigenen Verstrickungen (Wohlstand, Auto etc.) sind Bezugspunkte für persönliches Engagement. Nur eine (individuelle und kollektive) Bereitschaft zum Verzicht auf Privilegien, ein Überdenken und Verändern des Lebensstils kann der im Golfkonflikt wieder einmal zutage tretenden Abhängigkeit vom Öl und ganz generell, dem Grundkonflikt zwischen "Arm" und "Reich" eine neue Dimension geben. |
10. Impulse setzen: Eigene Fragestellungen eingeben |
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Friedensarbeit braucht einen langen Atem - diese Aussage ist zu einem
Allgemeinplatz geworden, trifft jedoch auf das Engagement gegen den Golfkrieg
im besonderen zu. Wenn der Krieg in den Alltag eindringt, muß die
Friedensarbeit ebenfalls in den Alltag integrierbar sein.
Die Etablierung gewaltfreier Konfliktlösungsmuster im Nahen Osten (und anderso) bedarf starker Impulse von "unten"; Friedenspädagogik muß und kann hierzu beitragen. |
| Uli Jäger: Mehr Fragen als Antworten. Anmerkungen aus dem Verein für Friedenspädagogik zum Krieg am Golf (1991). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993. |
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