Friedenserziehung



Friedenspädagogische Anforderungen an Methoden (1992)

Günther Gugel



Auswahl und Anwendung von Methoden der friedenspädagogischen Bildungsarbeit müssen in vier Bereichen Mindeststandarts erfüllen:

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Friedenserziehung

1. Fachwissenschaftliche Ebene

2. Allgemeinpädagogische Ebene

3. Methodenkritische Ebene

4. Friedenspädagogische Ebene

5. Problembereiche

6. Allgemeine Grundsätze des Friedenslernens

1. Fachwissenschaftliche Ebene

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Methoden sind nicht inhaltsneutral einsetzbar. Ihre Auswahl und Anwendung wird neben der Teilnehmergruppe wesentlich von Inhalten und Zielen bestimmt. Auf der inhaltlichen Seite müssen die angewendeten Methoden gewährleisten, daß sie fachwissenschaftlichen Inhalte nicht verfälschen und auch nicht zu sehr verkürzen.
Bei friedenspädagogischen Lernprozessen sind die Inhalte nicht beliebig. Sie leiten sich ab aus der Analyse der Bedrohung des Friedens, aus dem anzustrebenden Ziel Frieden und aus den individuellen, gruppenspezifischen und kollektiven Voraussetzungen des Frieden.
Auf diesem Hintergrund ist zu fragen:

  • Entsprechen die Inhalte dem Stand der (Friedens-) Wissenschaft?
  • Werden Gegenpositionen ausdrücklich und fair einbezogen?
  • Werden Begründungszusammenhänge und Ableitungen mitgeliefert
  • Wird die Abhängigkeit der Inhalte von Weltbildern (ideologischen Systemen) durchschaubar gemacht?
  • Wird die didaktische "Reduktion (bzw. Konstruktion) der Wirklichkeit" bewußt vollzogen und auch den TeilnehmerInnen vermittelt?

2. Allgemeinpädagogische Ebene

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Auf der allgemeinpädagogischen Ebene müssen die Grundsätze einer emanzipativen Bildungsarbeit berücksichtigt werden:

  • Knüpfen die Inhalte und Methoden an Vorwissen, Einstellungen und Verhaltenserwartungen der TeilnehmerInnen an?
  • Werden die spezifischen Bedingungen der Zusammensetzung der TeilnehmerInnen bei der Methodenauswahl berücksichtigt?
  • Tragen die Methoden dazu bei Lernbereitschaft zu wecken und zu erhalten?
  • Tragen die Methoden dazu bei Lernbereitschaft zu wecken und zu erhalten?
  • Fördern die Methoden Eigeninitiative und selbstorganisierte Lernprozesse?
  • Ermöglichen die Methoden Selbstreflexion und Handeln?
  • Fördern die Methoden eine mehrdimensionale Sichtweisen von Fragestellungen und Problemen?
  • Sind die Methoden auf Dialog und Diskurs ausgerichtet?
  • Berücksichtigen die Methoden "Rationalität und Emotionalität" der TeilnehmerInnen?
  • Ermöglichen die Methoden eigene Kompetenzerlebnisse?
  • Sind die Methoden mit der Offenheit von Lernprozessen anstelle von geschlossenen Lernmodellen vereinbar?
  • Tragen die Methoden dazu bei Methodenkompetenz bei den TeilnehmerInnen zu entwickeln?

3. Methodenkritische Ebene

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Bei aller Vielfalt der Methoden gibt es doch grundlegende Prinzipien, die bei der Erarbeitung und Anwendung zu beachten sind. Hierzu gehören u.a.:

  • Die Reduzierung der Komplexität von Wirklichkeit (exemplarisches Lernen). Die vielfältigen, oft undurchschaubaren Zusammenhänge der Wirklichkeit werden exemplarisch auf ihren Grundgehalt zurückgeführt (ohne die Wirklichkeit zu verfälschen).
  • Das Prinzip der Kontrastierung bzw. Pointierung. Durch Hervorhebung oder Überbetonung wird die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf bestimmte Gesichtspunkte konzentriert.
  • Das Prinzip der Verfremdung (gedanklichen Distanzierung). Gewohnte oder verfestigte Sichtweisen werden durch ungewohnte Betrachtungsweisen aufgebrochen.
  • Das Prinzip der Anschaulichkeit (Konkretheit, Visualisierung). Inhalte, Sachverhalte oder Probleme werden aus abstrakten Zusammenhängen gelöst und unmittelbar auf vertraute Sichtweisen und den schon vorhandenen Erfahrungshintergrund bezogen.
  • Das Prinzip des eigenen Tuns (Handelns). Inhalte werden aufgrund von aktivitäts-(oder erlebnis-)bezogene Formen der Auseinandersetzung handhabbar.
  • Das Prinzip der Handlungsorientierung. Politische Bildung soll durch Inhalte und Methodik letztlich zu kritischem politischen Handeln motivieren und befähigen.

4. Friedenspädagogische Ebene

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Grundbedingungen des Friedens sind u.a die Überwindung und Vermeidung von Gewalt, die Mit- und Selbstbestimmung sowie die Gewaltfreie Konfliktlösung. Diese Prinzipien müssen sich auch in den angewandten Methoden wiederfinden lassen.
Methoden sollen so dazu beitragen

  • gegen Gewalt auf allen Ebenen zu sensiblilieren;
  • Friedlosigkeit aufzudecken;
  • Ideologiekritik zu üben;
  • Doppelmoral der Gewaltdiskussion durchschaubar zu machen;
  • zur Teilnahme an politischem Handeln befähigen;
  • Kompetenzen der TeilnehmerInnen einzubeziehen;
  • Sichtweisen "von unten" anzubieten;
  • Ökologisches Lernen fördern;
  • die moralisch, ethischen Bezüge der jeweiligen Themen deutlich machen.

Als oberstes Kriterien für alle friedenspädagogischen Lernprozesse muß gelten, daß keine Gewalt im Bildungsprozeß produziert oder reproduziert werden darf.
Dies bedeutet konkret, daß unter friedenspädagogischen Gesichtspunkten Methoden

  • in der Sozialform eher Gruppenarbeit anstelle von Einzelarbeit fördern sollten, eher den Diskurs ermöglichen, denn die Belehrung propagieren müssen.
  • in der Aktionsform eigenes recherchieren, bewerten und darstellen anstelle von nachvollziehen und übernehmen von Wissen stehen muß.
  • in der Handlungsorientierung die politische Aktion (parlamentarisch und außerparlamentarisch) die Bildungsarbeit ergänzen und begleiten muß.
  • in der allgemeinen Ausrichtung alle Aspekte des Lernens ("Kopf, Herz und Hand") anstelle von einseitig kognitiven Prozessen berücksichtig werden sollten.

Dies erfordert auch das Einbeziehen aller TeilnehmerInnen (wo immer das möglich ist) bei der Gestaltung von Lern- und Arbeitsprozessen.

5. Problembereiche

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  • Friedenspädagogik hat bislang kein eigenes Methodeninstrumentarium entwickelt. Allenfalls können Bedingungen an Methoden (und Bildungssituationen) formuliert werden, die unter friedenspädagogischen Gesichtspunkten unablässig sind.
  • Friedenspädagogik bezieht sich auf personales, soziales und politisches Lernen. Welche sind die geeigneten Methoden die möglichst alle drei Bereiche fördern?
  • Viele der Themenfelder der Friedenserziehung sind nicht im Nahbereich, sondern im Bereich der internationalen Beziehungen angesiedelt. Direkte Betroffenheit ist nur in wenigen Bereichen vorhanden. Wie kann diese oft beschriebene Kluft zwischen "Mikro- und Makrobereich" methodisch methodisch fruchtbar angegangen und aufgearbeitet werden?
  • Der Grad zwischen Sensibilisierung gegen Gewalt und Moralisieren der Gewalt ist sehr schmal. Wie kann verhindert werden, daß Methoden nur Betroffenheit erzeugen und zur moralischen Entrüstung beitragen ohne Hintergründe zu verstehen und zu analysieren.
  • Friedenserziehung ist eine wertgebundene Erziehung. Bildungsarbeit lebt jedoch davon, daß sie zwar Vorgaben macht, das Ergebnis des Diskussionsprozesses jedoch offen läßt.
  • Handlungsorientierung ist nur sinnvoll und wirkt nur ermutigend, wenn auch (zumindest partiell) Erfolgserlebnisse möglich sind. Wo und wie sind diese im Themenbereich Frieden zu erreichen? Was kann als "Erfolg" definiert werden?
  • Methoden sind Werkzeuge um bestimmte Ziele zu erreichen. Ein monokausales Verständnis des Zusammenhangs von Methode und Ziel ist jedoch nicht hilfreich eine umfassend, die gesamte Person einbeziehende Bildungsarbeit zu unterstützen.
  • Methoden sind nicht unabhängig von Zielen, Inhalten, Bildungssituationen und der Leiterpersönlichkeit einsetzbar. Lassen sich zu diesen Bereichen jeweils konkrete Anforderungsprofile formulieren und wie sind diese einlösbar?
  • Der Einsatz von Methoden findet weitgehend unreflektiert, um nicht zu sagen "naiv" statt. Wie läßt sich eine Methodenkompetenz systematisch vermitteln.
  • Erfahrungsberichte oder gar systematische Auswertungen über die Einsatzbedingungen und die Wirkung bestimmter Methoden in der politischen (friedenspädagogischen) Bildungsarbeit fehlen weithin. Diese wären jedoch andererseits genau Voraussetzung um ein sicheres Methodenwissen zu entwickeln.

6. Allgemeine Grundsätze des Friedenslernens

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  • Friedenslernen soll an Lebenssituationen der Lernenden anschließen, muß Vorgedachtes berücksichtigen und eine behutsame Begleitung der Lernenden sein.
  • Friedenslernen soll Autonomieerlebnisse zulassen (d.h. die Erfahrung vermitteln, daß eigenes Handeln Veränderung bewirken kann, zumindest nicht immer zu Mißerfolgen führt).
  • Friedenslernen darf nicht einseitig auf Wissenszuwachs ausgerichtet sein, sondern muß ebenso die emotionale und die Handlungsebene integrieren.
  • Friedenserlen soll Raum für spontaneität, Kreativität, Selbstentfaltung und Selbstbestimmung geben.
  • Friedenslernen soll berücksichtigen, daß lernen in Gruppen gemeinsamkeiten fördert und Solidarität ermöglicht.
  • Friedenserlen soll transparent sein, d.h. Sinn, Zweck und Organisation des Lernens sollen allen Beteiligten offengelegt und von ihnen mitbestimmt und akzeptiert sein.
  • Friedenslernen soll auf dem Prinzip der Parteilichkeit fußen.
  • Friedenslernen darf kein einmaliger Akt sein.Kontinuität ist ein entscheidendes Kriterium für Friedenserziehung.
  • Friedenslernen soll denLernenden auch eine (neue) geistige und emotionale Heimat geben können.
  • Friedenslernen darf vorgegebene Grenzen des Handelns nicht verleugnen, sondern soll diese bewußt einbeziehen.

Günther Gugel: Friedenspädagogische Anforderungen an Methoden politischer Bildungsarbeit (1992). In: Günther Gugel / Uli Jäger (Hrsg.): Friedenserziehung. Arbeitsansätze, Anregungen und Erfahrungen aus dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen. Eine Dokumentation. Tübingen 1993.

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