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Der Krieg - er ist nicht tot,
der Krieg,
Der Krieg - er ist nicht tot, er schläft nur.
Er liegt da unterm Apfelbaum und wartet, wartet,
Auf dich, auf mich,
Er ist nicht tot, der Krieg.
...
Der Krieg - er ist nicht tot, der Krieg,
Der Krieg - er ist nicht tot, er schläft nur.
Er hat sich sehr gut versteckt und wartet, wartet,
In mir, in dir
Er ist nicht tot, der Krieg.
(Aus: Rio Reiser, Krieg. Auf:
Am Piano I. BuschFunk Vertrieb, Berlin 1998; Originalversion
auf: Durch die Wand. Sony Music 1991)
Ein bisschen harmlos klingt es schon: ein Krieg, der unter dem
Apfelbaum wartet... In diesem scheinbar romantischen Bild liegt
aber auch vielleicht das Erschütternde, in der widersprüchlichen
Assoziation von der Grausamkeit des Schlachtfeldes und der Gemütlichkeit
unter'm Apfelbaum (der allegorisch nur noch vom Lindenbaum zu
überbieten wäre).
Das ist es ja gerade: Wie wir den Krieg auch zu fassen bekommen
wollen, unsere Beschreibungen und Erklärungen greifen nicht.
Symbole und Metaphern helfen vielleicht weiter.
Nur eines geht bestimmt an der Realität des Krieges vorbei:
Er wartet nicht, er ist stets unterwegs. Ein Krieg ist zu Ende
gegangen. Der andere wütet bereits. Der nächste steht
bevor. Der Krieg ist heute im Leben eines jeden präsent.
Kaum sind die Bilder vom Bildschirm und eventuell auch aus unserem
Gedächtnis verschwunden: Kosovo, sind sie schon wieder da:
Tschetschenien und viele andere Orte auf unserer Erde, an denen
er tobt. Wir haben uns mit ihm zu beschäftigen, mit ihm
und unseren Kindern - auch ihnen begegnet er.
Selbst jüngeren Kindern bleibt der Krieg nicht verborgen,
kann ihnen nicht verheimlicht werden (Sollte er?). Sie stellen
Fragen. Erwachsene, Lehrpersonen antworten. Nicht alle. Einige
schämen sich. Der Krieg lässt niemanden kalt: Soldaten,
Politiker, Eltern, Schüler und - Lehrer.
Warum gibt es ihn? Warum gibt es ihn ununterbrochen? Wie wird
er von wem erklärt? Wie wird er präsentiert? Die Wissenschaft
hat sich seiner angenommen; wie fatal wirken die pluralen Erklärungen
angesichts der Ungeheuerlichkeit seiner Wirkung, wie betuliche
Begleitmusik zur schrillen politischen Praxis.
Unsere Haltung als Pädagogen ist wieder einmal quichottesk:
Dürfen wir wirklich annehmen, dass wir durch unsere Erziehung
gegen Gewalt, für Frieden und Toleranz, Krieg verhindern
helfen. Nein? Wer versucht uns das dann einzureden? Auch eine
Begleitmusik? Pädagogen machen keinen Krieg, und sie verhindern
ihn auch nicht. Man rückt freiwillig ein, immer für
eine gerechte Sache, für den Frieden, nur für kurze
Zeit. Wir hoffen auf die Chance, die wir uns als Pädagogen
zumindest ausrechnen: Was wäre, wenn wir nicht erzögen?
Gewissenlosigkeit. Auch dies ein Zeichen von Ausweglosigkeit.
Krieg ist ein fächerübergreifendes Ereignis, und es
ist didaktisch nicht zu bewältigen. Ja, wir können
den Zweiten Weltkrieg "durchnehmen", UNO und NATO erläutern,
die Bundeswehr einladen, (schon wirkungsvoller) Bilder vom Krieg
betrachten - nichts im Vergleich dazu, wenn Opfer, Betroffene,
Zeitzeugen erzählen. Lehrerinnen und Lehrer, die Flüchtlingskinder
in ihren Klassen zu betreuen haben, wissen (ohne falsche didaktische
Hintergedanken) davon zu berichten.
Wenn wir nicht erklären können, sollten wir schweigen
- und darüber sprechen. Nicht mehr - und nicht weniger.
Zeichnungen/Bilder können ein Anlass dazu sein.
Kinder einer vierten Klasse an der Scharrer-Schule in Nürnberg
haben ihre Bilder zum Krieg gezeichnet. 1 Interessant die Unterschiede:
Darstellungen ganz ohne Menschen, niedliche und schreckliche
Darstellungen, Darstellungen wie aus einem Computerspiel...
Was wir eigentlich tun können? Sensibilitäten schaffen,
Ängste mildern, uns stumm den Kindern zeigen. Aber nicht
die Realität ignorieren. Auch zu diesem Ausschnitt der Wirklichkeit
sollen (mit zunehmendem Alter) Positionen möglich werden
- Moral. Verstummen heißt nicht verschweigen.
Wir wollen uns dem Thema stellen. Nicht in einer eher gewohnten
Art und Weise pädagogische Möglichkeiten und Grenzen
erwägen (vgl. u/e 5/1992), eher ratlos. Das Unbeschreibliche
beschreiben helfen.
Trotzdem fragen wir uns (alle):
Wie gehen wir mit den Fragen der Kinder um?
- Warum gibt es Krieg?
- Erziehung zum Krieg statt Friedenserziehung?
- Was heißt das, Bundeswehrsoldat(in) zu sein?
- NATO und Bundeswehr?
- Krieg heißt Leiden - Können wir helfen?
- Gegensätze: Ost - West? Nord - Süd?
- Ethik - Darf man Menschen töten?
- Toleranz, Wertschätzung, friedliche Konfliktlösung
oder Intoleranz, Geringschätzung, Aggression?
- Pazifismus und Kriegsdienstverweigerung - Lösungen?
- Kriege früher, Kriege heute - ein Unterschied?
- Gibt es eine Ästhetik des Krieges?
- Krieg als Mittel für den Frieden?</UL>
Die Not der Pädagogik.
Der erfahrene u/e-Leser wird verwundert reagieren, er ist eine
solide und seriöse Form eines Artikels gewohnt. Wir wollen
keineswegs postmodern erscheinen, aber - welche literarische
Form ist "dem Krieg" angemessen?
Anmerkungen
1. Danke, Helga Lesius!.
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