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Ende des Ost-West-Konflikts und das Entstehen neuer Konfliktkonstellationen
- Bosnien-Krieg, Krieg im Kosovo und Krieg in Tschtschenien -
machen seit etwa Mitte der 90er Jahre auch eine Neubestimmung
der Ziele der Friedenserziehung notwendig. Das Thema "Gewalt"
bleibt zwar weiterhin zentral für die Aufgabe der Erziehung
zur Friedensfähigkeit. Aber es treten als Folge der veränderten
Situation eine Reihe neuer Ziele hinzu: Die Erweiterung der Kommunikationsfähigkeit,
die Entwicklung neuer multipler übergreifender Loyalitäten,
die Erhöhung der interkulturellen Kompetenz und die Schulung
der Fähigkeit, die sozialpsychologischen Mechanismen zu
durchschauen, die zu Vorurteilen und Feindbildern führen.
Die aktuelle Situation, in der sich unsere Gesellschaft und damit
auch die Schule befindet und die darin besteht, dass konkrete
Konflikt- und Kriegsherde immer näher zu uns rücken,
macht die Herausgabe eines aktuellen Themenheftes besonders wichtig
und bedeutsam. |
Die Schrecken des Krieges, die
Angst vor Kriegen und die Sehnsucht nach Frieden durchziehen
die Geschichte der Menschheit, bis zum heutigen Tag. Man feierte
im Römischen Reich die Pax Romana, die durch die römische
Hegemonialmacht hergestellt und gesicherte Friedensordnung. Man
bemühte sich im Mittelalter immer wieder um eine Treuga
Dei, um wenigstens für eine kurze Zeit den Fehden zwischen
den Herren und den durch sie verursachten Leiden der betroffenen
Menschen Einhalt zu gebieten. Erasmus von Rotterdam war bestrebt,
die Spaltung der Christenheit und die durch sie drohenden Konflikte
zu vermeiden. Comenius, der durch Nöte beeindruckt und betroffen
war, welche die Kriege seinerzeit über die Menschen in weiten
Teilen Europas gebracht haben, versuchte die Bedingungen für
ein friedliches Zusammenleben zu ergründen. Diese sah er
in der richtigen Ordnung des menschlichen Lebens und Zusammenlebens,
wie sie die Schöpfungsordnung als eine Friedensordnung aufzeige.
Für einen dauerhaften Frieden sei jedoch ein Friedensgericht
und ein Weltsenat erforderlich. Immanuel Kant forderte zur Sicherung
des Weltfriedens einen Staatenverbund, eine überregionale
Rechtsordnung, der ebenso wie dem modernen Staat das Gewaltmonopol
zustehen sollte.
Weil eben dieses Gewaltmonopol (und Entscheidungsstrukturen,
die nicht ohne die Zustimmung aller oder zumindest nahezu aller
betroffenen und interessierten Staaten wirksam werden können)
gefehlt hat und nach wie vor fehlt, scheiterten der Völkerbund
und die Vereinten Nationen (United Nations - UN) immer wieder
bei ihren Versuchen, Frieden zu stiften und zu erhalten und werden
immer wieder scheitern. Wir kennen hierzu leider viele Beispiele
aus den vergangenen Kriegen in Bosnien und im Kosovo. In den
Krieg in Tschetschenien haben sich bisher noch gar keine internationalen
friedensschlichtenden Organisationen erfolgreich eingeschaltet.
Nicht zu übersehen in der Geschichte (und der Gegenwart!)
ist aber auch eine Akzeptanz, ja geradezu eine Verherrlichung
des Krieges. Der Krieg wurde und wird als Vater aller Dinge bezeichnet,
kämpferische und kriegerische Tugenden wurden und werden
gelobt. Man forderte und fordert, die Menschen sollten zu kämpferischen
Tugenden, zu Kampfbereitschaft erzogen werden, und der Krieg
wurde und wird, vor allem wenn er ein Krieg des eigenen Staates
war, nicht zuletzt durch die Erziehung gerechtfertigt.
Friedenserziehung zielt auf Gewaltverzicht
Wie steht es dabei nun mit der Friedenserziehung? Kann sie von
frühester Kindheit an friedensstiftend auf die Menschheit
überhaupt einwirken? Ist eine ausdrücklich genannte
und verbindliche Erziehung zum Frieden und zur Friedensfähigkeit
überhaupt Gegenstand in den Lehr- und Bildungsplänen
der Schule?
Es ist hier nicht beabsichtigt, eine vollständige Übersicht
aller Bundesländer zu diesem Thema vorzulegen. Es soll jedoch
beispielhaft für die Grundschule in den beiden Bundesländern
Baden-Württemberg und Bayern, welche Vorgaben zur Behandlung
des Themas "Krieg und Frieden" vorliegen und welche
aktuellen Beispiele und Modelle zu diesem Thema für die
Grundschule genannt werden können. (...)
Friedenserziehung und Friedenspädagogik blicken auf eine
relativ kurze Geschichte in der deutschen Erziehungswissenschaft
zurück, denn die Bemühungen, mit den Mitteln der Erziehung
und Bildung einen friedlichen Zustand zu befördern, und
das Unterfangen, pädagogische Maßnahmen zur Friedenssicherung
zu reflektieren, sind kaum mehr als einige Jahrzehnte alt. Sie
beschränkt sich dabei nicht auf Kriege als gewaltsame Austragung
von Konflikten zwischen Staaten, sondern untersucht alle Formen
gewaltsamer Konflikte (Gewalt wird dabei nicht nur in direktem
- physische Gewalt sondern auch in indirektem Sinne - psychische
und personale Gewalt - verstanden), ob sie zwischen Staaten,
innerhalb von Staaten, Gesellschaften oder zwischen Individuen
ausgetragen werden. Sie fragt also nach den Ursachen jeglichen
Gewaltverhaltens, das Gewalt (und somit die Bedrohung und Schädigung
des Gegners) oder die Androhung von Gewalt einschließt.
Sie zielt auf völligen Gewaltverzicht in der Austragung
von Konflikten.
Friedenspädagogik hat in Deutschland in einem grundsätzlich
handlungsorientierten Verständnis seit etwa 1950 - und nicht
zuletzt aufgrund von politikwissenschaftlichen und erziehungswissenschaftlichen
Kontroversen - diverse Begründungs- und Legitimationsphasen
entwickelt. Etwa ab 1987 sowie nach dem Ende des Ost-West-Konflikts
erfolgt zu den inhaltlichen Rahmendimensionen der Friedenspädagogik
ein Paradigmenwechsel. Dieser führte dazu, dass eine bisher
überwiegen liberal-konservativ ausgelegte Disziplin stärker
noch als politische Pädagogik konzipiert wird. Hierzu werden
dann statt individueller Friedenserziehungsaufgaben gesellschaftliche
und internationale Schlüsselprobleme sowie der unbewältigte
Rechtsradikalismus, wie die Komplexität der Fremdenfeindlichkeit,
wie demokratische Fehlentwicklungen oder wie neue internationale
und nationale Militarisierungs-Zentrierungen der NATO mit neuen
Aufgaben nach dem Ost-West-Konflikt in den Mittelpunkt gestellt.
Zu der generellen Frage, inwieweit sich die Behandlung des Themas
"Krieg und Frieden" in der Grundschule rechtfertigt
beziehungsweise notwendig ist, äußert sich in diesem
Themenheft insbesondere Hermann Röhrs.
Zu der Frage, inwieweit Friedenserziehung, beziehungsweise eine
Erziehung zur Friedensfähigkeit und zur Friedenssicherung,
und damit auch die Behandlung des Themas "Krieg und Frieden"
in den Grundschullehrplänen von Baden-Württemberg und
Bayern verankert sind, lässt sich sagen, dass grundsätzlich
Lehr- und Bildungsplan auf der jeweiligen Landesverfassung und
dem Grundgesetz beruht. Und diese enthalten alle als grundlegende
Bestimmungen den Erziehungs- und Bildungsauftrag "in Verantwortung
vor Gott"... und "im Geiste christlicher Nächstenliebe,
Menschlichkeit und Feindesliebe" im baden-württembergischen
Bildungsplan für die Grundschule oder als oberste Bildungsziele
im Lehrplan für die bayrischen Grundschulen die Erziehung
"in der Ehrfurcht vor der Würde des Menschen und im
Sinne der Völkerverständigung". Diese allgemeinen
Erziehungs- und Bildungsziele finden sich in Bezug auf eine konkretisierte
Friedenserziehung in den Lehrplänen zur Religionslehre und
Ethik in der Grundschule operationalisiert. Im baden-württembergischen
Bildungsplan für die Grundschule findet sich im Fach evangelische
Religion in der vierten Klasse ausdrücklich das Thema "Krieg
und Frieden" als inhaltlicher Schwerpunkt zu "Erste
Auseinandersetzung mit Konflikten. Von der Grundlegung aller
Lehr- und Bildungspläne ("christliche Nächstenliebe,
Feindesliebe, Völkersverständigung") lässt
sich das Thema "Krieg und Frieden" in allen Klassenstufen
und in allen Fächern der Grundschule behandeln. (...)
Hilfen in der Literatur
Darüber hinaus lassen sich aus einer aktuellen Recherche
vom 28. Januar 2000 im Internet mit der pädagogisch-didaktischen
Bibliographie CD-Bildung des DIPF (Deutsches Institut für
Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt/Main)
folgende Konkretisierungen zur Friedenserziehung, vor allem in
der Grundschule nennen: (eine Auswahl)
Schulpartnerschaften - aktive Friedenserziehung in der Schule
(Luszczynski & Fürbeth-Schulz, 1998);
"Wie macht man einen Frieden?" Strategien der Friedensfindung.
(Reese, 1998);
Krieg und Frieden in Europa. Europaausstellung in Münster
und Osnabrück (Francke, 1998);
Der Schülerfriedenspreis
(Pohle, 1999);
Landminen. Ein Toter alle zwanzig
Minuten (Dreyer & Westphal, 1998);
Frieden in der Stadt - Frieden
in der Region. Friedenserziehung bei Kindern und Jugendlichen
(Müller, 1998);
Herr Kant, wie kann man Frieden
schaffen? Ein Gespräch mit dem Autor der Schrift "Zum
ewigen Frieden" (Rolf, 1998);
Der Kosovo-Krieg im Urteil sieben bis zwölfjähriger
-nonkonform oder deviant? (Mokrosch, 1999);
Themenheft Kinder und Krieg. (1996) (Wochenschau. Für Politische
Erziehung, Sozialund Gemeinschaftskunde);
Friedenspädagogisches Handeln (Themenheft Christenlehre,
Religionsunterricht, Praxis, 1999);
"... die teure Furcht von dreissig jammervollen Kriegsjahren".
Der Westfälische Friedensschluss im Rollenspiel (Sieberns,
1998);
Kommt, wir spielen Frieden. Projektreihe zur Entwicklung von
Streitfähigkeit und Konfliktlösung in der Grundschule
(Peschel, 1999);
Frieden-Toleranz-Zusammenleben: nur etwas für die UNESCO?
(Poelchau, 1999);
Feindlichkeit, Hass, Gewalt. Neue Perspektiven für eine
veränderte Gesellschaft (Graf, 1999);
Die bayrischen UNESCO-Projekt-Schulen und ihre pädagogische
Arbeit (Schäfer, 1998).
Eine Erziehung zum Frieden, auch
in der Grundschule, erscheint, wie vor allem die angeführte
Literatur zeigt, kein utopisches Unterfangen. Ihr bieten sich
mannigfache Möglichkeiten des Einsatzes. Friedenserziehung
kann und soll auf die Informationen über Ursachen, Verläufe
und Folgen von Kriegen, kriegerischen Auseinandersetzungen und
Konflikten zwischen Menschen und den Abbau von Aggressionen und
deren Vermeidung und auf die Gestaltung friedlicher Beziehungen
auf den verschiedenen Ebenen hinwirken: der Beziehung zwischen
einzelnen, Gruppen und Staaten. Sie hat sich selbst die Einsichten
in Konfliktursachen zunutze zu machen und diese Einsichten zugleich
zu vermitteln und zu einer rationalen Klärung und Beurteilung
der im gegenständlichen Konflikt vertretenen Positionen
beizutragen. Erziehung und Bildung und damit auch Friedenserziehung
haben als ihr unmittelbares Gegenüber immer nur den einzelnen,
sie können daher direkten Einfluss insbesondere auf das
Individuum ausüben, aber auch auf gesellschaftliche und
staatliche Strukturen, auf soziales und politisches Handeln.
Literaturhinweise
Buddrus, Volker & Schnaitmann, Gerhard W. (1991). Friedenspädagogik
im Paradigmenwechsel. Allgemeinbildung im Atomzeitalter: Empirie
und Praxis. Weinheim: Deutscher Studienverlag.
Dreyer, Manfred & Westphal, Jürgen (1998). Landminen.
Ein Toter alle zwanzig Minuten. In Politik betrifft uns, 6, S.
1-30.
Francke, Angelica (1998). Krieg und Frieden in Europa. Europaausstellung
in Münster und Osnabrück. In Geschichte lernen, 11
(65), S. 4-5.
Graf, Josef (1999). Feindlichkeit, Hass, Gewalt. Neue Perspektiven
für eine veränderte Gesellschaft. In Förderschulmagazin,
21 (3), S. 5-6.
Jäger, Uli (1997). Stärkung der Zivilgesellschaften:
Friedenspädagogik als Beitrag zur Bearbeitung globaler Gefährdungen
. In ZEP: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung
und Entwicklungspädagogik., 1(20), S. 13-17.
Journal Geschichte. Geschichte mit Pfiff. (1998). Themenheft
Krieg und Frieden . Heft 2/98
Luszczynski, Hubert & Fürbeth-Schulz, Angela. Schulpartnerschaften
- aktive Friedenserziehung in der Schule. In SchulVerwaltung.
Ausgabe Rheinland-Pfalz und Saarland, 4(11), S. 187-189.
Mokrosch, Reinhold (1999). Der Kosovo-Krieg im Urteil 7 bis
12jähriger - nonkonform oder deviant. In Religion heute,
39, S: 186-193.
Müller, Annemarie (1998). Frieden in der Stadt - Frieden
in der Region. Friedenserziehung bei Kindern und Jugendlichen.
In Christenlehre, Religionsunterricht, Praxis, 52(3), S. 41-56.
Peschel, Andrea (1999). Kommt, wir spielen Frieden. Projektreihe
zur Entwicklung von Streitfähigkeit und Konfliktlösung
. In Grundschulmagazin, 14(2), S. 31-34.
Pohle, Albrecht (1999). Der Schülerfriedenspreis . In SchulVerwaltung.
Ausgabe Niedersachsen, 9(2), S. 50-52.
Poelchau, Heinz-Werner (1999). Frieden-Toleranz-Zusammenleben:
nur etwas für die UNESCO?. In SchulVerwaltung. Ausgabe Nordrhein.-Westfalen,
10(3), S. 79-80.
Reese, Armin. (1998). "Wie macht man einen Frieden?"
Strategien der Friedesfindung . In Geschichte lernen, 11(65),
S. 61-66.
Rolf, Bernd (1998). Herr Kant, wie kann man Frieden schaffen?
Ein Gespräch mit dem Autor der Schrift "Zum ewigen
Frieden". In Ethik und Unterricht, 9(3), S. 36-38.
Schäfer, Thomas (1998). Die bayrischen UNESCO-Projekt-Schulen
und ihre pädagogische Arbeit. In SchulVerwaltung. Ausgabe
Bayern, 21 (9), S. 283-285.
Schnaitmann, Gerhard W. (1991). Der Friedensbegriff aus der
Sicht von Schülern. Eine hermeneutisch-empirische Studie
über naive Friedensauffassungen von Schülern . Frankfurt/M:
Peter Lang.
Sieberns, Jens (1998). "... die teure Furcht von dreissig
jammervollen Kriegsjahren". Der Westfälische Friedensschluss
im Rollenspiel . In Geschichte lernen, 11 (65), S. 54-60.
Themenheft Christenlehre, Religionsunterricht, Praxis (1999).
Friedenspädagogisches Handeln , 52, S. 1-64.
Wochenschau. Für Politische Erziehung, Sozial- und Gemeinschaftskunde
(1996). Themenheft Kinder und Krieg , 2(47).
Wochenschau. Für Politische Erziehung, Sozial- und Gemeinschaftskunde
(1999). Themenheft: Globale Probleme : Armut, Flucht, Umwelt,
Krieg und Frieden , 3/4(50).
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