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von der Erziehung allgemein gesagt wird, dass sie um so wirksamer
ist, je früher sie einsetzt, so gilt das auch von der Friedenserziehung.
Erst ein Beginn der friedenserzieherischen Bemühungen bereits
in der frühen Kindheit - möglichst unter Einbezug des
Elternhauses - verspricht durch die Prägung der basalen
Persönlichkeitsstrukturen einen Erfolg, der gegenüber
Aggressionen und Konfliktlagen durchhält. Die Verhaltensmuster
und die sie profilierenden sozialen Ideen, die das Kind in seiner
Umwelt lernt und handelnd einübt, bilden ein strukturelles
Gefüge, das zwar später noch modifizierbar bleibt,
aber nach der Lebensprobe nur schwer grundsätzlich zu ändern
ist. Darum ist es von ganz entscheidender Bedeutung, dass die
Friedenserziehung in den ersten erzieherischen Institutionen
- der Vorschule und der Grundschule - planmäßig beginnt. |
Friedenserziehung im Schulalltag
Wie alle Erziehung ist die Friedenserziehung eine komplexe Größe,
die neben der sensumotorischen auch eine emotional-affektive,
eine soziale sowie eine kognitive Komponente umgreift, die alle
unmittelbar miteinander verwoben sind. Daher wird ein Curriculum
der Friedenserziehung für die Vorschule und Grundschule
diese vier Komponenten in ihrer unmittelbaren Verschränkung
zu berücksichtigen haben. Hinzu kommt, dass die Friedenserziehung
nicht lediglich fakultativ in einzelnen Sachbereichen wahrgenommen
werden kann; vielmehr hat sie als eine geistige Grundhaltung
das gesamte Schulleben zu kennzeichnen. Das Gelingen lässt
sich daher eher im Zu- und Miteinander auf den Fluren und auf
dem Schulhof sowie im kooperativen Verhalten im Klassenverband
und in der Art der Konfliktlösung im Schulalltag ablesen
als in Lehrplänen oder Zertifikaten.
Mehr als die Vorschule kann sich die Grundschule um eine Objektivierung
des Verhältnisses des Kindes zu den Sachen und Menschen
sowie der entsprechenden Umgangsformen bemühen. Ausgehen
sollte sie dabei von täglichen Anschauungen und Erfahrungen
der Kinder im schulischen sowie im außerschulischen Umkreis
in Familie, Umwelt, Natur. Die traditionelle Ideologie der Heimatkunde,
die durch ihre Magie der Lebensnähe eine kindliche Reflexion
über internationale Bezüge als Verfrühung ausklammert,
ist pädagogisch dann nicht mehr begründbar, wenn der
Ausgang von der kindlichen Lebenswelt ernst genommen werden soll.
Das Kind dieser Entwicklungsstufe steht bereits in einem Kommunikationsfeld,
das durch Reisen, Begegnungen und Massenmedien über den
engeren Lebensrahmen hinaus ausgeweitet ist.
Friedenserziehung ist kein Prozess neben der Erziehung; vielmehr
ist sie eine auf ihre eigenen unabdingbaren Voraussetzungen und
Ziele zurückgeführte Erziehung. Wenn der Mensch in
einer zu sichernden Epoche des Weltfriedens ein friedensbereites,
friedensfähiges und friedensfertiges Wesen werden soll,
dann muss er durch Friedenserziehung auf diesen Zustand vorbereitet
werden.
Diese Stadien sind friedenserzieherisch aufeinander abzustimmen.(2)
Friedensbereitschaft umschließt die Aufgeschlossenheit,
Konflikte als solche zu erkennen und an ihrer Lösung mitzuwirken,
so dass die Kooperationsbasis eine Festigung erfährt. Dementsprechend
beschreibt Friedensfähigkeit die menschliche Qualifikation,
den Frieden als sozialen Prozess hinsichtlich seiner Möglichkeiten
zu gestalten und seine Gefährdungen aufgrund menschlicher
Unzulänglichkeiten vorausschauend zu begrenzen. Friedensfähigkeit
ist zutiefst ein Merkmal menschlicher Umsicht und politischer
Reife. Friedensfertigkeit ist letztlich die produktive Summe
aus Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit, sie beinhaltet
die wichtige Qualifikation der Umsetzung der Friedensbereitschaft
und -fähigkeit in entsprechende Handlungen. Insofern will
die Friedensfertigkeit kritisch eingeübt und erprobt werden.
Sie ist keine natürliche Größe, sondern das Ergebnis
einer planmäßigen friedenserzieherischen Arbeit. Gelingen
kann sie nur auf der Basis eines fundierten friedenserzieherischen
Wissens und Erfahrungsstandes als eine grundlegende Summe friedenserzieherischer
Bemühungen.
Friedenserziehung als Humanisierung
des Schullebens
Daher ist die Friedenserziehung in ihrem Kern ein Prozess der
Humanisierung, der Stärkung der res humanae. Sie ist ein
Vorgang der Befriedigung als ein Zu-sich-selbst-Kommen im Sinne
der Selbstübereinkunft, der zur Ich-Findung führt.
Dieser anthropologische Prozess der Befreiung, der im Zentrum
aller Menschheitsphilosophien steht, ist an den anderen und die
für ihn zu tragende Verantwortung gebunden. Friede ist ein
sozialpolitisches Problem, das die individuelle Befriedung als
Realisierung der Ich-Identität zur Voraussetzung hat. Sie
bleibt aber in dem Sinne auf den anderen verwiesen , als sie
ihre individuelle Selbstverwirklichung erst in dem Maße
findet, wie sie dazu beiträgt, dass auch der andere zur
Realisierung dieses Prozesses ermächtigt wird. Das Diktum
des dialogischen Prinzips von Martin Buber: "auf den anderen
zugehen" (3) kennzeichnet die Grundeinstellung der Friedenserziehung.
Von ihren anthropologischen Ansprüchen her betrachtet, ist
die Friedenserziehung etwas Fundamentales, das durch die Freilegung
und Förderung des Menschlichen im Menschen ein sicheres
Fundament für eine Humanisierung einleitet. Mit einer Friedenserziehung
in diesem anthropologischen Verständnis ernst machen, bedeutet,
einen Wendepunkt in der Entwicklung der Menschheit einzuleiten,
der die bisherige agonale Phase durch eine Ära des Weltfriedens
abzulösen vermag. War in der agonalen Phase der Krieg der
Vater aller Dinge, so wird in der Ära des Weltfriedens die
Verantwortung für die Sicherung und Gestaltung des Friedens
in jenem nunmehr präzisierten anthropologischen Sinne das
weltpolitische Gebot. Erst diese Haltung wird zu einer Versittlichung
des Menschen führen, weil eine dauerhaft zu wahrende Verantwortung
für den anderen ein hohes Maß ethischer Reife voraussetzt.
Dieser hohe anthropologische Anspruch der Friedenserziehung erfordert
einen lebenslangen Prozess , der um so wirksamer ist, je früher
er einsetzt. Das Postulat Fröbels, dass die ersten Gedanken
und Handlungen des Kindes entscheidend für die weitere Entwicklung
sind, hat gerade für die Friedenserziehung seine tiefere
Bedeutsamkeit. Die Stiftung einer Friedensgeschichte kann nur
gelingen, wenn sie bereits früh beginnt und das Fundament
bestimmt. Soweit eine welthistorische Wende angestrebt wird,
die über technologische Regularien hinaus eine Umwendung
der Lebenshaltung im Sinne einer Renaissance, einer Rückwendung
zu verschütteten und nicht voll entfalteten Möglichkeiten
des Menschseins erstrebt, muss der Prozess bereits in der frühen
Kindheit eingeleitet werden. (4)
Damit ist zugleich die grundlegende und wegweisende Funktion
einer Friedenserziehung in Kindergarten und Schule angesprochen.
Sie muss selbstverständlich unter Einbezug des Elternhauses
geschehen, wenn nicht ein gefährlicher erzieherischer Stilbruch
in Kauf genommen werden soll. Überhaupt wird die Friedenserziehung
wegen ihrer universellen Aufgabe versuchen müssen, den gesamten
vorgegebenen Rahmen einer kritischen Revision zu unterziehen:
den elterlichen und schulischen Erziehungsstil, das Spiel, die
Massenmedien, das Leben in der Alltäglichkeit und in der
Schule. So gesehen wird die Friedenserziehung als ein Lebensprinzip
zu entfalten sein, das die gesamte Existenzweise bestimmt.
Die Friedenserziehung wird als eine erfahrungsorientierte Zielstellung
verstanden. Die täglichen Konflikte und Aggressionen, an
denen es auch im Rahmen einer friedenserzieherisch motivierten
Schule nicht mangelt, geben in erfahrungsbezogener Reflexion
mehr her für eine Revision der Einstellungen und Verhaltensweisen,
als von theoretischen Exkursen über Konflikte, Aggressionen,
Reden über die Friedensidee zu erwarten ist. Friedenserziehung
- soweit sie Einfluss nehmen will auf Einstellung, Haltung und
Handlung des einzelnen - muss mit einer Sichtung und Revision
der jeweiligen Verhaltensweisen nach gemeinsam bestimmten Maßstäben
beginnen. Je früher und je konkreter die friedenserzieherische
Reflexion unter dem Aspekt einer möglichen Reform der Verhaltensweisen
einsetzt, um so größer ist die Aussicht auf eine Revision
der Einstellungen als Folge einer Einsicht.
Es sind drei Komponenten, die gesehen werden müssen und
aufeinander abzustimmen sind. Einmal ist die Friedenserziehung
nicht mehr als ein Prozess neben der Erziehung zu verstehen;
vielmehr ist sie eine auf ihre eigenen humanen Ziele zurückgeführte
Erziehung. Eine zweite wichtige Komponente dieser friedenserzieherisch
orientierten Erziehungweise zeigt sich in einer Tendenz zur Mitgestaltung
im Schulleben. Friedenserziehung als Schulund Lebensprinzip bestimmt
den Stil des Miteinander so unverwechselbar, dass einem unvoreingenommenen
Besucher der Schule die besondere Atmosphäre auch ohne Erläuterung
auffallen muss. Daher werden auch die administrativen Instrumentarien
wie Schulverwaltung, Schulordnung, Schülerverwaltung, Leitungsfunktion
diese friedenserzieherische Einstellung zu spiegeln haben.
Schließlich besteht die dritte Komponente in der unterrichtlichen
Arbeit. Neben einer Gestaltung der methodischen Aufgaben ist
auf die curriculare Erschließung des jeweiligen Faches
für die Aufgaben der Friedenserziehung hinzuweisen. Diese
Möglichkeiten lassen sich der besonderen Struktur des Faches
entsprechend in unterschiedlichem Ausmaß vornehmen. Dabei
sind in jedem Falle die folgenden Gesichtspunkte zu berücksichtigen.
Erstens gilt es, die in der jeweiligen fachlichen Fragestellung
angelegten friedenserzieherischen Möglichkeiten bewusster
und schärfer akzentuiert herauszuheben. Zweitens besteht
die Möglichkeit, den vorgesehenen fachlichen Kanon durch
friedenserzieherisch und friedenspolitisch relevante Fragen zu
ergänzen. Eine weitere didaktische Zuspitzung kann diese
Arbeit durch fachübergreifende Fragestellungen gewinnen,
die aus dem Aspekt der Nachbardisziplinen eine Vertiefung erhalten.
Curriculare Ansatzpunkte
Die Beherrschung des Faches muss der Orientierungspunkt der Bildungsarbeit
bleiben. Eine elementare Voraussetzung ist aber eine Offenheit
für die Notwendigkeiten der Friedenserziehung. Ein Lehrer
der französischen Sprache, der Physik, der ob der Fachlichkeit
kein Verhältnis zur friedenserzieherischen Fragestellung
findet, hat die Bildungskraft seines Faches gemindert. Dennoch
wird der Versuch, der Friedenserziehung in der Schule zur Geltung
zu verhelfen, allzu häufig mit dem Hinweis auf die begrenzte
fachliche Kompetenz blockiert. In einer Zeit atomarer Hochrüstung
kommt aber alles auf die Bildung friedensbereiter, -fähiger
und -fertiger Menschen an, so dass ein Verfehlen dieser Aufgabe
eine ungemein gefährliche und konfliktreiche Vabanquesituation
entstehen lässt.
Auf dem Hintergrund dieses realen Bezugsfeldes ist es ein erstes
Ziel der Friedenserziehung, die kindlichen Erlebnisse und Erfahrungen,
die oft bereits zu Schlüssen und Urteilen geführt haben,
zum Ausgangspunkt für eine Erörterung zu wählen.
Dabei sollten die kleinen Vorkommnisse und Ereignisse des Alltags-
und Schullebens wegen der Unmittelbarkeit des Betroffenseins
den Vorzug haben. Vor dem Forum der Klasse kann im Gespräch
die Vorläufigkeit der Erfahrungen und Urteile aufgedeckt
werden, die sich häufig als Vor-Urteile aufgrund begrenzter
Erfahrung erweisen. In diesem fortlaufend zu führenden Gespräch
kann die Einsicht - als kognitive Komponente - angebahnt werden,
dass die alltäglichen Erfahrungen aufgrund ihrer punktuellen
Aussagekraft zu Vor-Urteilen oder doch zu vorläufigen Urteilen
führen, die der steten Korrektur durch weiterführende
Erfahrungen bedürfen. Den kritisch-anschaulich aufbereiteten
Erfahrungen entsprechend muss sich die Einstellung als emotionale
und soziale Komponente gegenüber der Umwelt ändern;
sie muss schließlich im sensumotorischen Sinne zu einer
Haltung und entsprechenden Handlungsweise führen, die Ausdruck
der Einsicht als Ergebnis der bewusst gewordenen Erfahrungen
ist.
Unter diesen Voraussetzungen kann deutlich werden, dass Vorurteile
keineswegs angeboren sind, sondern gelernt werden, und dass das
Urteilen im Lichte begründeter Erfahrungen ein nie abreißender
Prozess ist. Konflikte sind häufig Folgen von Vorurteilen
und vorläufig gestalteten sozialen Verhältnissen. Sie
erfordern daher ebenfalls ein Aufdecken der ursächlichen
Zusammenhänge als kognitive Leistung und den Aufweis der
Lösungsmöglichkeit als affektive Konsequenz sowie die
Übung einer Haltung. Gerade im Bereich der Sozial- und Friedenserziehung
erweist sich die Berücksichtigung aller vier Komponenten
als notwendig, um mit der Einsicht zugleich auch eine entsprechende
Einstellung zu motivieren, die bereit und fähig ist, sich
in Handlungen zu manifestieren.
Diese Haltung kann durch meditative Haltepunkte gestützt
werden, an denen es im Bildungswesen der säkularisierten
Gesellschaft empfindlich mangelt. So wäre die Woche mit
einem Ausblick zu beginnen, der eine Perspektive für die
Wochenarbeit sichert und Zäsuren des Schullebens sichtbar
werden lässt. Eine derartige Planung, an der die Kinder
im Rahmen des Möglichen mit zu beteiligen sind, schafft
ein persönliches Verhältnis und das Gefühl der
Mitverantwortung. Ergänzend ist die Woche mit einem besinnlichen
Rückblick zu schließen, der durch eine Art Rechenschaftsbericht
deutlich werden lässt, wie weit der Plan verwirklicht wurde,
was gelungen ist und wo stärkere Bemühungen anzusetzen
haben. Wie weit die meditativen Haltepunkte am Montag und Sonnabend
eingerahmt werden durch Musik, Erzählung oder Rezitation,
ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Nichts ist den musisch -
gestalterischen Situationen als zweiter Tragpfeiler des Schullebens
weniger bekömmlich, als wenn sie aufgrund eines Klischees
in die Klemme der Monotonie geraten. Sie sollen sich vielmehr
durch variable Gestaltung, die sich jeweils aus der Schulsituation
ergeben muss, von dem Schultag klar akzentuiert abheben.
Die friedenserzieherische Arbeit mit curricularen Ansatzpunkten
wird im gesamten Schulleben, aber insbesondere im Deutsch-, Sach-,
Englisch und Religionsunterricht zu leisten sein. Die Sachkunde,
die als Ergebnis einer kritischen Auseinandersetzung mit der
Heimatkunde gegenwärtig in der Grundschule gepflegt wird,
wäre allerdings trefflicher als Lebenskunde zu bezeichnen
und entsprechend auszuweiten.
Ergänzend zu einem Aufweis der didaktischen Ansatzpunkte
der Friedenserziehung in den Fächern kann dieser Aufgabenbereich
im Primarbereich auch in sich als Unterrichtsprinzip geschlossen
wahrgenommen werden. Durch die Bereitstellung der Arbeits- und
Übungsfelder in exemplarischer Form ist es freigestellt,
die Thematisierung zentral als Friedenserziehung oder im Rahmen
eines der Fächer vorzunehmen. Bei der anzustehenden gesamtunterrichtlichen
Arbeitsweise im Primarbereich bietet sich die Verfahrensweise
geradezu an.
Das Ziel der Friedenserziehung ist der mündige und urteilsfähige
Bürger, der das politische Geschehen verständnisvoll
und verantwortungsbereit mit gestaltet. Daraus ergibt sich für
den Primarbereich als Teilziel die Entfaltung der Fähigkeit
einer Konfliktansprache und -lösung im eigenen Lebensbereich
als fundamentale Voraussetzung für die verständnisvolle
Deutung adäquater Vorgänge im makropolitischen Rahmen.
Die Zielstellung der Friedenserziehung schließt den Wissenserwerb
in didaktisch aufbereiteter Form ein, aber bindet ihn primär
an soziale Realsituationen des Erlebens, Erfahrens sowie Umsetzens
in eine Haltung, Einstellung und soziale Handlung. Darum muss
die curriculare Reflexion flexibel beide Bereiche umgreifen.
Es kann sich somit nur um ein offenes Curriculum handeln, das
die Leerinhalte aus dem Lebenszusammenhang heraus entwickelt
und sie den Unterrichtserfahrungen sowie den sozialwissenschaftlichen
Erkenntnissen entsprechend gestaltet.
Friedenserzieherische Exempla
Aus diesem Grunde wurden im Primarbereich, das heißt in
der Vorschule und in den Grundschuklassen die Lösung von
Konflikten und Aggressionen wegen des personalen Bezugs als Fragestellung
bevorzugt. So erweist sich die Ausländerproblematik sowie
die Umweltverschmutzung und -gestaltung als ein lebensnäherer
Anknüpfungspunkt als der Aufgabenkreis der UNO oder anderer
internationaler Organisationen. Die Funktionsweise der supranationalen
Organisationen im Rahmen eines weltinnenpolitischen Konzepts
findet erst dann erhöhte Aufmerksamkeit, wenn lebendig erfahren
wurde, dass die Aufgabe der Friedensstiftung permanent das Leben
durchzieht und im eigenen Umkreis immer erneut gelöst werden
muss.
Unter diesen Voraussetzungen können Projekte konzipiert
werden, die durchaus erziehungspraktische Rückwirkungen
auf das Schulleben oder gar auf die Gemeinde haben. So wurde
im Zusammenhang mit dem Fragenkreis Umweltverschmutzung in einem
vierten Schuljahr der Internationalen Gesamtschule Heidelberg
(5) ein Projekt formuliert, das den Ursachen der Verschmutzung
des Neckarwassers und der möglichen Besserung dieses Zustands
nachging. Zur Konkretisierung der Fragestellung wurde ein Neckarwehr
besucht, das die Schmutzteile des Wassers in einem Drahtgitter
auffängt und in Loren verlädt. Die Demonstration dieses
Vorgangs wurde von den zuständigen Fachkräften erläutert.
Die Kinder stellten Fragen und machten sich Notizen. Abschließend
wurde dem Neckar eine Wasserprobe entnommen.
Dieses Wasser wurde durch verschiedene fraktionierende Destillationsverfahren
hinsichtlich seiner Verunreinigungen untersucht. Es entstanden
Listen über die vermutliche Herkunft dieser Fremdkörper,
und Hypothesen wurden hinsichtlich der Vermeidung der Verunreinigungen
aufgestellt. Um Aufschluss über mögliche Infektionsgefahren
zu erhalten, wurde Kontakt mit dem Hygienischen Staatsinstitut
sowie mit der Wasserschutzpolizei aufgenommen. Als eine Summe
dieser Bemühungen wurde gemeinsam ein Text verfasst, der
über die Gefahren der Umweltverschmutzung am Beispiel des
Neckars aufklärt und sich appellierend an die gesamte Schülerschaft
sowie an die Eltern wendet. Die Analogie zum Typhus-Projekt von
Dewey und Kilpatrick ist deutlich, obgleich diese Nähe keineswegs
gesucht wurde. Sie ergibt sich vielmehr aus der inneren Folgerichtigkeit
eines konsequent gestalteten Vorhabens.
Von der Vielzahl möglicher didaktischer Verfahren soll beispielhaft
das Unterrichtsgespräch als eine friedenserzieherische Maßnahme
genannt werden. Dieses Beispiel wird auch darum gewählt,
weil sich in der Internationalen Gesamtschule Heidelberg gerade
diese didaktische Stilform als ein außerordentlich wirksamer
erzieherischer Faktor zur Motivation und zu kooperativer Grundeinstellung
erwiesen hat. Es könnte geradezu von einer Gesprächstoleranz
gesprochen werden, die nicht zuletzt die Fähigkeit, auf
den anderen zu hören und von seiner Auffassung her weiter
und umzudenken, mit dem anderen - nicht um jeden Preis gegen
den anderen - zu sprechen. Nur auf diese Weise kann sich ein
Gespräch in gemeinsamer Verantwortung entfalten und Ergebnisse
zeitigen, die für viele relevant sind.
Die im Gespräch dokumentierte gemeinsame Verantwortung muss
sich auch vor den sozialen Fragen der eigenen Gruppe bewähren
- sei es nun ein Ausländerkind, ein lernschwacher oder ein
behinderter Mitschüler. Gerade die Bewährung vor dem
Behinderten im eigenen Umkreis ist ein Gradmesser für die
Prägekraft der friedenserzieherischen Bemühungen. Allzu
häufig pflegt die Thematisierung dieser Fragen in die unverbindliche
Ferne zu führen, ohne die Probe vor dem Nächsten zu
fördern.
Um den Blick für diese konkreten Aufgaben zu schärfen,
werden friedenserzieherische Sequenzen gestaltet, die bewusst
die menschliche Behinderung in ihren verschiedenen Erscheinungsformen
zum Gegenstand haben. Das Ziel ist die Weckung kindlichen Verständnisses
für die verschiedenen Formen der Behinderung, wie sie dem
Kinde täglich begegnen. Wie weit mit dem Verständnis
eine Hilfsbereitschaft korrespondieren soll, ist eine Frage der
Altersstufe und der individuellen Reife - eine Frage, die in
beidseitigem Interesse sehr gründlich abgewogen werden muss.
Unter diesem Aspekt wurden bereits in der Vorschule Begegnungen
mit sprachbehinderten Kindern herbeigeführt. Diese Begegnungen
wurden vorbereitet, indem die Erfahrungen der Kinder im Umgang
mit anderen behinderten Kindern in einem Gespräch eine Klärung
erfuhren. Während der Begegnung übernahmen die Kinder
der Vorschule die Rolle der Gastgeber während einer gemeinsamen
Kakaotafel und während des anschließenden gemeinsamen
Spiels. Wenn auch der Verlauf in der methodischen Strukturierung
der Gemeinsamkeit pragmatisch als gelungen bezeichnet werden
darf, so muss dennoch gefragt werden, ob der Zeitpunkt einer
Sensibilisierung für diese Lebensprobleme richtig gewählt
wurde. Eine sozialerzieherische Verfrühung oder Überforderung
kann als soziale Aversion das Gegenteil erwirken. Da indessen
das Leben selbst nicht selektiv wirkt und zu derartigen unvermittelten
Konfrontationen führt, erscheint es sinnvoll, diese Fragen
in pädagogisch akzentuierter Weise an das Kind heran zu
tragen. Das Prinzip des sozialerzieherisch stimulierenden Lebensraumes
zieht die Forderung nach Exemplarität des sozialen Profils
nach sich. Aus diesen Erwägungen wurde der Wunsch nach Aufnahme
der behinderten Kinder des Schulbezirks in die Internationale
Gesamtschule formuliert - soweit die Betreuung ohne spezielle
apparative Ausrüstung zu gewährleisten ist. Aus schulrechtlichen
Gründen war diese Maßnahme nicht zu realisieren. Aus
verwandten Erwägungen werden die Ausländerkinder des
Schulbezirks neben den Kindern weiterer in Heidelberg lebender
Ausländer in die Internationale Gesamtschule Heidelberg
aufgenommen.
Selbstverständlich erweist sich die Anwesenheit von Kindern
anderer Nationalität in der Gruppe als außerordentlich
fruchtbar, weil das mögliche Zusammentreffen verschiedener
Standpunkte unmittelbar eine Klärung erfordert. Dennoch
ist das Konzept der Internationalen Gesamtschule nicht von der
Anwesenheit eines bestimmten Prozentsatzes ausländischer
Kinder abhängig. Der Charakter der Internationalität
der Arbeit ist vielmehr eine curriculare Angelegenheit der Ausrichtung
des gesamten Lehrgangs auf die internationalen Probleme und Aufgaben.
Das bedeutet indessen weniger ein Aufgeben bisheriger Lehrinhalte
als ihre schärfere Akzentuierung hinsichtlich der Fragen
der internationalen Verständigung und Friedenserziehung.
Dass es dieser Zielstellung im Sinne eines erfahrungsorientierten
Lernens im eigenen Schulrahmen dienlich ist, wenn die Vertreter
anderer Nationalitäten möglichst repräsentativ
auf der Schüler- und Lehrerebene vertreten sind, ist selbstverständlich.
Zur Sicherung dieser optimalen Voraussetzungen gibt es viele
Möglichkeiten, die bewusster als bisher zu nutzen sind:
das Einladen von Gästen aus der Gemeinde, Gedankenaustausch
mit Schülern anderer Länder, Schüler und Lehreraustausch
als planmäßige didaktische Maßnahme. Gerade
der Lehrer und Schüleraustausch bietet auf dem Hintergrund
gepflegter Patenschaftsverhältnisse mit ausländischen
Schulen reale Chancen, die ohne Schwierigkeiten gewahrt werden
können, wenn sie als didaktische Maßnahmen in die
curricularen Planungen einbezogen werden. Zweifellos liegt hier
eine ganz entscheidende staatspolitische und -pädagogische
Aufgabe, die wahrzunehmen im Dienste eines von unten organisch
reifenden weltinnenpolitischen Selbstverständnisses eine
der wichtigsten Aufgaben einer modernen Demokratie sein sollte.
Schließlich muss der gesamte Versuch ausgehen von der gesellschaftspolitischen
Realsituation, in der eine resignative Einstellung vorherrscht
gegenüber den Bemühungen einer Friedenssicherung durch
Friedenserziehung auf Grund der Überzeugung, dass der Krieg
unvermeidlich sei, weil er seine Begründung in der menschlichen
Natur finde.
Gegenüber dieser Auslegung muss geltend gemacht werden,
dass die Kriege wie die ihnen zugrunde liegenden Konflikte und
Aggressionen auf einer lerntheoretischen Basis entstehen. Mit
einer grundsätzlichen Änderung der internationalen
Handlungsordnungen und des sie bestimmenden Moralkodex werden
auch die Kriege als Rückfälle ins Faustrecht zunehmend
der Missachtung aller preisgegeben. Dazu bedarf es indessen der
weltumgreifenden friedenserzieherischen Kampagne, die neue Maßstäbe
setzt. Unter dieser Voraussetzung vermag das von der UNO vertretene
weltinnenpolitische Konzept auch zwischenstaatlich das Freund-Feind-Klischee
wirkungsvoll aufzuheben.
Anmerkungen
1. Die Studie bezieht Teile aus den bereits publizierten Aufsätzen
"Friedenserziehung im Primarbereich" (in: Lehren und
Lernen, 3. Jg. 1977, S. 1-26) sowie "Die Internationale
Gesamtschule Heidelberg als Friedensschule" (in: Pädagogische
Rundschau, 31. Jg. 1977, S. 240-253 ein. Nachdruck jeweils in:
H. Röhrs. (1996). Gesammelte Schriften, Bd. 6 Außerschulische
Forschungsbereiche. Weinheim: Deutscher Studienverlag, S. 105-132
und S. 133-145) .
2. Hermann Röhrs. (1971). Erziehung zum Frieden. Stuttgart,
Berlin, Köln, Mainz (Darin: Die Internationale Gesamtschule
Heidelberg (IGH) als Stätte der Friedenserziehung, S. 66-110).
Wegen der grundsätzlichen Bedeutung für die Schule
wurde die Schrift bei der Grundsteinlegung der IGH 1971 in das
Fundament der Schule eingemauert. Vgl. ergänzend: H. Röhrs.
(1995): Gesammelte Schriften, Bd. 8 Modelle der Friedenserziehung
in Kindergarten und Schule. Weinheim: Deutscher Studienverlag.
- Gerhard W. Schnaitmann. (1991). Der Friedensbegriff aus der
Sicht von Schülern. Eine hermeneutisch-empirische Studie
über naive Friedensauffassungen von Schülern. Frankfurt/Main:
Peter Lang
3. Hermann Röhrs; Ernst Meyer. (1979). Die pädagogischen
Ideen Martin Bubers. Frankfurt/Main: Peter Lang.
4. H. Röhrs. (1994). Gesammelte Schriften, Bd. 4 Idee und
Realität der Friedenspädagogik. Frieden - eine pädagogische
Aufgabe. Darin: Friedenserziehung im Kontext der Schulfächer
der Sekundarstufe I und II, S. 224-321. Weinheim: Deutscher Studienverlag.
5. vgl. Hermann Röhrs. (1994). Gesammelte Schriften, Bd.
4 Idee und Realität der Friedenspädagogik. Frieden
- eine pädagogische Aufgabe. Weinheim: Deutscher Studienverlag,
S. 198-202
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