
Was sind Weltbürgerrechte?Für Dieter Senghaas zum 60. Geburtstag am 27.8.2000Hanne-Margret Birckenbach |
| Zum Inhalt von Friedenserziehung |
| Was sind Weltbürgerrechte? Ich werde dieser aktuellen weltpolitischen Frage mit Hilfe der alten Vorgaben nachspüren, die Kant 1795 in der Schrift mit dem leicht ironischen Titel "Zum Ewigen Frieden" gemacht hat. Was wir über die Welt erkennen, muss sich allerdings auch am Ort bewähren. Kant ist 1804 in Königsberg gestorben. Viele schwärmen noch heute von diesem Ort - aber schon damals war eine solche Wertschätzung zumindest umstritten. 1809 zum Beispiel schrieb Wilhelm von Humboldt an seine Frau Caroline: "Das Leben hier, teures Herz, ist bis jetzt wenig angenehm und kann es in dieser Stadt schwerlich je sein. Sie ist häßlich, kleinstädtisch, teuer, geschmacklos, alles was sich irgend sagen läßt, und doch muß man sie dazu hübsch finden, wenn man nicht alle Leute aufs empfindlichste kränken will.... und Königsberg ist wirklich abscheulich." Auch der Dom ist wohl keineswegs wegen seiner Schönheit neu aufgebaut worden. Kant hat nie einen anderen gesehen. Er hat diese Stadt nie verlassen und kannte nichts jenseits dieser Welt aus eigener Anschauung. Immerhin, Königsberg war damals zwar nicht Paris oder London, aber eben doch ein Zentrum Europas. Kant hat es jedenfalls so gesehen. Mit Schmunzeln zitieren die Kommentatoren heute, was er in eine Fußnote geschrieben hat. "Eine große Stadt, im Mittelpunkt eines Reichs, in welchem sich die Landescollegia der Regierung desselben befinden, die eine Universität (zur Cultur der Wissenschaften) und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Inneren des Landes sowohl, als auch mit angränzenden entlegenen Ländern von verschiedenen Sprachen und Sitten, einen Verkehr begünstigt, - eine solche Stadt wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Welterkenntnis genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann." |
Angst vor der Zukunft |
Seitenanfang |
| Nicht nur die Welt
hat sich verändert, sondern auch die Stadt und ihre Position
in der Welt. Im zweiten Weltkrieg wurde sie fast vollständig
zerstört, dann als Hauptstadt der russischen Oblast neu
gebaut. Seit 1946 heißt sie nach Kalinin, dem ehemaligen
Staatsoberhaupt der UdSSR. Sie wurde zum Symbol für Umsiedlung,
Vertreibung und Zwangsansiedlung von Menschen, die der jeweiligen
Herrschaftsausübung nützlich waren oder sie störten.
Kaliningrad symbolisiert auch, wie Verschiebungen auf der politischen
Landkarte die Verhältnisse umkehren und Menschen - ohne
deren Zutun - in neue Konfliktformationen eingliedern. Die Kaliningrader
Oblast und ihre Hauptstadt liegen nicht mehr im Zentrum europäischen
Lebens, sondern in jeder Hinsicht an der Peripherie gegenüber
Moskau und Brüssel, aber auch gegenüber den Zentren
baltischer Entwicklung in Tallinn, Riga und Vilnius. Gemessen
an Straßen- und Flugverbindungen ist die Oblast isoliert.
Während auf dem internationalen Flughafen Kaliningrads täglich
eine einzige Linienmaschine landet - sie kommt aus Kopenhagen
- sind es in Vilnius 8, in Riga 11 und in Tallinn 16 allein aus
Kopenhagen, Helsinki und Stockholm. Mit dem Beitritt Polens und
Litauens zur Europäischen Union wird die russische Exklave
Kaliningrad zu einer russischen Enklave in der EU. Sie ist dann
nicht nur von den neuen Staatsgrenzen zu Litauen und Polen, sondern
- so der bisherige Plan - auch von der Schengengrenze umgeben.
Die Kaliningrader werden ein Visum beantragen müssen, wenn
sie das russische Hauptland auf dem Landweg besuchen wollen.
Die Bevölkerung ist über ihre Zukunftsperspektiven besorgt, darüber, wie der Grenzverkehr in Zukunft gestaltet sein wird, für wen er möglich ist, welche Kosten damit verbunden sein werden, welche Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen, welche Fahrzeuge dafür benutzt und welche Waren noch verkauft werden dürfen. Beunruhigung und Gekränktheit wachsen und werden die politische Instrumentalisierung der tatsächlichen Probleme beschleunigen. Am Ende könnten sich die Perspektiven auf den Kampf um eine Zementierung oder Revision von Grenzen verengen. Politiker und Experten im In- und Ausland werden weiter beteuern, dass Kaliningrad zu Russland gehört. Aber ob die Menschen unter solchen Bedingungen - verlockt durch ihre EU-Nachbarn und abgeschreckt durch ihr Mutterland - noch zu Russland gehören wollen können, ist eine ganz andere Frage. Hat man die gespannten Beziehungen zwischen Russland und den Nachbarstaaten vor Augen, die durch die lange sowjetische Herrschaft, aktuelle Minderheitenkonflikte und eine Politik der Nadelstiche auf allen Seiten belastet ist, und berücksichtigt den Umstand, dass die zukünftige EU-Grenze zugleich eine Kulturgrenze, mit lateinischem Alphabet auf der einen, kyrillischem Alphabet auf der anderen Seite sein wird, so kann eine horizontale und vertikale Eskalationsdynamik an der EU-Grenze zu Kaliningrad - optimistisch formuliert - zumindest nicht ausgeschlossen werden. Kann man einer solchen Entwicklung vorbeugen, und wer kann das tun? Hilft dabei Kants Schrift zum Ewigen Frieden und der dritte Definitivartikel: "Das Weltbürgerrecht soll auf die Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein"? |
Friede - Aufgabe der Bürger |
Seitenanfang |
| Kants Kernaussagen zum Weltbürgerrecht lassen sich rasch zusammenfassen. Wenn die republikanische Verfassung und das föderalistische Völkerrecht den Rahmen des Friedens bilden, so sind Staatsbürgerrecht und Weltbürgerrecht die Prozessfaktoren. Kant legt die Aufgabe der Friedensstiftung in die Hände der Bürger. Das ist der Sinn sowohl des Staatsbürgerrechts wie auch des Weltbürgerrechts. Der Friedensbeitrag der Bürger als Staatsbürger besteht darin, dass sie die Zustimmung zum Krieg verweigern - und zwar aus dem eigenem, wohl abgewogenen Interesse daran, in solche Unbill nicht hineingezogen zu werden. Der Friedensbeitrag der Bürger als Weltbürger besteht erstens darin, dass sie ihren Geschäften nachgehen, zweitens darin, dass sie bei ihren Geschäften auf Herrschaft und Gewaltmittel verzichten und drittens darin, dass sie als Besucher in der Fremde einen Verkehr mit den Einheimischen versuchen. Ohne die Ausbreitung der bürgerlichen Geschäfte, ohne deren Zivilisierung, ohne eine über die nackten kapitalistischen Interessen hinausgehende soziale Praxis kann es einen von Bürgern gestifteten Frieden zwischen den Völkern nicht geben und auch keinen friedlichen Handel. Neben dem Schutz für Leib und Gut hat der Weltbürger das Recht auf eine soziale Praxis - jenseits der Suche nach Einfluss, Macht und Herrschaft. Das ist alles. Das Weltbürgerrecht ist kosmopolitisch gedacht - aber gegen jeden Pathos. Darin liegt die Provokation. Ich vermute, für die meisten von uns ist diese nüchterne Konzeption auf den ersten Blick enttäuschend. Die Aufgabe, einen Verkehr mit den Einheimischen zu versuchen, entlockt uns vielleicht ein wohlwollendes Lächeln, vor allem aber Zweifel, was dabei schon herauskommen soll. Das schien Kants Zeitgenossen wohl nicht anders, und so hat er uns vorausschauend belehrt, das Weltbürgerrecht sei keine phantastische und überspannte Vorstellungsart des Rechtes, sondern eine notwendig Bedingung von Koexistenz. Kann man mit einer solchen Theorie heute noch etwas anfangen? Was ist der Sinn solcher erfahrungsarmer Überlegungen? |
Die Wirklichkeit Europas |
Seitenanfang |
|
Zunächst hat man mit dem
Konstrukt der Friedensbedingungen ein einigermaßen komplexes,
aber handhabbares Instrument, um die Wirklichkeit zu beobachten
und zu beschreiben. Seine Anwendung führt zu einem eindeutigen
Ergebnis. Ich sehe keinen Ort, der dem Friedensmodell Kants entspricht.
Auch der viel gelobte Demokratische Frieden in Westeuropa entspricht
den Anforderungen nicht. Um so schlimmer für die Wirklichkeit,
würde Hegel sagen. Wenn nicht einmal die europäischen
Situation den von Kant genannten Bedingungen entspricht, dann
ist das kein Einwand gegen die Theorie, sondern schlimm für
Europa. Wenn die Wirklichkeit die Theorie nur bestätigen
würde, bräuchten wir sie allerdings nicht. Da die Wirklichkeit
nun nach unserer Beobachtung in vieler Hinsicht anders als das
Modell verläuft, eröffnet ein solches Instrument, sofern
es vernünftig konstruiert ist, die Möglichkeit, die
Wirklichkeit zu kritisieren. Auch können wir uns an die
Arbeit machen, die Abweichungen analysieren, nach den Gründen
suchen, Nahtstellen entdecken, an denen Theorie und Wirklichkeit
einander näherkommen, und überlegen, ob und wie die
Wirklichkeit beeinflussbar ist, und ob es wahrscheinlich ist,
dass der Versuch, dieses zu tun, auch dem Frieden dient oder
ob er alles nur noch schlimmer macht. Ungleichheit Zur ersten Frage: In welche Beziehungskonstellation
gerät der westeuropäische Bürger in Kaliningrad?
Die Schwierigkeiten des Fremden sind heute anders als der Text
Kants vermuten lässt. Da ist zunächst eine veränderte
Asymmetrie zwischen Einheimischen und Fremden. Der Westeuropäer,
der in Kaliningrad ankommt, hat in der Regel nur wenig Grund,
um Schutz zu bitten. Es ist für ihn nicht wirklich gefährlich,
und das Risiko bestimmt er weitgehend selbst. Drogen, Aids und
kriminelle Handlungen lassen sich vermeiden. Natürlich,
ein wenig unbehaglich ist es uns, aber die Gefahrenlage ist eben
doch verändert. Denn wir agieren aus einer Position der
materiellen und psychologischen Sicherheit, die die Sicherheit
der Einheimischen um ein vielfaches übersteigt. Der Wert
unseres Geldes vervielfacht sich, wir sind durch Kabel, Funk
und Netz mit den Daheimgebliebenen allzeit verbunden sowie durch
ein breites System von Versicherungen, Institutionen und Dienstleistungsunternehmen
vor Diebstahl, Krankheit und allerlei Unbill geschützt.
Anders als Kant es gesehen hat, agiert auch der unbewaffnete
Fremde aus einer Position der Stärke und Überlegenheit
und der Einheimische aus der Position der Schwäche und Unterlegenheit.
Interesse Zur zweiten Frage: Was hat der
Weltbürger den Kaliningradern "zur Gesellschaft"
anzubieten - jenseits von Einfluss, Macht und Herrschaft, um
die es ja weltbürgerlich gesehen explizit nicht geht? Warum
sollte jemand ein Interesse haben, das Angebot eines Westeuropäers
zur Gesellschaft anzunehmen, wenn es nicht um Geld, Macht und
Einfluss geht? Christian Wellmann und ich haben im Auftrag des
Schleswig-Holsteinischen Landtags im Frühjahr in einer Untersuchung
über die Zivilgesellschaft in Kaliningrad festgestellt:
Es gibt es keinen Bedarf an flüchtigen Begegnungen. Aber
es gibt den Wunsch nach kontinuierlicher und verlässlicher
Kommunikation über Erfahrungen sowie einen Bedarf an kontinuierlichem
Austausch von Informationen, Analysen und Weltsichten, Gefahrenlagen,
Interpretationen über politische Entwicklungen in Westeuropa
und ihre Folgen. Was wir Kaliningradern daher anbieten können,
ist vor allem ist das Interesse an ihnen Aufmerksamkeit für
ihre Bedürfnisse sowie das Gespräch über Möglichkeiten,
ihre Wünsche zu realisieren. Nur dann kann der Westeuropäer
weltbürgerlich in Kaliningrad auftreten, wenn er dieses
Interesse aufbringt, das kontinuierlich und verlässlich
ja nur sein kann, wenn er es mit seinen eigenen Interessen an
Kaliningrad und am europäischen Frieden verbindet. Resultate Dritte Frage: Welchen Beitrag
kann zivilgesellschaftliche Kooperation leisten, um der europäischen
Politik eine Lösung abzuringen, die auch den Interessen
und Bedürfnissen der betroffenen Menschen gerecht wird?
Der weltbürgerliche Verkehr der Bürger ist nur ein
Element in Kants Konstrukt. Wenn also das Weltbürgerrecht
einen Sinn haben soll, müsste man nachzeichnen können,
worin dieses Element in Bezug zu den anderen Elementen besteht
- der Staatenkooperation einerseits, aber auch dem Staatsbürgerrecht.
Was soll dabei herauskommen? |
Um der Erfahrung willen |
Seitenanfang |
| Was sind Weltbürgerrechte
- zusammengefasst? Direkte, an handfesten Interessen orientierte,
länderübergreifende Kommunikation von einander fremden
Menschen mit staats- und weltbürgerlicher Identität
bilden - neben der Disziplinierung der Staaten durch seine Bürger
und das Völkerrecht - die dritte Säule der positiv
gefassten Friedensutopie Kants. Weltbürgerrechte und Staatsbürgerrechte
sind keine Alternativen, sondern ergänzen sich wechselseitig.
Jeder Mensch ist an jedem Ort Rechtssubjekt. Das internationale
Recht ist dieser Auffassung Kants gefolgt. Mehr noch, das System
der Menschenrechte stellt Staatsbürger und Nichtstaatsbürger
einander zunehmend gleich und gewährt jedem das Recht im
Sinne der eigenen partikularen Interessen mitzuentscheiden. Sofern sie sich als Weltbürger verstehen, obliegt es den Bürgern jedoch, die eigenen Interessen im Lichte der Sichtweisen anderer abzuwägen - wo immer sie sich befinden und wem immer sie begegnen. Das Medium des Weltbürgerrechts ist nicht der Stimmzettel, sondern der Dialog. Dieser - so darf man hoffen - überwindet auch die Beschränktheit staatbürgerlichen Verhaltens. Sein Ort ist vorzugsweise die Konferenz, seine Form das direkte Gespräch, bei dem selten direkt etwas herauskommt, face to face, oder vielleicht auch der Chat via Internet. Die Menschen müssen es wollen. Mit jeder Erfahrung, die sie dabei machen, ist etwas gewonnen. Nicht so sehr wegen der Erfolge in einzelnen Kooperationsprojekten, sondern um der Erfahrungen willen müssen wir weltbürgerliches Handeln jedenfalls versuchen. |
| Dr. Hanne-Margret Birckenbach, Privatdozentin an der Universität Bielefeld und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schleswig-Holsteinischen Institut für Friedenswissenschaften (SCHIFF) im Arbeitsbereich Konflikt und Kooperation in der Ostseeregion. |
|
© Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. Corrensstr.12, D-72076 Tübingen, Tel.: 07071/920510, Fax: 07071/9205111 E-Mail: kontakt@friedenspaedagogik.de http://www.friedenspaedagogik.de |