Friedenserziehung konkret



Friedensbewegung und Friedensarbeit - Einmischung ist möglich

Günther Gugel / Uli Jäger


Lernen in der Friedensbewegung

Kontinuität durch Institutionalisierung: Friedensarbeit heute

Das Zusammenwirken von Friedenserziehung und Friedensarbeit: Das Beispiel "transnationale Friedensarbeit"

Attraktivität von Friedensarbeit für junge Menschen

Anmerkungen


Zum Inhalt von
Friedenserziehung

"Lernen in der Friedensbewegung"1 - mit diesem Motto wurde in den achtziger Jahren von vielen in der Friedensbewegung engagierten PädagogInnen deutlich gemacht, daß in selbstorganisierten Basisgruppen die besten Voraussetzungen für friedenspolitische Lernprozesse bestehen. In diesem Zusammenhang wurden die Grenzen zwischen Friedensbewegung und Friedenspädagogik häufig zugunsten der einseitigen Ausrichtung auf politische Aktionen aufgehoben und der Sinn intentionaler Erziehungsarbeit, zum Beispiel in der Schule, radikal in Frage gestellt.2 Sicher sind Lernprozesse am ehesten dann zu erwarten, wenn Menschen selbst handeln, und diese Erkenntnis der Lernpsychologie ist auch die Grundlage der Beziehung von Friedenserziehung und Friedensbewegung. Aber zu Recht wird darauf verwiesen, und dies wird auch in diesem Band deutlich, daß Friedenserziehung bei weitem nicht nur in der Friedensbewegung ihren Raum hat und daß die ausschließliche Betonung der politischen Aktion als Lehrmethode die Gefahr des Aktionismus in sich birgt.3 Die Friedenserziehung steht aber dennoch in einem engen Verhältnis zur Friedensbewegung, da gleiche Ziele wie die Rüstungs- und Militärkritik, die Orientierung an einem positiven Friedensbegriff, die Ablehnung von Gewalt und die Suche nach gewaltfreien Handlungsmöglichkeiten verfolgt werden. Häufig wird Friedenserziehung seitens der Friedensbewegung jedoch zu sehr als Instrument gesehen. Dies kommt zum Beispiel in dem folgenden Zitat zum Ausdruck: "Aufgabe der Erziehung ist es vor allem, die negativen Erfahrungen der Unzufriedenheit mit der offiziellen Politik, der Frustration infolge von Gewalt und Unterdrückung und der Individualisierung und Konkurrenzhaltung bewußt zu machen und auf die Notwendigkeit einer organisierten, gemeinsamen Friedensarbeit hinzuweisen."4 Solche und ähnliche Erwartungen werden häufig an die Friedenserziehung bzw. die Friedenspädagogik gerichtet. Sie müssen allzu oft enttäuscht werden, denn manche dieser Erwartungen erwecken den Eindruck, als solle die Friedenspädagogik die zentralen Probleme der Friedensarbeit lösen. Dabei werden die eigentlichen Kompetenzen und Stärken der Friedenserziehung ausgeblendet:
Friedenserziehung kann durch ihre Ansätze und Methoden in den bereits beschriebenen Handlungsfeldern, also von der Familienerziehung bis hin zur Erwachsenenbildung, prinzipiell mit dazu beitragen, daß sich bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein positives Bewußtsein und Verhalten in bezug auf das friedliche Zusammenleben der Völker entwickeln kann bzw. gestärkt wird. Hinzu kommt, daß bei allen Maßnahmen der Friedenserziehung die Befähigung zum politischen Handeln eine bedeutsame Rolle spielt und somit die Voraussetzungen für ein Engagement in der Friedensbewegung geschaffen werden können. Zu den Kompetenzen der Friedenspädagogik gehört darüber hinaus auch die Entwicklung von Aktionsmodellen und -methoden für die Friedensarbeit bzw. die Evaluation von Aktionen (z.B. von Friedenswochen, bundesweiten Kampagnen, kommunalen und transnationalen Ansätzen). Aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen ist es allerdings nur in einigen Ausnahmefällen möglich gewesen, Friedensgruppen in ihrer Arbeit unter friedenspädagogischen Zielsetzungen zu begleiten und sie schließlich auch zu beraten.5 Außerdem kann Friedenserziehung zur Ausbildung von professionellen FriedensarbeiterInnen beitragen, wie sie in Ansätzen von einigen Einrichtungen der Friedensbewegung angeboten werden. Das informelle Lernen in der Friedensbewegung, welches von den AktivistInnen oftmals gar nicht als Lernen wahrgenommen wird, wird im Verlaufe von sozialen Bewegungen häufig ergänzt durch selbstorganisierte, teilinstitutionalisierte Lernprojekte.
Die Entwicklung von selbstorganisierter, eigenständiger Bildungsarbeit, die außerhalb von traditionellen Institutionen stattfindet und oft auch im Kontext von direkter politischer Arbeit bzw. von Aktionen steht, ist historisch nicht neu. Diese Form der Bildungsarbeit wurde bereits im Rahmen der Arbeiterbewegung Ende des 19. Jahrhunderts praktiziert und führte zu einem schrittweisen Aufbau einer organisierten und institutionalisierten Arbeiterbildung, die die politische Aufklärung und die politische Aktion in ihr Zentrum stellte. Dabei wurde Bildungsarbeit weitgehend als notwendig und funktional zur Befähigung für den politischen Kampf gesehen.
Als die wichtigsten Kennzeichen dieser Arbeiterbildung um die Jahrhundertwende sind zu nennen:

  • "ein unmittelbarer Aktionsbezug im Sinne einer Funktionalität für die politische Widerstandsarbeit;
  • eine eindeutige inhaltlich-politische Parteilichkeit;
  • Anknüpfung an und Bezogenheit auf alltägliche konkrete Lebens- und Anwendungszusammenhänge der Teilnehmer;
  • der Anspruch einer weitgehenden Mit- und Selbstbestimmung der Teilnehmer in der Organisation des Lernprozesses und ein daraus resultierendes tendenziell dialogisches Verhältnis von Lehrenden und Lernenden;
  • das Selbstverständnis, mit der eigenen Bildungspraxis dem herrschenden Bildungssystem eine politische und pädagogische Alternative gegenüberzustellen."6

An diesen Kriterien werden auch heute die selbstorganisierten Lernprojekte gemessen. Mit solchen Projekten wird versucht, Alternativen zu herkömmlichen Formen etablierter Bildungsarbeit zu entwickeln. Die Bedeutung solcher Projekte liegt in ihrer innovativen Kraft. Nicht selten werden dabei Bildungsangebote erprobt und entwickelt, die später auch von etablierten Einrichtungen übernommen werden. Eine zweite, nicht zu unterschätzende Bedeutung liegt auch darin, daß weitgehend unabhäng von aktuellen "Modethemen" im Bildungsbereich, praxisnah, kontinuierlich und langfristig an den Grundfragen der Friedensproblematik gearbeitet wird.
Dies geschieht vor allem dann, wenn sich eine kontinuierliche längerfristige Widerstandsarbeit verbunden mit immer komplexer werdenden inhaltlichen, politischen und organisatorischen Zusammenhängen herauszubilden beginnt - eine Entwicklung, wie sie bei der Friedensbewegung zweifelsohne vorhanden war. Bis Mitte der achtziger Jahre gehörten deshalb Gruppen der Friedensbewegung zu den wichtigsten Adressaten von Einrichtungen wie dem Verein für Friedenspädagogik Tübingen oder der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik München.

Lernen in der Friedensbewegung

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Die Friedensbewegung der achtziger Jahre wird neben anderen Basisbewegungen wie der Ökologie-, der Frauen- oder der Dritte-Welt-Bewegung zu den neuen sozialen Bewegungen gezählt. Der Politikwissenschaftler und Sprecher des Komitees für Grundrechte und Demokratie, Andreas Buro, geht davon aus, daß sich im Verlauf dieser Bewegungen "Massenlernprozesse"7 entfalten können, weil viele Menschen in unterschiedlichen Gruppen vergleichbare Erfahrungen machen. Vorausssetzung für die Entfaltung von Lernprozessen ist allerdings, daß die Gruppen dezentral organisiert sind und basisdemokratische Strukturen aufweisen. Gelernt wird zum Beispiel, wenn politische Aktionen gemeinsam konzipiert, vorbereitet und durchgeführt werden und wenn sich die einzelnen in Auseinandersetzung mit den anderen Gruppenmitgliedern Meinungen über politische Entwicklungen und deren Hintergründe bilden. Dabei geht es nicht nur um die Aneignung von Sachwissen, sondern vielmehr um die Veränderung von Einstellungen, Verhaltens- und Herangehensweisen, durch welche das angeeignete Wissen eine vertiefende Qualität erhält. Welche Lernprozesse sind im Verlauf der Friedensbewegung sichtbar geworden?8
Bekenntnis zur eigenen Angst: Während der achtziger Jahre haben viele Menschen in Friedensgruppen gelernt, daß sie sich angesichts der atomaren Bedrohung zu ihrer Angst bekennen können und daß man sich mit dieser Angst in gemeinsamen Diskussionen emotional und rational auseinandersetzen kann. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Angst wurde allerdings dadurch erschwert, daß die Friedensbewegung vielfach als "Angst-Bewegung" diffamiert wurde, deren Anhänger sich nicht mit rationalen Argumenten auseinandersetzen würden. Dieser Vorwurf trifft allenfalls für einen kleinen Teil der Friedensbewegung zu, während andere zu regelrechten "GegenexpertInnen" in Fragen der Sicherheitspolitik wurden.
Aneignung von Kompetenzen: So konnten viele Menschen während der Auseinandersetzung mit der "Nach-Rüstung" die Erfahrung machen, daß man nach einer thematischen Einarbeitung Zusammenhänge, die einem zuvor als undurchschaubar erschienen, durchaus beurteilen kann und der Aufbau eines "Gegenexpertentums" zwar Mühen kostet, aber machbar ist.
Aufbau dezentraler Strukturen: Ein weiterer Lernprozeß betrifft die Organisationsstruktur und den inneren Aufbau von Friedensgruppen: Schon die Ostermärsche in den sechziger Jahren haben im Gegensatz zu den zentral organisierten Aktionen gegen die Wiederbewaffnung Mitte der fünfziger Jahre gezeigt, wie wichtig dezentrale Organisationsstrukturen sind, um Unabhängigkeit von Großorganisationen gewährleisten zu können.
Erarbeitung von Alternativen: Gelernt worden ist, daß es schwierig, aber notwendig ist, Alternativen zu den herrschenden Konzepten von Sicherheits- und Friedenspolitik zu entwickeln und sie auch überzeugend vertreten zu können. Dies zeigte sich z.B. in den Diskussionen über "Alternative Sicherheitskonzepte" in den achtziger Jahren und wird heute in den Diskussionen über nichtmilitärische Formen der Intervention wieder sichtbar.
Gewaltfreiheit als Lebensprinzip: Eine zentrale Auseinandersetzung in den sozialen Bewegungen war schon immer die Einstellung zur Gewaltfreiheit, obwohl immer nur wenige die Gewaltanwendung unter bestimmten Bedingungen akzeptierten. Diskutiert wurde vor dem Hintergrund atomarer Aufrüstung (und dem Ausbau der Atomwirtschaft) zum Beispiel, ob gegen politische Entscheidungen, die als Bedrohung für das Leben der Menschen eingestuft werden, die Anwendung von Gewalt gegen Sachen legitim ist, ob staatliche Gewaltanwendung mit "Gegengewalt" beantwortet werden darf und schließlich, welche Aktionen und Aktivitäten als "Gewalt" einzustufen sind. Vielen ist dabei in langen Diskussionsprozessen deutlich geworden, daß sich in der Friedensarbeit Mittel und Ziel entsprechen müssen und deshalb eine strikte Absage an Gewalt in jeder Form notwendig ist. Dabei ist bedauerlicherweise zu selten deutlich geworden, daß Gewaltfreiheit als ein umfassendes (und komplexes) Prinzip der Lebens- und Konfliktbewältigung betrachtet werden muß, ganz im Gegensatz zur Gewaltlosigkeit als situationsspezifisch einsetzbarer Methode und Technik gewaltfreien Handelns. Dieses Defizit macht sich auch bei den aktuellen Diskussionen über die Bewertung militärischer Interventionen bemerkbar.
Neues Politikverständnis: Schließlich kann deutlich werden, daß sinnvolles Leben schon jetzt unter gesellschaftlichen Bedingungen einer vielfachen Entfremdung gestaltbar ist. Das Engagement in den sozialen Bewegungen ist also schon heute subjektiv lohnend und nicht nur Last. Damit wird tendenziell ein neues Politikverständnis gewonnen, das subjektives und gesellschaftliches Handeln gleichermaßen als politisch begreift.
Untersuchungen über die Arbeit von Gruppen der Friedensbewegung und Erfahrungsberichte von FriedensaktivistInnen zeigen, daß solche Lernprozesse möglich sind. Sie weisen jedoch auch darauf hin, wie Lernprozesse behindert werden und warum viele der Friedensarbeit nach einer Zeit des Engagements wieder den Rücken kehren9. Schwierigkeiten ergeben sich zum Beispiel durch den Diskriminierungsdruck der Gruppenmitglieder von außen, durch sich ausprägende hierarchische Gruppenstrukturen, durch die Perspektivenverengung aufgrund inhaltlicher Begrenztheit oder durch die Begrenzung auf die unmittelbare Betroffenheit. Auch liegt in den sozialen Bewegungen ein permanenter Handlungsdruck vor, der notwendige Reflexionsphasen erschwert oder gar verhindert. Schließlich ist der Identifikationsgrad mit der "Bewegung" häufig so groß, daß die nötige Distanz verloren gehen kann. Dies kann sich besonders dann kontraproduktiv auf das Engagement auswirken, wenn die Ziele der Friedensarbeit so hoch gesteckt werden, daß eine Realisierung gar nicht möglich ist. So hat es viele AktivistInnen und SympathisantInnen der Friedensbewegung bitter enttäuscht, daß sie weder die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen (Beginn der 80er Jahre) noch (zu Beginn des Jahres 1990) den Golfkrieg verhindern konnten. Doch waren dies jemals realistische Ziele? Nur wenigen in der Friedensbewegung ist es gelungen, von Allmachtsphantasien hinsichtlich des eigenen Einflusses Abstand zu nehmen und Friedensarbeit in den (politischen) Alltag zu integrieren.
Wo findet heute noch Friedensarbeit statt und wer sind die Akteure? Zu welchen Themen wird gearbeitet, welche Handlungsansätze sind erkennbar? Im folgenden wird nach einer knappen Darstellung des Standes der Friedensarbeit das Zusammenwirken von Friedenserziehung und Friedensarbeit am Beispiel grenzüberschreitender Friedensarbeit beschrieben.

Kontinuität durch Institutionalisierung: Friedensarbeit heute

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Heute kann trotz des teilweise beeindruckenden Engagements von Friedensgruppen und einzelnen BürgerInnen gegen den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und gegen die rechtsextreme Gewalteskalation im eigenen Land kaum noch von der Existenz einer Friedensbewegung im Sinne einer sozialen Bewegung gesprochen werden. Friedensarbeit findet in kleiner gewordenen Kreisen statt. Auch die öffentliche Unterstützung ist geringer und eher sporadisch geworden und es hat eine Themenverschiebung stattgefunden. Das Fehlen einer bundesweit selbstbewußt auftretenden Friedensbewegung ist genauso schmerzlich wie das Ende der gewaltfreien BürgerInnenbewegung in der DDR nach der Vereinigung. Denn diesen Bewegungen ist es in der Vergangenheit gelungen, Entscheidungsprozesse in der innerstaatlichen und internationalen Politik zu beeinflussen. Doch auch heute gibt es weiterhin ein beachtliches Potential an AktivistInnen und SympathisantInnen, die bereit sind, sich auf unterschiedliche Weise für den Frieden zu engagieren. Nur wenige davon können allerdings das Engagement für weniger Gewalt und mehr Gerechtigkeit - die weiterhin gültigen zentralen Ziele von Friedensarbeit - über eine längere Zeitdauer hinweg in den Mittelpunkt ihrer privaten und beruflichen Lebensgestaltung stellen.
Zu den wichtigsten Erfolgen der Friedensbewegung der achtziger Jahre gehört die Etablierung einer im Verhältnis zu den verfügbaren Mitteln gut funktionierenden Infrastruktur für Friedensarbeit. Mehrere Einrichtungen stehen der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung, in denen FriedensaktivistInnen mit einem teilweise großen Erfahrungsschatz bei der Durchführungen von Aktionen und einer hohen Sachkompetenz tätig sind. Hierzu zählen zum Beispiel das Netzwerk Friedenskooperative, das Komitee für Grundrechte und Demokratie, der Bund für Soziale Verteidigung, Pax Christi oder die Kampagnen gegen Rüstungsexporte. In diesen Einrichtungen werden die aktuellen sicherheits- und friedenspolitischen Entwicklungen kritisch verfolgt, es werden systematisch Informationen gesammelt und ausgewertet. Individuelle Anfragen können aufgrund der Verfügbarkeit von spezialisierten Archiven gezielt beantwortet werden und es gelingt trotz der geringer gewordenen öffentlichen Resonanz, bundesweite Kampagnen zu initiieren. Im Bereich der Friedenspädagogik konnte sich der Verein für Friedenspädagogik weiter etablieren und seine Grundlagenarbeit wie auch die Serviceleistungen für Basisgruppen oder MultiplikatorInnen in der Jugend- und Erwachsenenbildung ausbauen. Damit ist es gelungen, für ausgewählte Handlungsfelder der Friedensarbeit Hintergrundinformationen und Aktionsvorschläge verfügbar zu machen. Dies ist umso wichtiger, weil häufig Expertisen aus den Friedensforschungsinstituten zu den von der Friedensbewegung als wichtig erachteten Problemstellungen fehlen. Allen Einrichtungen der Friedensarbeit ist allerdings gemeinsam, daß sie kaum über ausreichende finanzielle Ressourcen verfügen und angesichts der raschen politischen Entwicklungen, der hohen Gewaltakzeptanz und -bereitschaft und der an sie gestellten Erwartungen häufig überfordert sind.
Neben diesem engeren Kreis der organisierten Friedensbewegung gibt es seit Jahren eine Gruppe von AktivistInnen, die aufgrund ihrer Überzeugung und ihrer Lebensumstände bereit und in der Lage sind, ein größeres persönliches Risiko als andere einzugehen oder vor negativen Konsequenzen nicht zurückschrecken. Hierzu zählen zum Beispiel diejenigen, die als Totalverweigerer Gefängnisstrafen in Kauf nehmen oder die sich aktiv an gewaltfreien Blockaden und Verweigerungsaktionen beteiligen. Nach Angaben der Aktion "Steuern zu Pflugscharen" weigern sich bundesweit rund 5.000 Menschen, Steuern für militärische Zwecke zu bezahlen, obwohl nach einem Urteil des Bundesfinanzhofes Steuerverweigerung aus Gewissensgründen rechtlich nicht geschützt ist. Sie behalten denjenigen Teil ihrer Abgaben auf einem Sperrkonto, der dem Rüstungsanteil im Bundeshaushalt entspricht. Andere AktivistInnen reisen sogar in Krisenregionen und sorgen zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien für die Unterstützung der dortigen Friedenskräfte. Immer wieder greifen diese AktivistInnen auf Überlegungen und Konzepte zurück, wie sie auch in der Friedenspädagogik zumindest in Ansätzen diskutiert werden. Ein typisches Beispiel ist die Anwendung des Konzeptes der Mediation bei der Vermittlung zwischen Konfliktparteien. So unterschiedlich die Motive dieser Menschen auch sein mögen, sie tragen gemeinsam dazu bei, daß in der Öffentlichkeit immer wieder Elemente eine Kultur der Gewaltfreiheit sichtbar werden.
Neben dieser überschaubaren Gruppe von (Sach-)ExpertInnen und AktivistInnen existiert trotz der Auflösung einer erheblichen Zahl von Friedensgruppen noch immer ein Umfeld von lokalen Gruppen, die sich je nach aktuellen Anlässen mit unterschiedlichen Themen beschäftigen oder sich den verschiedenen bundesweiten Kampagnen anschließen. Sie waren in den achtziger Jahren die maßgeblichen Träger des Protestes gegen die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen und bildeten das "Rückgrat" für die Friedensbewegung. Heute organisieren die verbliebenen Gruppen lokale Friedenswochen, beispielsweise im Rahmen der "Dekaden für Frieden und Gerechtigkeit", zu denen kirchliche Friedensgruppen seit 1980 bundesweit aufrufen. Thematisch beschäftigen sich deren Mitglieder vielfach mit dem innergesellschaftlichen Gewaltpotential und kümmern sich um Flüchtlinge und AsylbewerberInnen, wobei sie häufig von neuen Gruppen und Institutionen wie den "Regionalen Arbeitsstellen gegen Ausländerfeindlchkeit (RAA)" unterstützt werden. Auch versuchen sie, eine öffentliche Auseinandersetzung über die Problematik aktueller oder zukünftiger Bundeswehreinsätze zu initiieren. Diese Gruppen weisen eine hohe Kontinuität auf und gehören in vielen Städten und Kommunen zur etablierten, lokalen Kultur. Sie sind jedoch oftmals vom Engagement einiger "Unermüdlichen" abhängig. Dieses herausragende Engagement lokaler Persönlichkeiten erhöht einerseits die Glaubwürdigkeit für die lokale Friedensarbeit, führt aber andererseits häufig auch zu Verkrustungen innerhalb der Gruppen.
Diese Gruppen bekommen immer dann Zulauf - oder auch zeitweise "Konkurrenz" durch spontane Gruppengründungen, z.B. durch SchülerInnen -, wenn sich BürgerInnen durch aktuelle Ereignisse besonders betroffen fühlen. Sei es wegen des Krieges am Golf, des Mordens im ehemaligen Jugoslawien oder der rechtsextremen Gewalttaten. Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit zeigen, daß Menschen durchaus bereit sind, sich zu engagieren. Die Motive für dieses oftmals sehr spontane Engagement sind sehr vielfältig. Sie reichen von persönlichen Ängsten, z.B. vor gewalttätigen Übergriffen durch rechtsextremistische Jugendliche, über die moralische Empörung hin zur Hilfsbereitschaft aus humanitären Gründen. Das Wissen über friedens- und sicherheitspolitische Zusammenhänge ist eher gering, manche reden gar von der notwendigen "Alphabetisierung in gewaltfreiem Konfliktaustrag". Deshalb kann es auch nicht verwundern, daß das Engagement dieses großen Umfeldes oftmals sehr spät kommt - wie im Falle der fremdenfeindlichen Ausschreitungen - angesichts der friedenspolitischen Herausforderungen zu gering erscheint oder die gezielte Einflußnahme auf politische Entscheidungsprozesse ausklammert. Immer aber ist das Engagement zeitlich befristet und kann sich rasch erschöpfen, wenn "die Bedrohung" beseitigt scheint, sich die "hohe Politik" scheinbar um den Anstoß des Ärgernisse kümmert oder aber wenn die Aussicht auf raschen Erfolg ausbleibt.
Vielen der AktivistInnen fällt es schwer, sich auf diesen Sachverhalt einzulassen und sie sind es müde, vor dem Hintergrund der drängenden Probleme immer und immer wieder auf die Notwendigkeit und die Möglichkeiten langfristigen Engagements hinweisen zu müssen. Hinzu kommt die eigene Hilflosigkeit (angesichts des Krieges im ehemaligen Jugoslawien), die Borniertheit herrschender Politik und die Ignoranz vieler BürgerInnen angesichts der um sich greifenden Furcht vor Wohlstandseinbußen. Doch gibt es eine Alternative, wenn nicht die Herausbildung einer kleinen "Friedenselite" gefördert werden soll? Der weitere notwendige Ausbau der Institutionalisierung darf nicht dazu führen, daß die Kontakte zu Basisgruppen und sympathisierendem Umfeld zerbrechen, sondern er muß der Vermittlung von Sach- und Handlungskompetenzen dienen.

Von der Rüstungskritik zur Förderung friedensfähigerer Strukturen

Der Friedensbewegung ist es in den achtziger Jahren gelungen, aktuelle Entwicklungen in der Rüstungs- und Außenpolitik kritisch zu verfolgen, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen und - zumindest in Ansätzen - Alternativen zur herrschenden Sicherheitspolitik zu entwickeln. Friedenserziehung hat viel dazu beigetragen, die komplexen Zusammenhänge internationaler Politik transparent zu machen, um Interessen und Konfliktpotentiale durchschauen zu können. Schon 1980 hat die UNESCO die "Abrüstungserziehung" als einen wichtigen Aspekt der Friedenserziehung hervorgehoben. Rüstungs- und Militärkritik ist auch weiterhin notwendig, damit die zu Beginn der achtziger Jahre eingeleitete Demokratisierung der Außen- und Sicherheitspolitik nicht abbricht. Der von der Regierungspolitik und großen Teilen der Opposition befürwortete Einsatz der Bundeswehr "out-of-area", die Diskussion um die Erweiterung der NATO nach "Osten" oder die Frage nach der Einschätzung der neuen "russischen Bedrohung" - all dies sind Themenstellungen, die einer kritischen öffentlichen Auseinandersetzung bedürfen. Denn sie werden wie alle anderen sicherheitspolitisch relevanten Themenstellungen von der herrschenden Politik weiterhin im Sinne des "alten Denkens" behandelt. So ist zwar inzwischen ein erweiterter Sicherheitsbegriff allgemein akzeptiert, aber in seinen Konsequenzen auf nicht-militärische Ursachenbekämpfung wird er kaum reflektiert.
Hier ist der Ansatzpunkt der Friedensbewegung und -erziehung: Es muß gelingen, die Erweiterung des Sicherheitsbegriffes nicht nur für die Bedrohungswahrnehmung, sondern auch für die Formen der Bearbeitung durchzusetzen. Dies bedeutet nicht nur die Erarbeitung von friedenspolitischen und -pädagogischen Modellen hinsichtlich des Umgangs mit der weltweiten und der innergesellschaftlichen Gewalt, sondern auch mit den "neuen" Bedrohungen (Umweltkatastrophen, Verletzungen von Menschenrechten, Armut und soziale Ungerechtigkeiten, Wanderungsbewegungen). Die Entwicklung neuer Formen nichtmilitärischer Konfliktbearbeitung und die notwendigen Vorschläge für eine entmilitarisierte europäische Friedensordnung müssen sich jedoch daran messen lassen, welche Schritte zu deren Umsetzung angegeben werden können. Diese Forderung ist umso wichtiger, je mehr die Vorstellungen einer nicht-militärischen Konfliktbearbeitung als unrealistisch diskriminiert werden.
Zur Förderung friedensfähigerer Strukturen gehört es auch, mehr als zuvor für die Auseinandersetzung mit innergesellschaftlichen und zwischenstaatlichen Konflikten Begriffe wie Demokratie, Wohlstand und Menschenrechte mit eigenen Kriterien und Inhalten zu füllen. Schließlich darf Friedensarbeit nicht eurozentriert betrieben werden und die Kooperation von Friedens- und Dritte-Welt-Arbeit muß gerade bei zurückgehenden Ressourcen gefördert werden. Dies trifft auch für die Nähe zur Ökologiebewegung zu. Deshalb ist es zu begrüßen, wenn Friedens- und Ökologiegruppen gemeinsam zu Aktionen aufrufen, wie dies bei dem aktuellen Boykott "Bis zum Ausstieg aus dem Atomgeschäft" gegen Produkte der Firma Siemens geschieht.

Das Zusammenwirken von Friedenserziehung und Friedensarbeit: Das Beispiel "transnationale Friedensarbeit"

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Angesichts der Eskalation der Gewalt in Teilen Europas bis hin zu dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, aber auch der Versuche der Abschottung der (west-) europäischen Grenzen gegenüber Flüchtlingen aus anderen Regionen der Welt und vor dem Hintergrund von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus stellen sich zwei Fragen: Was können BürgerInnen und Friedensgruppen, gesellschaftliche Organisationen und transnationale, nichtstaatliche Organisationen zur Entwicklung ziviler und friedensfördernder Strukturen in und zwischen den Gesellschaften beitragen, um Konflikten und Kriegen vorzubeugen? Was können sie tun, wenn es "zu spät" ist und Konflikte bereits gewalttätig ausgetragen werden?
Vergleichbar mit dem Konzept der "multikulturellen Gesellschaft" auf innergesellschaftlicher Ebene werden gegenwärtig für das Außenverhältnis Überlegungen für eine grenzüberschreitende Friedensarbeit angestellt. Unter dem Stichwort "transnationale Friedensarbeit" werden eine Reihe von interessanten Ansätzen diskutiert, die erste Schritte auf dem Weg zu friedensfähigeren Strukturen zumindest in Europa enthalten. Sie beinhalten friedensorientierte Handlungen zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gesellschaften, die durch nationalstaatliche Grenzen getrennt sind. Zu den Akteuren zählen Mitglieder von Gruppen und Organisationen der Friedensbewegung, nichtstaatlicher Organisationen, gesellschaftlicher Großorganisationen sowie TeilnehmerInnen internationaler Begegnungen. Sicherlich haben sich seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes manche Bedingungen für grenzüberschreitende Friedensarbeit verbessert. Grenzen sind durchlässiger geworden und in Osteuropa besteht mehr als zuvor die Chance zur Herausbildung ziviler Gesellschaften. Aber viele Hoffnungen sind zwischenzeitlich auch enttäuscht worden. Durch die Renationalisierung werden zum Beispiel die Kontakte der wenigen, die heute zur transnationalen Friedensarbeit bereit und in der Lage sind, erschwert. Die Relegitimation des Militärs entzieht die Unterstützung für die Erprobung neuer Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung.
Und doch gibt es eine große Vielfalt in der Praxis grenzüberschreitender Friedensarbeit und -erziehung.
"Europa der Regionen": Ein besonders interessantes Beispiel für regionale, grenzüberschreitende Friedensarbeit ist aufgrund der Kontinuität und Intensität der Kooperation die Alpe-Adria-Friedensbewegung: Seit 1984 arbeiten Gruppen aus den Regionen Norditalien, Kärnten, der Steiermark sowie aus Slowenien und Kroatien eng zusammen. Sie führen gemeinsame Seminare zur Friedenserziehung und zu interkulturellem Lernen durch, erkunden in Projekten der "oral history" die Geschichte ihrer Region oder planen Aktionen. Die Schwierigkeiten, mit denen derartige Projekte konfrontiert sind, sind außerordentlich groß und so ist die Problembeschreibung durchaus typisch: "Die politischen Gegebenheiten in den einzelnen Ländern sind zu unterschiedlich, um mehr als ein punktuell einheitliches Auftreten zu ermöglichen. Man muß sich auch vor Augen halten, wie lange es dauert und wie ermüdend es sein kann, wenn man bei Tagungen oder Koordinationstreffen alle Sprachen im Prinzip gleichberechtigt verwendet, auch wenn schließlich oft - aus praktischen Gründen - wieder auf Englisch zurückgegriffen wird."11
Diplomatie von unten: Schon während des Ost-West-Konfliktes hat es verschiedene Versuche gegeben, AktivistInnen aus den Friedens- und Bürgerrechtsbewegungen Ost- und Westeuropas eine "blockübergreifende Plattform" für gemeinsame Diskussionen zu bieten. Diese fanden zum Beispiel im Rahmen der bis 1992 jährlich durchgeführten END-Konferenzen (European Nuclear Disarmament) statt und haben als organisierter "Ost-West-Dialog von unten" einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der friedenspolitischen Arbeit der jeweils "anderen Seite" geleistet.12 Im Jahr 1990 wurde die Helsinki Citizens Assembly (HCA) gegründet, um den KSZE-Prozeß kritisch von unten begleiten zu können und am Aufbau einer "civil society" mitzuwirken. Ziel der HCA ist der Ausbau der Diplomatie von unten, d.h. der organisierte Dialog zwischen den Angehörigen verschiedener Gesellschaften. Zwischenzeitlich sind 36 nationale Sektionen beteiligt und neben den jährlichen Treffen werden gemeinsame Aktionen (wie zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien) organisiert. In der Arbeit der HCA sind Konflikte nicht ausgeblieben und die Teilnahme beschränkt sich auf eine kleine Zahl von "Funktionären". Auch gibt es Stimmen, die vor zu hohen Erwartungen an die HCA und andere, vergleichbare Organisationen warnen bzw. deren enge Anbindung an die Bedürfnisse und Interessen der in den Krisenregionen lebenden Menschen anmahnen: "Reichen die eigenen menschlichen und materiellen Ressourcen aus, um mit KollegInnen in einer bestimmten Konfliktregion dauerhaft und ernsthaft zu arbeiten? Oder werden durch ein Engagement, das möglicherweise ressourcenmäßig nicht ausreichend ausgestattet ist, Erwartungen geweckt, die enttäuscht werden, so daß sich die Initiativen vor Ort desintegrieren?"13 Die "Diplomatie von unten" steckt noch in den Anfängen und ihre Zukunft wird auch davon abhängen, ob sich die Friedens- und Antikriegsgruppen in und außerhalb der Krisengebiete mit den durchgeführten Projekten identifizieren und inwieweit Entscheidungsabläufe transparent und mitbestimmbar gestaltet werden können.
Möglichkeiten der "Einmischung von außen": Seit der Eskalation des Krieges im ehemaligen Jugoslawien haben verschiedene Organisationen und Gruppen Möglichkeiten erkundet, wie den Menschen in den Kriegsgebieten von außen geholfen werden kann bzw. welche Beiträge zur Vermittlung zwischen Menschen und -gruppen möglich sind. Neben humanitären Maßnahmen und der materiellen Unterstützung für die lokalen Friedens- und Oppositionsgruppen - allein das Komitee für Grundrechte und Demokratie hat bislang direkte Hilfe im Wert von über 2 Millionen DM leisten können - werden Trainings in gewaltfreier Aktion und Mediation angeboten, elektronische Netzwerke für die Kommunikation der Friedensgruppen aufgebaut, unabhängige Medien unterstützt, die Arbeit von Freiwilligen in Flüchtlingslagern organisiert und er wird Deserteuren und Flüchtlingen geholfen.
Seit über einem Jahr vermittelt zum Beispiel der Christliche Friedensdienst (cfd) Freiwillige in die Flüchtlingslager im ehemaligen Jugoslawien: "Ein Aufenthalt in Ex-Jugoslawien ist kein Urlaub. Trotzdem fahren immer mehr Freiwillige für längere Zeit in die Camps von Sunconcret (Sonnenblume), der ›Anti-Ratna-Kampagne‹ und anderer kleinerer Initiativen, die sich um die psycho-soziale Unterstützung der Flüchtlinge im Land kümmern. Ansatzpunkt der Arbeit sind zuerst die Kinder. Für sie gibt es Spiele, kreative Angebote und, wenn nötig, Schulunterricht. Mit ihnen zusammen läßt sich am ehesten gegen Elend und Resignation in den Lagern angehen", so heißt es in einem Bericht des cfd.14 Enttäuschungen und Rückschläge bleiben bei derartigen Einsätzen nicht aus: "Eigentlich hatten wir uns vorgestellt, dort alle Kinder zu betreuen, egal weiche Nationalität und welcher Religion", stellten zwei Freiwillige fest, die in einem Kinderheim bei Zagreb arbeiten sollten, in welchem nur kroatische Kinder untergebracht waren und wo den HelferInnen u.a. nur das Singen kroatischer Kinderlieder erlaubt war.15 Die Instrumantalisierung des guten Willens durch eine der Konfliktparteien stellt mit Sicherheit eines der größten Probleme dar, mit denen Menschen bei der "Einmischung von außen" konfrontiert werden.
Einen anderen Ansatz verfolgt die Aktion "Schüler helfen leben": SchülerInnen in Bad Kreuznach begannen Mitte 1992 damit, in den zwanzig Schulen der Stadt Sachspenden für notleidende Menschen im ehemaligen Jugoslawien zu sammeln. Sie knüpften Kontakte und gewannen immer mehr Schulen in Rheinland-Pfalz, später im ganzen Bundesgebiet für ihre Aktion mit dem Motto: "Jeder Schüler, jede Schülerin eine Mark". Daraus ist eine eigenständige, einmalige Initiative geworden, die bis zum Ende des Jahres Spenden im Wert von über 1,7 Millionen ergeben hat und heute von den Ministerpräsidenten der Bundesländer offiziell unterstützt wird. Besonders wichtig ist es den SchülerInnen, daß sie die Spendentransporte selber begleiten, um garantieren zu können, daß die Hilfe auch ankommt. Außerdem haben, so die SchülerInnen, die Erlebnisse in den Flüchtlingslagern und die Gespräche mit der Bevölkerung immer neuen Mut gemacht, die Aktion fortzusetzen. "Wir waren bereit, Freizeit zu investieren, uns zu engagieren. Es kann auch Spaß machen zu helfen, kann einen neuen Freundeskreis zusammenschweißen und das Schüler-Weltbild um ein Vielfaches erweitern", so einer der Intitiatoren.16
Internationale Friedensdienste: Interessante Angebote für Freiwillige bieten auch die organisierten internationalen Friedensdienste, deren Zielsetzung ausdrücklich die Friedensförderung und Versöhnung ist. Im Mittelpunkt der bisherigen Arbeit steht der Arbeitseinsatz von international zusammengesetzten Freiwilligengruppen zum Beispiel an Stätten des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste) oder in sozialen und politischen Brennpunkten (Service Civil International). In einer Auswertung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß am Ende des Dienstes bei den Freiwilligen eine sensibilisierte Wahrnehmung von zunächst fremden Menschen, Kulturen, Gesellschaften und politischen Systemen sowie die Fähigkeit zu differenziertem politischen Urteil und eine Immunisierung gegen schnelle (Vor-) Urteile festzustellen ist.18
Internationer Jugendaustausch: Ein erster, wichtiger Schritt für eine Verständigung zwischen Mitgliedern verschiedener Gesellschaften und Kulturen sind die grenzüberschreitenden Personenkontakte. Jahr für Jahr reisen viele tausend Menschen nicht ausschließlich als TouristInnen in andere Ländern, sondern im Rahmen von Austauschprogrammen, von Bildungs- und Begegnungsreisen oder im Rahmen eines internationalen Jugendaustausches. Allein 1985 wurden in der Bundesrepublik von 120 überregionalen Organisationen internationale Begegnungsreisen angeboten, hinzu kommen unzählige Anbieter auf regionaler und kommunaler Ebene, von den Austauschprogrammen der Schulen ganz zu schweigen. Immer mehr Jugendliche haben die Möglichkeit, die Probleme und Sorgen, aber auch die Hoffungen und Utopien von Gleichaltrigen in anderen Ländern kennenzulernen. Allerdings ist für viele der internationalen Begegnungen festgehalten worden, daß aufgrund einer "Ideologie der Versöhnung" Tabu-Themen leicht ausgeklammert und politische oder kulturelle Differenzen nicht angesprochen werden.19 Dies ist bedauerlich, weil ohne Streit, Konflikte und Diskussionen über kontroverse Themen und Erfahrungen Lernprozesse massiv behindert werden.
Während Austauschprogramme mit Frankreich bereits zur Routine gehören, gestalten sich die Begegnungen zwischen Jugendlichen aus Ost- und Westeuropa auch nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes weitaus schwieriger. Vor dem Hintergund der noch längst nicht aufgearbeiteten Vergangenheit und den neuen Armutsgrenzen verlangen diese Begegnungen ein besonderes Maß an Einfühlungsvermögen und viel Zeit zur Vor- und Nachbereitung. Daß sie trotz aller, auch finanzieller Hürden lohnend sind, belegt ein Bericht über ein Austauschprogramm zwischen einer deutschen und einer polnischen Schule. Für beide Seiten war es nicht einfach, sich im anderen Land zurecht zu finden oder gute GastgeberInnen zu sein. Auch mußten sich die deutschen SchülerInnen die Frage von Nachbarn stellen lassen, warum sie sich "heute überhaupt mit dem Polenproblem beschäftigen". In dem Bericht heißt es weiter: "Die Wirksamkeit des völlig Normalen haben Schüler und Lehrer an einem konkreten Beispiel erfahren. Am Liceum in Nowa Sol nahmen sie am Geschichtsunterricht teil. Das Thema lautete: Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland. Eine polnische Schülerin übersetzte Unterrichtsinhalte und Fragen ins Deutsche. Und plötzlich kam eine ganz lebhafte Diskussion auf. Die polnischen Schülerinnen und Schüler äußerten Ängste gegenüber den Deutschen. Ein großes Mißtrauen wurde deutlich. Und diese Äußerung in diesem Rahmen von Gleichaltrigen hat eher gewirkt und nachgewirkt als es bei einer Vermittlung von Fakten möglich ist, wie man sie sonst in der Schule hat. - Das hat etwas bewegt, daß unsere Schüler spüren, das sind Jugendliche wie wir. Die haben die und die Interessen, und die haben uns gegenüber Ängste; da muß doch was dran sein".20 Als mindestens so wichtig wie die gemeinsamen Gespräche wird von den TeilnehmerInnen das gemeinsame praktische Handeln eingestuft. So ist das Bedürfnis geweckt worden, grenzüberschreitende ökologische Schülerprojekte zu initiieren.
Vor diesem Hintergrund ist es um so ärgerlicher, wenn finanzielle Zuschüsse für Austauschprogramme immer schwieriger zu erhalten sind. So werden zum Beispiel die Kosten, welche durch die Aufrechterhaltung des neu gegründeten deutsch-polnischen Jugendwerkes entstehen, von den Zuschüssen für Austauschreisen abgezogen. Der Bundesjugendplan sieht deshalb nicht mehr fünfzehn DM Zuschuß pro Person und Tag vor, sondern nur noch acht DM.22
Städtepartnerschaften: Jugendaustausch findet häufig auch im Rahmen von Städtepartnerschaften statt. Der Abbau von Feindbildern, eine auf persönliche Kontakte aufbauende Völkerverständigung und die nach den Verbrechen des Nationalsozialismus anstehende Versöhnung wurden in der Vergangenheit am häufigsten als Zielsetzungen für Städtepartnerschaften genannt. Erfahrungen mit deutsch-französischen Städtepartnerschaften haben gezeigt, daß positive individuelle Wirkungen einer Partnerschaft im Sinne von Abbau von Feindbildern und Vorurteilen um so eher eintreten, je mehr bürgernahe, je kontinuierlicher und kooperationsintensiver die Kontakte sind. Untersuchungen zum Personenaustausch zwischen Ost- und Westeuropa haben darüber hinaus deutlich gemacht, daß - wenn die genannten, hoch gesteckten Ziele erreicht werden sollen - bei den persönlichen Kontakten eher auf Empathie denn auf bloße Sympathie hingearbeitet werden muß. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes stehen die neuen und alten Städtepartnerschaften vor neuen Aufgaben und es bleibt die Frage, welche Konsequenzen sich aus den genannten Erfahrungen für die Neugestaltung der kommunalen Beziehungen unter dem Aspekt der Friedensförderung ergeben. Dies gilt auch für die kommunalen Beziehungen in die "Dritte Welt".
Vernetzung: Desweiteren gibt es unterschiedliche Versuche, Gruppen aus verschiedenen Ländern zu vernetzen, die zu einem bestimmten friedensrelevanten Thema (z.B. Rüstungsexporte, Atomteststop) arbeiten. Dabei handelt es sich in der Regel um einen organisierten Erfahrungsaustausch und gegebenenfalls um die Planung gemeinsamer Aktionen. Vernetzung findet auch im Rahmen von sogenannten Nicht-Regierungsorganisationen statt, denn auch große gesellschaftliche Organisationen verfügen über transnationale Kontakte und Arbeitsebenen, in denen eine Auseinandersetzung mit dem Thema Frieden stattfindet. Hierzu zählen an erster Stelle die Gewerkschaften und die Kirchen. Oftmals müssen jedoch Konflikte zwischen den Gruppen der verschiedenen Länder überwunden werden, etwa wenn es um unterschiedliche Vorstellungen von Menschenrechten oder des umstrittenen Rechtes auf "Einmischung in innere Angelegenheiten" geht. Auch Konflikte zwischen den verantwortlichen Funktionären und den Basisgruppen in den jeweiligen Ländern bleiben nicht aus, vor allem wenn es darum geht, verbindliche Forderungen zu formulieren. Zu derartigen Konflikten ist es z.B. im Rahmen des kirchlichen "Konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" gekommen. Viele Mitglieder der am Diskussionsprozeß intensiv beteiligten Basisgruppen sind enttäuscht, daß sie sich auf den zentralen internationalen Versammlungen in wichtigen friedenspolitischen Forderungen nicht durchsetzen konnten. Dies führt zu einem geringer werdenden Interesse der Basisgruppen, an den Entscheidungsprozessen überhaupt noch teilzunehmen. Die daraus resultierende Konzentration auf die Arbeit in der Gemeinde vor Ort ist zwar verständlich, geht aber auf Kosten der "Streitkultur" und des grenzüberschreitenden Meinungsaustausches. 23
Alle genannten Ansätze sind von den Friedensgruppen vor Ort erst teilweise entdeckt und in ihre Arbeit integriert worden. Warum sollen zum Beispiel Friedensgruppen nicht mehr als bisher in ihrer Stadt für die internationalen Freiwilligendienste werben und Jugendliche auf die Möglichkeiten dieses Engagements hinweisen? Warum sollte es nicht möglich sein, daß lokale Gruppen, vielleicht sogar mit städtischer Unterstützung, Patenschaften für den Einsatz von Freiwilligen übernehmen, um die Organisationen finanziell zu entlasten?

Attraktivität von Friedensarbeit für junge Menschen

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Nicht ohne Grund ist das Wort "Politikverdrossenheit" zum Wort des Jahres 1992 gewählt worden, Vor allem Jugendliche verweigern sich nicht nur dem parteipolitischen Engagement, sondern auch dem Mittun in gesellschaftlichen Basisgruppen und Friedensorganisationen. Dies obwohl Umfragen auch belegen, daß dieselben Jugendlichen die Anliegen mit großer Mehrheit unterstützen und auch Sympathien für die einzelnen Bewegungen aufbringen. Noch ist von FriedensaktivistInnen und FriedenserzieherInnen zu wenig darüber nachgedacht worden, wie sich die Bedürfnisse der Jugendlichen, aber auch die der Menschen im mittleren Lebensabschnitt oder der älteren Menschen mit den Erfordernissen der Friedensarbeit vereinbaren lassen. Gerade bei Jugendlichen aber wird es darauf ankommen, wie den Individualisierungstendenzen entgegengewirkt werden kann. Dies kann aber nur dann geschehen, wenn nicht nur Verbitterung über den Zustand von Politik und Weltlage verbreitet wird, sondern wenn es gelingt, Gewaltfreiheit als Lebensprinzip operationalisierbar zu machen. Dazu gehört es, die Auseinandersetzung mit anderen Menschen und Kulturen, die Unterstützung von Menschen in Not oder das Kennenlernem von Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung als persönlichen Gewinn deutlich machen zu können.
Friedensarbeit und Friedenserziehung wird nur dann attraktiv sein, wenn deren ProtagonistInnen Glaubwürdigkeit ausstrahlen und sich dadurch von vielen VertreterInnen der politischen Eliten, aber auch von vielen der für Erziehung zuständigen Personen unterscheiden.

Anmerkungen

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1 So der Titel eines von Lutz van Dick in Zusammenarbeit mit den "Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden" herausgegebenen Bandes. Lutz van Dick (Hrsg.): Lernen in der Friedensbewegung. Ideen für die pädagogische Friedensarbeit. Weinheim / Basel 1984.
2 Vgl. Brigitte Reich: Distanz oder Nähe? Zur Wechselwirkung von Friedenserziehung und Friedensbewegung. In: Ulrike C. Wasmuht (Hrsg.): Ist Wissen Macht? Zur aktuellen Funktion von Friedensforschung. Baden-Baden 1992, S. 158.
3 Vgl. Christiane Rajewsky: Friedenspädagogik. In: Ekkehard Lippert / Günther Wachtler (Hrsg.): Frieden. Ein Handwörterbuch. Opladen 1988, S. 125.
4 Klaus Schütz: Friedenserziehung und Friedensarbeit: Der Zusammenhang von Gesellschaftskritik und Gesellschaftsveränderung. In: Jörg Calließ / Reinhold Lob (Hrsg.): Handbuch Praxis der Umwelt- und Friedenserziehung. Düsseldorf 1987, Band 3, S. 327. Schütz geht von einer "Einheit" von Friedenserziehung und Friedensarbeit aus.
5 Vgl. Achim Battke: Kooperation für den Frieden. Waldkirch 1979.
6 Wolfgang Beer: Frieden, Ökologie, Gerechtigkeit. Selbstorganisierte Lernprojekte in der Friedens- und Ökologiebewegung. Opladen 1983, S. 25. Vgl. Wolfgang Beer: Auf dem Weg zu einer umfassenden Lernbewegung? Gemeinsame Wurzeln, Perspektiven und Lernfelder der Friedens-, Ökologie- und Dritte-Welt-Bewegung. In: Ders. / Angelika Rimmek (Hrsg.): Friedenshorizonte. Zur Friedensbewegung und Friedenserziehung in 5 Kontinenten. München 1985, S. 75.
7 Dieser Begriff wird vor allem von Andreas Buro verwendet und erläutert. Andreas Buro: Massenlernprozesse durch soziale Bewegungen. In: Jörg Calließ / Reinhard Lob (Hrsg.): Handbuch Praxis der Umwelt- und Friedenserziehung. Düsseldorf 1987, Band 1, S. 649 ff.
8 Vgl. z. B. Andreas Buro, a.a.O., S. 654 f. sowie Hans-Peter Nolting: Gewaltfreies Handeln lernen. In: Johannes Esser (Hrsg.): Friedensarbeit nach der Raketenstationierung. Grundlagen und Anregungen. Braunschweig 1985, S. 126 f.
9 Hans-Peter Nolting, a.a.O., S. 130 f.
10 Vgl. z.B. Uli Jäger u.a.: Zwischen Atomraketen und Waffenschmieden. Fallstudien über Möglichkeiten und Grenzen kommunaler Friedensarbeit. Tübingen 1988; Michael Alfs u.a.: Arbeit am verlorenen Frieden. Münster 1993; Marita Haibach / Achim Schröder: Lokalität und Lernen - Über den kommunal-regionalen Ort von Lernprozessen. In: Hanne und Klaus Vack (Hrsg.): Politische und soziale Lernprozesse. Möglichkeiten, Chancen, Probleme. Sensbachtal. o.J., S. 35-49. Vgl. hierzu auch: Hanne-Margret Birckenbach / Uli Jäer: Frieden kritisch gestalten. Das veränderte Profil der Friedensbewegung. In: Hanne-Margret Birckenbach / Uli Jäger / Christian Wellmann (Hrsg.): Jahrbuch Frieden 1995, München 1994, S. 171-185.
11 Werner Wintersteiner: Die Alpe-Adria-Friedensbewegung: Baustein für ein Europa der Regionen. In: Hanne-Margret Birckenbach / Uli Jäger / Christian Wellmann (Hrsg.): Jahrbuch Frieden 1993, München 1992, S. 220-231.
12 Vgl. Elisabeth Weber: Ost-West-Dialog von unten: BürgerInnen machen Außenpolitik. In: Hanne-Margret Birckenbach / Uli Jäger / Christian Wellmann (Hrsg.): Jahrbuch Frieden 1990. München 1989, S. 189-198.
13 Christine Martha Merkel: Methoden ziviler Konfliktbewältigung: Fragen an eine krisengeschüttelte Welt. In: Hanne-Margret Birckenbach / Uli Jäger / Christian Wellmann (Hrsg.): Jahrbuch Frieden 1994. München 1993, S. 42.
14 Projektbericht des cfd. O.O., o.J.
15 Roland Greil: Nach ein paar Tagen Friedensarbeit in Kroatien enttäuscht nach Hause zurück. In: Südwest-Presse Ulm, 14.August.1993.
16 Michael Grabenströer: Auf die Party verzichtet, das Nebenfach vernachlässigt. In: Frankfurter Rundschau, 22.12.1993, S. 6.
17 Johannes Rienäcker: Friedensarbeit in Nordirland. Ein Erfahrungsbericht. In: Michael Alfs, a.a.O., S. 76.
18 Vgl. Wolfgang Raupach: Soziales und politisches Lernen für den Frieden in Friedensdiensten. In: Jörg Calließ / Reinhold E. Lob (Hrsg.): Praxis der Umwelt- und Friedenserziehung, Band 3. Düsseldorf 1988, S. 173.
19 Vgl. Brigitte Gayler: Internationale Begegnung. In: Jörg Calließ / Reinhold E. Lob (Hrsg.): Praxis der Umwelt- und Friedenserziehung, Band 3. Düsseldorf 1988, S. 373.
20 Hannegret Biesenbaum: Was geschah und geschieht im polnischen Slonsk? An der Berliner Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule suchen Schüler einen Weg der praktischen Verständigung. In: Frankfurter Rundschau, 25.10.1990, S. 33.
21 Beate Wagner: Städtepartnerschaften mit Kommunen in der Dritten Welt. In: Deutscher Volkshochschulverband (Hrsg.): Volkshochschulen und kommunale Entwicklungszusammenarbeit. Bonn 1990, S. 52.
22 Vgl. Die ZEIT, 19.11.1993, S. 7.
23 Vgl. zum Stand des Konziliaren Prozesses: Herbert Froehlich: Der Konziliare Prozeß - was ist daraus geworden? In: Probleme des Friedens, Heft 2 / 1993, S. 118.

Günther Gugel / Uli Jäger: Gewalt muss nicht sein. Eine Einführung in friedenspädagogisches Denken und Handeln. 3. Aufl., Tübingen 1997, S. 297-319..

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