Friedenserziehung konkret



Familie - Konfliktbewältigung im Alltag

Günther Gugel / Uli Jäger


Familien im Wandel

Die Bedeutung der Eltern

Familienkonflikte konstruktiv austragen

Die zerstörerische Funktion der Gewalt

Erziehung zur "Politikfähigkeit"

Anmerkungen


Zum Inhalt von
Friedenserziehung

"Es ist nicht leicht, Kind zu sein! Es bedeutet, daß man ins Bett gehen, aufstehen, sich anziehen, essen, Zähne und Nase putzen muß, wenn es den Großen paßt, nicht wenn man selbst es möchte. Es bedeutet ferner, daß man ohne zu klagen die ganz persönlichen Ansichten jedes x-beliebigen Erwachsenen über sein Aussehen, seinen Gesundheitszustand, seine Kleidungsstücke und Zukunftsaussichten anhören muß. Ich habe mich oft gefragt, was passieren würde, wenn man anfinge, die Großen in dieser Art zu behandeln.
Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen heranwächst oder zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder nicht. Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Elern liebt, gewinnt dadurch auch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang."1
Kinder erhalten ihren ersten Zugang zur Welt über die Familie. Im familiären Zusammenleben werden die ersten (und grundlegenden) Weltbilder ebenso vermittelt wie Wertschätzung und Mißachtung. Es entstehen Modelle für Konfliktregelungen und Interaktionsmuster verfestigen sich. Dabei ist die Familie nicht autonom. Erich Fromm beschreibt sie als "Transmissionsriemen für diejenigen Werte und Normen, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern einprägen will."2 Was gedacht und wie gehandelt wird, wird vom gesellschaftlichen Umfeld, in dem sich die Familie bewegt, entscheidend mitgeprägt.
In der Familie sammelt das Kind seine ersten und eindrucksvollsten sozialen und gesellschaftlichen Erfahrungen, ohne zunächst über Möglichkeiten eines Vergleichs mit anderen Personen und der eigenständigen Verarbeitung zu verfügen.
Die Normen und Rollenvorschriften, die in der Familie gelten, werden so in den ersten Jahren wie selbstverständlich Teil des eigenen Verhaltens und bestimmen die Erwartungen an andere soziale Gruppierungen.
Die Eltern beeinflussen die Einstellung und das Verhalten ihrer Kinder dabei im wesentlichen auf folgende Weise:

  • Sie bestimmen durch ihre Zuwendung oder Ablehnung die emotionale Grundorientierung ihres Kindes.
  • Sie dienen als Modell für Nachahmung und Identifikation, so daß die Kinder von ihnen Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen übernehmen.
  • Sie vermitteln den Kindern einen sozialen, ethischen und nationalen Kontext für ihr Denken und Handeln.
  • Sie prägen durch ihre Beziehungen zueinander und zu den Kindern deren weitere Persönlichkeit.3

Familien im Wandel

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Die Familienstruktur hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend geändert. Es gibt heute kein einheitliches Familienmodell mehr, denn die Formen des Zusammenlebens sind vielfältiger und die traditionelle Familie mit zwei oder mehreren Kindern ist zur Ausnahme geworden.4
Familien mit mehreren Kindern unter 18 Jahren stellen heute eine kleine Minderheit dar. In über 60 Prozent aller Haushalte der Bundesrepublik lebten 1991 keine Personen unter 18 Jahren.5 Nur in jedem fünften Haushalt lebte ein Kind. In 15 Prozent aller Haushalte lebten zwei Kinder und in nur 4,5 Prozent aller Haushalte drei und mehr Kinder.6 Der Trend zur Zunahme der Einpersonenhaushalte ist eindeutig: In Großstädten haben sie inzwischen einen Anteil von 50-60 Prozent erreicht. Neu ist auch, daß sich die Mehrgenerationen-Familie zugunsten der Eingenerationen-Familie aufgelöst hat, sowie daß die Zahl der Alleinerziehenden steigt.
Immer mehr Kinder leben in "Ein-Eltern-Familien". Zur Zeit sind es in der Bundesrepublik ca. 3,4 Millionen Kinder. Der überweigende Teil davon lebt bei der Mutter. Jährlich kommen durch Scheidung der Eltern ca. 150.000 bei nur einem Elternteil lebende Kinder hinzu, denn jede dritte neu geschlossene Ehe in der BRD wird geschieden.7 Auf die jeweilige Altersgruppe bezogen sind jedoch 95 Prozent der 35-39 Jährigen in ländlichen Regionen und 80 Prozent dieser Gruppe in urbanen Zentren nicht geschieden. Die Zahlen belegen also keineswegs eine bedingte Auflösung der Lebensform Familie.8
Trotz der hohen Scheidungsraten und der zunehmenden Zahl der Alleinerziehenden stellt der Familiensurvey des Deutschen Jugendinstitutes fest, daß über 80 Prozent der Kinder bis zum 18. Lebensjahr bei beiden leiblichen Eltern aufwachsen. Dabei sind jedoch erhebliche geographische Unterschiede festzustellen: in ländlichen Regionen liegt der Anteil bei ca. 90 Prozent, während er in Großstädten erheblich niedriger ist.9
Dennoch: Für die von Scheidung betroffenen Kinder bedeutet dies in der Regel eine traumatische Zäsur, die sie nur schwer verarbeiten können. Die Beziehung zu einem Elternteil, oft dem Vater, wird abrupt abgebrochen und bleibt meist auf Dauer beschädigt. Kontakte beschränken sich in der Regel auf einige kurze Wochenendbesuche im Jahr. 40 Prozent der Kinder aus geschiedenen Ehen und über die Hälfte der nichtehelichen Kinder haben überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihren Vätern.
Der verbleibende Elternteil ist jetzt alleine für die gesamte Familienorganisation verantwortlich und kann meist nicht mehr so viel Zeit wie früher für die Kinder aufbringen. Hinzu kommt, daß auch die finanziellen Möglichkeiten einer Ein-Eltern-Familie wesentlich beschränkter sind als die von vollständigen Familien: "Ein-Eltern-Familien sind arme Familien" beschreibt eine amerikanische Untersuchung die Situation.10 Und: "Das ernüchterndste Resultat vieler Studien ist aber die nicht zu widerlegende enge Verbindung von Kriminalität, Armut und schlechter Schulbildung mit der Ein-Eltern-Familie. So kommen zum Beispiel 70 Prozent aller Jugendlichen in Straf- und Erziehungsanstalten (der USA, d.V.) aus vaterlosen Familien"11, bilanziert die Frankfurter Rundschau die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen über Ein-Eltern-Familien in den USA.12
Die Familie mit Kindern ist heute nicht mehr die dominierende Lebensform in der Gesellschaft13 und hat damit die traditionellen Aufgaben wie die Pflege und Erziehung von Kindern, die soziale Sicherung und die Vorsorge für das Alter weitgehend verloren. Dieser Funktionswandel14 hat für die Erziehung in vielen Familien weitreichende Konsequenzen:

  • Das Zusammenschrumpfen des Familienverbandes führt zu einer emotionalen Überlastung der modernen Familie. Die individuelle Zuwendung in Form von Sicherheit vermittelnden Gefühlsbeziehungen werden so nicht mehr garantiert.
  • Die Erschütterung traditioneller bürgerlicher Weltbilder und das Fehlen eines gesellschaftlichen Konsenses über Erziehungsziele verunsichert die Eltern. Deren Suche nach eigener psychischer Stabilität erschwert die Orientierung der Kinder.
  • Orientierungsverluste resultieren auch aus der immer deutlicher werdenden Schwächung oder sogar dem Verfall der "Vaterautorität". Der Vater ist immer weniger Identifikationsfigur und Vorbild, denn er verliert seine Macht- und Schutzfunktion. Man mag dies begrüßen oder bedauern, die Frage ist, ob Mütter diesen "Verlust" ausgleichen können oder ob demokratische Familienstrukturen einen "Ersatz" bieten.

Die neuen Anforderungen der Arbeitswelt an die Erwachsenen sind mitverantwortlich für den Funktionswandel der Familie. Ein Beruf wird heute nicht mehr "für das ganze Leben" gelernt. Selbstbestätigung und Anerkennung an ihrem Arbeitsplatz erhalten die wenigsten. Die Arbeit kann weder in zeitlicher noch in inhaltlicher Hinsicht den Alltag ausfüllen, auch deshalb hat der Freizeit- und Konsumbereich immer mehr an Bedeutung gewonnen. Für Kinder haben diese Veränderungen enorme Konsequenzen in bezug auf ihre weitere Entwicklung und Lebensplanung.
Trotz dieses Wandels hat sich jedoch an der traditionellen Arbeitsteilung innerhalb der Familie bislang nur wenig geändert. Selbst wenn beide Partner berufstätig sind, bringen Frauen erheblich mehr Zeit zusätzlich für die Hausarbeit und die Kinder auf als Väter.15
Väter sind in ihren Familien viel zu wenig präsent. Sie haben in der Regel sehr viel weniger Kontakt zu ihren Kindern als Mütter dies haben und erleben ihre Kinder vor allem in "Ausnahmesituationen" (Freizeit, Spielen, Wochenendausflüge usw.). Sie sind an der Gesamtkonzeption der Familienerziehung nicht nur weniger beteiligt, sondern nehmen auch weniger Einfluß darauf als Mütter. Untersuchungen zeigen jedoch, daß Kinder von in der Familie stark engagierten Vätern, die sich an der Bewältigung des Familienalltags verantwortlich und dauerhaft beteiligen, stärker Empathie entwickeln als Kinder traditioneller Väter.16
All diese Entwicklungen sind nicht nur negativ zu bewerten. Ein flexiblerer Umgang mit Werten und Normen und weniger zwanghafte Erziehungsmethoden schaffen die Voraussetzungen für vielfältigere individuelle Entwicklungsmöglichkeiten. Das Zurückdrängen der traditionellen Sekundärtugenden wie "Pflichterfüllung", "Pünktlichkeit", "Sauberkeit" etc. ermöglicht es, die Fragen nach Sinn und Wesen des eigenen Tuns wieder neu zu stellen. Die zunehmende Ächtung von Zwangsmitteln in der Erziehung nimmt Ängste der Kinder weg und bildet die Voraussetzung, über eine gewaltfreie Erziehung und einen partnerschaftlichen Umgang nachzudenken.

Die Bedeutung der Eltern

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Geborgenheitserfahrungen als Grundlage für Friedenserziehung

Durch die Gegenwart der modernen audiovisuellen Medien wird die Bedeutung der Eltern für die Erziehung zurückgedrängt: "Es macht aber einen großen Unterschied, ob man von leibhaftigen Eltern oder vom Fernsehen erzogen wird: Nur in der personalen Beziehung zu und in der Auseinandersetzung mit leibhaftig anwesenden, liebenden und auch strafenden, Grenzen ziehenden Eltern werden Normen verinnerlicht, bilden sich Moral und Gewissen. Eine stetige und personal vermittelte Außenkontrolle von Kindern ist notwendig, damit sich eine stabile innere Selbstkontrolle entwickeln kann. Und wo schließlich keine stabile Selbstkontrolle mehr ist, da treten Verhaltensweisen auf, die nicht nur den Bestand dieser Gesellschaft, sondern womöglich jeder Gesellschaft in Frage stellen."17
Doch welche Werte und Normen, welche Erfahrungen und Überzeugungen sollen in einer Gesellschaft, in der "alles möglich" scheint und in der scheinbar alles "gleichwertig" ist, noch vermittelt werden? Wie tragfähig oder auch beliebig sind diese? Woran sollen und können sich Eltern heute halten? Viele Eltern ziehen sich in einer solchen Situation der Unsicherheit eher aus der Erziehung zurück und überlassen ihre Kinder primär anderen Einflüssen.
Für eine positive Entwicklung der Kinder muß die Familie Zuverlässigkeit und Beständigkeit repräsentieren, um dadurch auch eine Reihe von Schutz- und Betreuungsaufgaben übernehmen zu können. Sie muß "schützender Hafen" sein und sie muß dem Kind Werte, Anleitungen, Vorbilder und sprachliche Möglichkeiten bieten, die es braucht, um sich in einer immer komplizierter und unübersichtlicher werdenden Welt zu orientieren. Diese Welt ist vom Leistungsprinzip und einem harten Konkurrenzkampf geprägt und erfordert deshalb Selbstbehauptung und ein hohes Maß an Selbstreflexion. Die doppelte Aufgabe, Geborgenheit in einer als feindlich erlebten Welt zu vermitteln und die Kinder gleichzeitig auf das Leben in einer solchen Welt vorzubereiten, überfordert immer mehr Eltern.18 Die Gefahren sind groß: Kinder können zu früh in die Welt entlassen werden und dabei zu wenig erfahren haben, was menschliche Nähe und Geborgenheit bedeuten. Andererseits können sie auch zu lange im "Familienghetto" gefangen sein, ohne Chance, sich von den starken Bindungen der Familie zu lösen und selbständig zu werden. In beiden Fällen können Überforderungen und starke Ängste die Folge sein.
Grundlegend für die Entwicklung jedes Kindes ist die emotional befriedigende Beziehung zwischen dem Säugling bzw. Kleinkind und den Erwachsenen. Gerade weil das Kleinkind abhängig und ausgeliefert ist, ist es auf liebevolle Zuwendung angewiesen. Nur wenn es ein "Ur-Vertrauen" entwickeln konnte, kann es auch zu einem "Du-Vertrauen" kommen. Aktivität, (Mit-)Gefühle und Offenheit für soziales Lernen erhalten in der frühesten Kindheit ihr Fundament. Störungen werden dann wahrscheinlich, wenn die Beziehungen durch Gleichgültigkeit, mangelnde Geborgenheit, beziehungsloses Nebeneinander oder gar Ablehnung geprägt sind. Untersuchungen über die Kindheit und Herkunftsfamilien jugendlicher Gewalttäter zeigen, daß die Familienkonstellationen in dieser Hinsicht oft äußerst problematisch waren. Dort herrschte ein Familienklima, das durch Haß und Zwietracht gekennzeichnet war, häufig mußten die Kinder ganz ohne Eltern aufwachsen oder eine Scheidung miterleben.19
Der Vater scheint in diesen Eltern-Kind-Beziehungen eine besondere Rolle zu spielen. Sofern er überhaupt präsent ist dominiert und bestimmt er wesentlich das Familienklima. Dies zeigen auch Untersuchungen über Kriegsfreiwillige: "Die Freiwilligen erfuhren von ihren Vätern mehr oder weniger Gleichgültigkeit und Ablehnung; diese hatten ›keine Antenne‹ für ihre Söhne. Sie ließen sich nicht auf Gespräche mit ihnen ein - höchstens, um sie zu belehren - und beschränkten sich auf einen eher formellen Umgang. Die Väter hatten durchweg auch außerhalb der Familie Kontaktschwierigkeiten und im Beruf wenig Freude und Erfolgserlebnisse."20
Die väterliche Gewaltausübung, so diese Untersuchungen, wurde von den Soldaten als Selbstverständlichkeit hingenommen. Auch die Mütter waren mit ihren Gefühlen nicht freigiebiger. Sie versteckten persönliche Regungen, waren nicht offen zu ihren Kindern. Die Kinder hatten so keine Möglichkeit, emotional befriedigende Beziehungen aufzubauen oder den Umgang mit Gefühlen zu lernen. Was sie lernten, war Selbstkontrolle und Verdrängung.
Über "Christian", einen der mutmaßlichen jugendlichen Mörder von Solingen, schreibt der Spiegel: "Christian ist ohne Vater aufgewachsen, der Herr Erzeuger hat nicht mal vorbeigeschaut. Nach nur sechs Monaten Grundschule wechselt er auf die Sonderschule für schwer Erziehbare. Kein dummer Junge, aber er ist unruhig, renitent, stört ständig. Die Zeichen konnte eigentlich niemand übersehen. Mit acht Jahren zündelt er in einer Baufirma, Kunststoffplatten brennen ab. Mit neun muß er erstmals in ein Heim."21
Ein Kind kann nur Selbstvertrauen und Ich-Identität entwickeln, wenn eine positive tragfähige Beziehung zu seinen Eltern vorhanden ist. Wer nicht nur die Welt, sondern auch die eigene Familie als feindselig erlebt, wird schneller als andere zurückschlagen oder die Flucht in Scheinwelten und die Isolation vorziehen.

Strafen helfen nicht weiter

Das Ausmaß und die Art der Bestrafung von Kindern scheint in engem Zusammenhang mit dem Erwerb aggressiver Verhaltensweisen zu stehen. Viele Eltern betrachten körperliche Züchtigung immer noch als normales Erziehungsmittel. Körperstrafen und strenge Bestrafungsrituale durch Eltern bedeuten, daß Aggressionen oder Fehlverhalten des Kindes durch die Aggression der Eltern "bestraft" werden.
Strafen werden damit begründet, daß Kinder nur so lernen würden, die gesetzten Normen einzuhalten. Doch was lernen sie dabei wirklich?

  • Sie lernen, sich anzupassen anstelle persönlich Verantwortung zu übernehmen und werden so in einer eigenständigen Entwicklung gehindert.
  • Sie erfahren, daß Erwachsene die Macht haben, ihre Vorstellungen mit Gewalt durchzusetzen und daß Gewalt zum Ziele führt.
  • Sie werden gegenüber Strafandrohungen zunehmend gleichgültiger und kalkulieren Strafen in ihr Verhalten ein.

Strafen zerstören so nicht nur die Beziehungen und das soziale Klima, sondern auch die Persönlichkeit der Kinder. Dies gilt vor allem, wenn sie als hart und ungerecht empfunden werden. Strafe ist ihrem Wesen nach auf Diskriminierung gerichtet und wendet sich gegen das Selbstwertgefühl der Bestraften. Eine strafende Erziehung zielt vor allem auf eine optimale Anpassung des Kindes an die sozialen Erfordernisse der Umgebung ab.
Aus psychoanalytischer Sicht wird ein Kind, das von seinen Eltern permanent bestraft wird, zur Nachahmung und zur "Identifikation mit dem Aggressor" (nämlich den strafenden Eltern) neigen. Das Kind bewältigt dabei seine Angst, indem es sich mit dem strafenden Elternteil identifiziert. Die Strafe wird nicht länger als ein Aggressionsakt, sondern als gerecht empfunden, da das Kind ja den "Elternstandpunkt" verinnerlicht hat. Das Kind verwandelt sich dabei gleichzeitig vom Bedrohten zum Bedroher und fügt nun seinerseits anderen das zu, was ihm widerfahren ist. Auf diese Art und Weise rächt es sich gleichzeitig stellvertretend an seinen Eltern.22
Neben den Strafmethoden ist die Nichtübereinstimmung des Erziehungsverhaltens von Vater und Mutter ein Moment, das bei Kindern zur Verwirrung und Desorientierung führen kann. Wenn Erziehung gelingen soll, müssen Vater und Mutter in ihren Einstellungen und Praktiken harmonieren. Desorientierend für das Kind ist auch, wenn das Erziehungsverhalten nicht den eigenen propagierten Grundsätzen entspricht. Wenn sich Eltern verbal gegen Gewalt wenden, selbst jedoch Gewalt in der Erziehung ausüben, werden Kinder schnell lernen, daß sie in der Position des Stärkeren offensichtlich beliebig aggressives Verhalten anwenden dürfen.
Die Auswirkungen eines Erziehungsstils, der auf Verboten, Bestrafungen und Anpassung beruht, sind zunächst spontane Formen des Widerstands und der Auflehnung. Da das Kind jedoch von den Eltern abhängig ist und die Eltern über die größeren Machtmittel verfügen, können diese (zumindest eine gewisse Zeit) den Widerstand brechen. Solche Kinder können keine Selbständigkeit und Selbstsicherheit entwickeln, sie bleiben unselbständig und abhängig.

Familienkonflikte konstruktiv austragen

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Familien ohne Konflikte gibt es nicht. In jeder menschlichen Beziehung und in jedem Sozialgefüge sind Konflikte nicht nur selbstverständlich, sondern haben auch nützliche Funktionen: Sie machen auf Probleme aufmerksam, die bewältigt werden müssen; sie sind Ausdruck unterschiedlicher Bedürfnisse, Wünsche und Interessen und sie sind Zeichen einer inneren Dynamik mit der Chance einer gemeinsamen Entwicklung.
Familienkonflikte können zwischen den Eltern, zwischen Eltern und Kindern und zwischen Kindern auftreten. Desweiteren gibt es Familienkonflikte, die zwischen der Familie als Gesamtem oder einzelnen Familienmitgliedern und anderen (außenstehenden) Personen, Institutionen, Gruppen oder Verbänden bestehen.
Unterschiedliche Interessen werden dabei häufig negativ interpretiert, weil sie in "geordneten Verhältnissen" eigentlich nicht vorkommen dürfen. Konflikte werden deshalb von vielen als störend empfunden, werden unterdrückt oder verleugnet, zumal die Familienmitglieder wegen ihrer Nähe zueinander und der damit verbundenen Intimität besonders leicht verletzlich sind. Lösungs- oder Bearbeitungsmöglichkeiten werden dann nicht gesehen. Das Vertrauen zwischen den Partnern erlischt, Vorurteile und gegenseitige Verdächtigungen nehmen zu, eine weitere Eskalation des Konfliktes ist vorgezeichnet.
Unter friedenspädagogischen Aspekten ist nicht das Vorhandensein von Konflikten problematisch, sondern ihr gewaltsames Austragen. Friedenserziehung will verhindern, daß sich gewaltsame "Lösungen" durchsetzen, die auf Kosten der Schwächeren, häufig der Kinder gehen.
Konflikte zwischen den Eltern können das Familienklima stark beeinträchtigen und die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder behindern. Diese Gefahr ist besonders groß, wenn Eltern die Kinder als Verbündete mißbrauchen. Andererseits ist es auch möglich, daß die Eltern ihren Kindern beispielhaft zeigen, wie mit Konflikten produktiv umgegangen werden kann.
Konflikte zwischen Eltern und Kindern sind von vornherein durch ein Machtgefälle geprägt. Partnerschaftliche Lösungen bedingen hier, daß Eltern (zumindest teilweise) auf die Anwendung von Machtmitteln verzichten und das Kind nicht von vornherein in die unterlegene Position bringen.
Auseinandersetzungen zwischen Kindern sollten von diesen so weit wie möglich selbständig gelöst werden. Eltern haben jedoch darauf zu achten, daß jüngere oder schwächere Kinder nicht permanent übervorteilt werden.
Nicht jeder Konflikt, der in der Familie aufbricht, ist auch dort entstanden. Die Arbeitslosigkeit eines Elternteils, mangelnder Wohnraum oder ein zu geringes Familieneinkommen sind Faktoren, die die betroffenen Familien stark belasten und sich sehr konfliktträchtig auswirken können. Es kann für die Familienmitglieder sehr entlastend sein, zu erkennen, daß nicht "böse Absichten" oder "zerstörerische Persönlichkeitsanteile" der anderen das Zusammenleben konflikthaft gestalten, sondern äußere Faktoren, selbst wenn diese nicht sofort oder nicht in absehbarer Zeit veränderbar sind. Solche Konflikte müssen zwar von der Familie ausgehalten werden, lösbar sind sie in diesem Rahmen jedoch nicht.

Die Gefahr der Konflikteskalation

Familienkonflikte eskalieren häufig in einen Machtkampf mit Sieger und Besiegten. Dies ist die destruktivste Form des Konfliktaustrags, weil jede Seite nur den eigenen Vorteil im Blick hat. Der (momentan oder prinzipiell) Stärkere versucht, den anderen seine Bedingungen der "Konfliktlösung" zu diktieren. Die Interessen der anderen bleiben auf der Strecke. Solche "Lösungen" beenden den Konflikt nur vorübergehend, denn die Motivation, sich an die getroffene (bzw. die diktierte) Vereinbarung zu halten, ist gering. Vielmehr entwickelt sich bei den Unterlegenen der Wille, zukünftig auch zu den Siegern zu gehören.
Das Kind kann als Verlierer zwar aus Angst vor Strafe gehorchen, der Konflikt als solcher bleibt jedoch bestehen oder verschärft sich noch, weil jetzt das Gefühl hinzukommt, ungerecht behandelt worden zu sein. Der daraus resultierende Unwille richtet sich natürlich in erster Linie gegen die Eltern.24

Voraussetzungen einer konstruktiven Konfliktbewältigung

Eltern sind beim Umgang mit Konflikten in der Familie immer in einer Doppelrolle. Sie wollen ihre eigenen Interessen nicht vernachlässigen und sollen den Kindern gleichzeitig einen Zugang zur konstruktiven Konfliktaustragung ermöglichen, indem sie ihnen Hilfestellung geben und Unterstützung gewähren. Denn Kinder brauchen sowohl bei der Formulierung ihrer Bedürfnisse und Interessen als auch bei der Entwicklung von Vorschlägen und Alternativen oft mehr Zeit als Erwachsene und sind auf deren Hilfe angewiesen. Deshalb sehen Eltern sich häufig gezwungen, ihre Interessen als Konfliktpartei zurückzustellen. Geschieht dies nicht aus ehrlicher innerer Überzeugung, kann leicht das Gefühl des "Zu-Kurz-Kommens" entstehen.
Welche Verhaltensweisen begünstigen nun einen konstruktiven Konfliktaustrag?
Die Angst vor Konflikten überwinden: Konflikte, die zu lange ignoriert, verdrängt oder beiseite geschoben wurden, entfalten oft eine zerstörerische Wirkung. Bei der Konfliktvermeidung wird die Konfrontation gescheut, Ansprüche an Kinder werden von vornherein zurückgenommen, um einen (offenen) Konflikt erst gar nicht entstehen zu lassen. Damit wird jedoch dem Kind die Möglichkeit genommen, sich auseinanderzusetzen, eigene Erfahrungen sammeln zu können und für eigenes Handeln Verantwortung zu entwickeln. Ein Konflikt kann nur bearbeitet werden, wenn er als solcher anerkannt und akzeptiert wird.
Den Konflikt begreifen: Ist ein Konflikt als solcher anerkannt, so ist es wichtig, genau zu beschreiben, worin er eigentlich besteht, welches die verschiedenen Positionen sind und was sie unterscheidet. Dabei sollte klar werden, was jeweils als Kern des Konfliktes gesehen wird. Eltern sollten im Umgang mit Konflikten, an denen Kinder beteiligt sind, darauf achten, daß sie möglichst genau diejenigen Verhaltensweisen und Umstände benennen, die sie stören, anstatt die Persönlichkeit des Kindes anzugreifen. Sie sollten dabei die Verantwortung für ihre eigenen Gefühle übernehmen, anstatt das Kind für diese verantwortlich zu machen.25
Das eigene Konfliktverhalten erkennen: Nur wenn man die eigene Rolle in der familiären Konfliktdynamik, die (oft unbewußten) Interessen, die konstruktiven oder destruktiven Anteile der eigenen Person erkennt, kann man das eigene Konfliktverhalten und dessen Wirkung auf andere verstehen. Die simplen Fragen "Was nützt mir dieses Verhalten? Welchen Gewinn habe ich dadurch? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich mit solchen Verhaltensweisen konfrontiert wäre?", können dabei schon zur Klärung beitragen. Häufig ist das Aufgeben von Positionen und Prinzipien mit Angst verbunden, weil dies als Niederlage und Schwäche gewertet wird. Denn noch sind Maßstäbe weit verbreitet, die persönliche Flexibilität und die Anerkennung von Interessen anderer als "Nachgiebigkeit" werten.
Metakommunikation betreiben: Metakommunikation unterbricht die aktuelle Konfliktdynamik und macht die Art der Austragung des Konfliktes selbst zum Thema. Metakommunikation26 bedeutet, über die Kommunikationssituation zu reflektieren und sich über die verschiedenen Sichtweisen auszutauschen. Man stellt sich also quasi für einen Moment außerhalb und bedenkt nicht "Was" geredet wird, sondern das "Wie". Dabei können und sollen alle Familienmitglieder sich gegenseitig berichten, wie sie diesen Konflikt oder das Verhalten einzelner Familienmitglieder erleben. (Z.B.: "Was fühlt man, wenn man immer unterbrochen wird.") Wer Metakommunikation betreiben will, muß zuhören können, bereit sein, eigene Schwächen zuzugestehen und Schwächen anderer nicht auszunützen. Metakommunikation gelingt häufig dann am besten, wenn eine dritte unbeteiligte Person hinzugezogen wird.
Die Interessen anderer anerkennen: Eine faire Konfliktlösung setzt voraus, daß die eigenen Interessen und Bedürfnisse nicht mit allen Mitteln verfolgt werden und daß die Interessen anderer als gleichberechtigt zu erkennen sind. Dies kann nur geschehen, wenn die anderen Familienmitglieder auch als gleichwertig gesehen werden.
In diesem Zusammenhang taucht ein Problem auf, das vor allem in der Friedensbewegung der 80er Jahre stark diskutiert wurde: Gibt es Grundsatzfragen und Werthaltungen, die nicht diskutierbar und nicht abstimmbar sind? Zu diesen Fragen sind damals die unmittelbaren und existentiellen Lebensinteressen der Beteiligten gezählt worden. In der Familie müßte eine Einigung erzielt werden, wo für den einzelnen die Intimsphäre berührende Bereiche liegen. Denn gerade in der Familie sollte es keine Mehrheitsentscheidungen über solche existentiellen Fragen geben, sondern nur Entscheidungen, die von allen getragen werden können.
Konsens suchen: Das Konsensprinzip27, d.h. die Suche nach partnerschaftlichen Konfliktlösungen, geht davon aus, daß durch Entscheidungen per Abstimmung nicht die besten Lösungen gefunden werden. Es kann sogar eine Verhärtung von Fronten eintreten, weil in einer Abstimmung "Unterlegene" die Entscheidung nicht akzeptieren. Das Konsensprinzip zielt darauf ab, daß sich alle am Entscheidungsprozeß beteiligen können und Minderheiten nicht "überstimmt" werden. Es wird so lange nach Lösungen gesucht, bis eine gemeinsame Lösung gefunden ist. Konsens bedeutet nicht Einstimmigkeit, sondern, daß eigene Bedenken aus eigener Entscheidung zurückgestellt werden, um eine gemeinsame Entscheidung zu erreichen.

Die zerstörerische Funktion der Gewalt

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Gewalt wird in Deutschland am häufigsten in der Familie angewendet, so der Befund der regierungsunabhängigen Gewaltkommission in ihrem Schlußbericht.28 Die Gewalt reicht von Mißhandlungen und Vernachlässigung der Kinder über den sexuellen Mißbrauch und die Vergewaltigung von Frauen in der Ehe bis zur Vernachlässigung alter Menschen durch Familienangehörige.29
Die Angaben über das Ausmaß der Gewalt sind äußerst ungenau und lassen sich nur in Schätzungen angeben. In polizeilichen Kriminalstatistiken tauchen nur die gravierendsten Fälle auf. Jährlich werden zwischen 100.000 und einer Millionen Frauen von ihrem Mann mißhandelt. Die Zahlen über mißhandelte Kinder (vor allem Kleinkinder zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr) bewegen sich zwischen 20.000 und 1 Million Fällen pro Jahr. Obwohl Kinder schon immer Opfer von Gewalthandlungen in der Familie waren, ist erst in den letzten Jahrzehnten die Sensibilisierung für dieses Problem gestiegen:30
"Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell mißbraucht wurden."31
Die Übergänge von der Körperstrafe als "Erziehungsmittel" hin zur körperlichen Mißhandlung sind fließend. Körperstrafen, so das Gewaltgutachten, gehören jedoch zum Bestandteil elterlicher Erziehungsmittel. 75 Prozent der Mütter und 62 Prozent der Väter sagen aus, daß sie ihr Kind gelegentlich ohrfeigen. 40 Prozent der Mütter und 36 Prozent der Väter geben an, daß sie ihr Kind gelegentlich mit einem Stock oder Gürtel schlagen.32
Besonders stark ist in den letzten Jahren die sexuelle Gewalt und Ausbeutung in der Familie ins Blickfeld gerückt. Denn sexuelle Übergriffe auf Kinder finden vor allem im sozialen Nahbereich statt. Nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes sind jährlich über 90.000 Mädchen und Jungen sexuellen Übergriffen ausgesetzt.
Noch schwieriger ist es, psychische Gewalt zu fassen, die für die Betroffenen nicht minder verheerend ist als die körperliche. Psychische Gewalt kann mit den Stichworten "Ablehnung" (ständige Kritik, Herabsetzung, Überforderung), "Terrorisieren" (Bedrohen, Ängstigen und Einschüchtern) und "Isolation" (Abschneiden von Außenkontakten, Gefühl der Verlassenheit) umschrieben werden.33 Die "verhäuslichte Gewalt"34 verfügt über vielfältige Legitimationsmuster, wobei nicht übersehen werden darf, daß Gewalt nicht gänzlich, sondern nur für bestimmte Situationen tabuisiert wird. So schließt das geltende Erziehungsrecht der Eltern weiterhin die körperliche "Züchtigung" mit ein.

Ursachen

Familiäre Beziehungen sind immer durch ein Ungleichgewicht an Macht sowie durch Abhängigkeit geprägt. Insofern ist Gewalt ein strukturelles Element, das in jeder Familie vorhanden ist und sich unterhalb der Anwendung körperlicher Gewalt durch Unterdrückung und mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten ausdrückt. Weitere Faktoren sind bedeutsam: Gewalt steht oft am Ende von sich hochschaukelnden Interaktionsprozessen. Sie ist quasi das letzte (wenn auch untaugliche) Mittel, um das eigene Überleben (auf Kosten der andern) im Familienverband zu sichern.
Familien mit einem hohen Gewaltpotential unterscheiden sich von anderen durch eine Reihe von Merkmalen. Dazu gehören ein niedriger ökonomischer Status, sozialer und struktureller Streß, soziale Isolation sowie die eigene lebensgeschichtliche Erfahrung mit Gewalt und deren Weitergabe im Erziehungsprozeß. Hinzu kommt die Überforderung vieler Eltern durch gesellschaftliche Zwänge.35
Elternteile, die in der Familie andere verletzen, sind als Kinder in der Regel selbst tief verletzt worden. Biographien mißhandelnder Erwachsener zeigen, daß diese häufig in der frühesten Kindheit selbst Erfahrungen mangelnder Zuwendung (Unterversorgung, Ablehnung, sexuelle und/oder körperliche Gewalt) machen mußten. Sie verüben an ihren Kindern, was ihnen selbst angetan wurde, weil sie nie lernen konnten, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Der Zusammenhang zwischen Alkohol und familiärer Gewalt wird weithin unterschätzt. Untersuchungen weisen aber darauf hin, daß

  • bei über der Hälfte aller Streitigkeiten in Familien Alkoholkonsum vorausgegangen ist;
  • ein Drittel der Kindesmißhandlungen unter Alkoholeinfluß durchgeführt werden;
  • die Hälfte der alkoholabhängigen Eltern Kindesmißhandlungen begehen;
  • 80-90 Prozent der prügelnden Ehemänner unter Alkoholeinfluß stehen;
  • über ein Drittel der sexuell-aggressiven Handlungen gegenüber Frauen nach Alkoholkonsum geschehen.36

Die Kinder von Suchtkranken finden in ihren Eltern keine Vorbilder in bezug auf Partnerschaft, Gesprächsbereitschaft und Konfliktlösungen. Sie können auch nicht lernen, ihre eigenen Gefühle zu erkennen, auszudrücken und darüber zu reden. Ihre Wünsche nach Liebe, Wärme, Anerkennung und Orientierung werden nicht erfüllt, weil die Eltern selbst einen Mangel daran erleben.37

Gibt es Auswege?

Kinder können (und dürfen) sich gegen die Gewalt nicht wehren. Sie sind nicht nur physisch und psychisch auf ihre Eltern angewiesen, sondern sie werden bei Gegenwehr auch massiv weiter mißhandelt. Hinzu kommt, daß die übermächtigen Emotionen, die Angst, die Wut, das Gefühl der Ohnmacht nicht verarbeitet werden können und als traumatische Erfahrung bleiben. Die Gewalterfahrungen sind nicht nur ein Vertrauensbruch, sie stellen eine grundsätzliche Verletzung, ja Zerstörung der Beziehung zu den Eltern dar. Die Verdrängung der damit verbundenen Gefühle und Erlebnisse ist oft der einzige Weg, der den betroffenen Kindern bleibt.
Der Berliner Arzt und Psychoanalytiker Horst Petri sieht drei Schritte, um diesen Gewaltzirkel zu öffnen:
1. Die Konfrontation mit der Realität: Das Aufdecken von Gewalt in der (eigenen) Familie. Dies ist mit Angst-, Scham- und Schuldgefühlen über eigene Fehler und eigenes Versagen verbunden. Dennoch, der erste Schritt muß sein, sich der Realität zu stellen.
2. Das Zulassen und Ertragen ambivalenter Gefühle: Ein Kind muß seinen Schmerz, seine Demütigungen und Gewalterfahrungen mitteilen dürfen und können und es muß dabei fragen dürfen, warum die Eltern Gewalt anwenden ohne daß es Angst haben muß, die Liebe der Eltern zu verlieren oder neuerdings bestraft zu werden. Die Eltern müssen lernen, daß ihre Kinder sie nicht nur lieben, sondern ihnen gegenüber auch negative Gefühle haben.
3. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte: Die Eltern sollten sich fragen, welche Erfahrungen sie als Kind gemacht haben; wie sie diese Gewalt verarbeitet haben; welche Einstellung sie zur Anwendung von Gewalt haben; wo sie selbst Gewalt ausüben und wie sie sich gegen die Gewalt der anderen schützen.39
Nur wenige Familien haben wohl die Möglichkeiten, diese Formen der Auseinandersetzung und Aufarbeitung aufzugreifen, zumal sie von Fachleuten begleitet werden sollten und nur selten in der Familie selbst durchgeführt werden können.
So wichtig solche Umgangsweisen sind, um der Gewalt in der Familie wirkungsvoll zu begegnen, reichen sie nicht aus. Hinzukommen müssen auf der rechtlichen Ebene z.B. das Verbot des Züchtigungsrechtes der Eltern, auf der familienpolitischen Ebene eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Familien (dies reicht von familienbegünstigenden Steuergesetzten bis zu flexiblen Arbeitszeiten) und auf der pädagogischen Ebene die Prävention und Intervention (von Erziehungskursen bis zu Therapiezentren).40
Der entscheidende Punkt ist jedoch, inwieweit in der Gesamtgesellschaft Gewalt akzeptiert oder geächtet wird.

Erziehung zur "Politikfähigkeit"

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Die Familie prägt auch entscheidend die politische Wahrnehmung und das politische Handeln der Kinder mit. Die Organisation der Familie und die Art des Zusammenlebens beeinflussen bestimmte Persönlichkeitsstrukturen, die sich unmittelbar auf politisches Denken und Handeln auswirken.41
Daneben spielt aber auch eine Rolle, daß Eltern politische Ereignisse miteinander oder im Kreis der gesamten Familie besprechen, daß sie ihren Kindern bestimmte Zusammenhänge erklären, ob und wie sie z.B. die Fernsehnachrichten oder die Zeitungslektüre kommentieren oder ob sie zur Wahl gehen und dabei mit ihren Kindern über ihre Wahlentscheidungen reden. Nur so kann den Kindern ein Zugang zur politischen Welt vermittelt werden, der zur Interpretation der Wirklichkeit beiträgt und die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der politischen Teilhabe deutlich werden läßt.
Daneben dürfen aber kindgerechte Beteiligungsmöglichkeiten in der Familie nicht vergessen werden. Eltern sollten ihre Kinder (mit zunehmenden Alter immer stärker) in familiäre Entscheidungen einbeziehen. Sie sollten sie zu eigenen Stellungnahmen und (auch politischen) Äußerungen ermuntern und ihnen auch ein politisches Engagement ermöglichen. Dabei ist es relativ sekundär, ob sich dieses Engagement in Jugendgruppen, in der Schülerselbstverwaltung oder in spontanen Aktionsgruppen vollzieht. Viel entscheidender ist, ob der Aktionszusammenhang echte Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten bietet. Die Funktion der Familie ist es dabei, die Frustration und Desillusionierungen, die oftmals aus der Schere zwischen den angestrebten Zielen und den zu bewältigenden Widerständen erwachsen, aufzufangen.
Nicht zuletzt bietet der Familienverband als Institution eine Reihe von Handlungsmöglichkeiten, die anderswo kaum vorhanden sind. Das Spektrum reicht von konkreten Hilfeleistungen für Bedürftige bis zur Aufnahme von Flüchtlingen in der eigenen Wohnung, vom bewußten Einkauf bis zur Übernahme von Patenschaften.
Der wesentliche Gesichtspunkt dabei ist stets, daß die Familie (und ihre MItglieder) in ihren Handlungen über ihre eigene Struktur hinausweisen und somit Weltoffenheit demonstrieren, Solidarität leben und Verantwortung übernehmen.
Eltern können so entscheidend dazu beitragen,

  • die emotionalen Grundlagen für eine gewaltfreie Lebensweise zu legen;
  • Kindern eine eigenständige Entwicklung zu ermöglichen;
  • Kinder zu befähigen, ihre Interessen zu erkennen und wahrzunehmen aber dabei auch die Interessen der anderen nicht außer acht zu lassen;
  • Kindern ein Weltbild zu vermitteln, das geprägt ist von Offenheit, Empathie und Solidarität;
  • Kinder zu befähigen, Konflikte so auszutragen, daß diese keine zerstörerische Dynamik entfalten können;
  • Kinder gegen alle Formen von Gewalt zu sensibilisieren;
  • Kinder zu politischem Denken und Handeln zu motivieren und zu befähigen.

Anmerkungen

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1 Astrid Lindgren, in: Brigitte 4/90, S. 173.
2 Vgl. Erich Fromm: Beyond the Chains of Illusion. New York 1962. In: Rainer Funk: Mut zum Menschen. Erich Fromms Denken und Werk. Stuttgart 1978, S. 182.
3 David Mark Mantell: Familie und Aggression. Zur Einübung von Gewalt und Gewaltlosigkeit. Eine empirische Untersuchung. Frankfurt 1972, S. 49.
4 Vgl. Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Wie geht's der Familie? Ein Handbuch zur Situation der Familie heute. München 1988.
5 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch 1993 für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden 1993, S. 64 ff.
6 Vgl. ebd., S. 70. Vgl. auch: Günther H. Oettinger (Hrsg.): Situation junger Menschen in Baden-Württemberg. Große Anfrage der CDU-Landtagsfraktion und Stellungnahme der Regierung. Stuttgart 1991, S. 23.
7 Vgl. Der Spiegel, Nr. 33/1993, S. 59 f. Das sind jährlich ca. 136.000 Ehen. Vgl. Presseerklärung des Deutschen Kinderschutzbundes - Bundesverband e.V., vom 5.9.1994.
In Großstädten wie München und Berlin erreichen die Scheidungsraten 40 bis 50 % der Eheschließungen, während sie in ländlichen Regionen bei ca. 15 % liegen. Diese Zahlen vermitteln jedoch kein realistisches Bild, da die Zahl der Eheschließungen keine brauchbare Bezugsgröße darstellt.
8 Heiraten z.B. wenige Menschen, dann steigen die Prozentsätze der Scheidungen selbst dann an, wenn die absolute Zahl der Scheidungen gleichbleibt oder möglicherweise sogar sinkt. Vgl. Hans Bertram: Regionale Disparitäten - Zur Erklärung familialer Lebenslagen. In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Jahresbericht 1993. München 1994, S. 214 ff.
9 So wachsen z.B. in vorwiegend katholischen Regionen Nordrhein-Westfalens und Bayern, an die 90 % der Kinder bis zum 18. Lebensjahr bei ihren Eltern auf. In norddeutschen großen Zentren wie Hamburg und Bremen, teiweise auch in Berlin, ist die Lebensform der Alleinerziehenden mit Kindern sehr viel verbreiteter als beispielsweise in Stuttgart, München oder Nürnberg. Vgl. Bertram, a.a.O., S. 219.
10 Vgl. Frankfurter Rundschau, 10.8.1993: "Amerikas Kinder tragen die Kosten".
11 Ebd.
12 Diese Aussage ist für die Bundesrepublik umstritten. So stellt z.B. das Deutsche Jugendinstitut in München fest: "Obwohl Alleinerziehende oft mit ungünstigen Lebensverhältnissen fertig werden müssen und Schwierigkeiten haben, eine Wohnung und einen Arbeitsplatz zu finden, sind ihre Kinder - im Gegensatz zu weit verbreiteten Meinung - nicht öfter auffällig als Gleichaltrige, die mit beiden Elternteilen aufwachsen." Maria Frisé: Aufwachsen mit einem Elternteil. In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Was für Kinder. Aufwachsen in Deutschland. Ein Handbuch. München 1993, S. 110.
13 Hier muß wiederum zwischen städtischen Regionen, in der die traditionelle Ehe und Familie zu einer seltenen Lebensform geworden ist, und ländlichen Regionen, in denen Ehe und Familie immer noch dominieren, unterschieden werden.
14 Je nach gesellschaftlicher Bewertung wird hier auch von "Funktionsverlust" oder "Funktionsentlastung" gesprochen. Vgl. Schweizerisches Komitee für UNICEF (Hrsg.): Globales Lernen. Zürich 1994, S. 3: "Familie in der Krise - Funktionsverlust oder Funktionsentlastung?".
15 In Familien, bei denen beide Partner voll erwerbstätig sind, wenden 60 % der Frauen zusätzlich zur Erwerbstätigkeit über 20 Stunden für den Haushalt und die Kinder auf. Dagegen wenden 62 Prozent der Männer nur unter 10 Stunden im Haushalt auf. Vgl. Konrad Leube: Doppelter Lebensentwurf für Väter? In: Deutsches Jugendinstitut, a.a.O., S. 107.
16 Vgl. Wassilios E. Fthenakis: Fünfzehn Jahre Vaterforschung im Überblick. In: Deutsches Jugendinstitut, a.a.O., S. 102.
17 Götz Eisenberg / Reimer Gronemeyer: Jugend und Gewalt. Der neue Generationenkonflikt oder der Zerfall der zivilen Gesellschaft. Reinbek 1993. S. 44.
18 Vgl. Helm Stierlin: Angst in und durch Familien. In: H.J. Schultz: Angst. Stuttgart 1987.
19 Vgl. August Aichhorn: Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung. Berlin / Stuttgart 1957. Balthasar Gareis / Eugen Wiesret: Frühkindheit und Jugendkriminalität. Müchen 1974. Reinhard Lempp: Jugendliche Mörder. Berlin u.a. 1977.
20 Helgard Roeder: Kriegsdienstverweigerer und Freiwillige im Vergleich. Der Einfluß der Familienstruktur auf das Verhältnis zum Militär. In: Friedensanalysen. Für Theorie und Praxis 6. Schwerpunkt: Gewalt, Sozialisation, Aggression. Frankfurt 1977, S. 91.
Vgl. Mantell, a.a.O.
21 "Hau ab, du Flasche". Der Weg des Jungendlichen Christian zum Attentäter von Solingen. In: Der Spiegel, 23/1993, S. 28.
22 Vgl. Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. München o.J., S. 115 ff.
23 Astrid Lindgren in ihrer Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1978.
24 Vgl. Thomas Gordon: Familienkonferenz. Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind. Reinbek 1980, S. 144 ff.
25 Vgl. Harris Clemens / Reynold Beau: Verantwortungsbewußte Kinder. Was Eltern und Pädagogen dazu beitragen können. Reinbek 1993, S. 42.
26 Paul Watzlawik / Janet H. Beavin / Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Bern u.a. 1969.
27 Günther Gugel / Horst Furtner: Gewaltfreie Aktion. Tübingen 1983, S. 47 ff.
28 Vgl. Hans-Dieter Schwind (Hrsg.): Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt. Band I, Berlin 1990.
29 Michael Sebastian Honig: Sondergutachten. In: Hans-Dieter Schwind (Hrsg.): Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhänigigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt. Band III. Sondergutachten. Berlin 1990, S. 246.
30 Horst Petri: Schläge, Selbsthaß, Haß ... In: Psychologie heute, Februar 1991, S. 48. Der Deutsche Kinderschutzbund berichtet, daß über 1 Million Kinder von ihren Eltern mit Gegenständen geschlagen werden. Fast 600.000 erleiden dadurch körperliche Verletzungen. Vgl. Deutcher Kinderschutzbund, a.a.O.
31 Lloyd de Mause (Hrsg.): Hört ihr die Kinder weinen? Frankfurt 1980, S. 12.
32 Schwind , a.a.O., S. 75 ff. (Zahlen für die alte Bundesrepublik).
33 Vgl. Renate Blum-Maurice / Karin Martens-Schmid: Gewalt gegen Kinder als gesellschaftliches Problem. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40-41/90, S. 5.
34 Vgl. Michael-Sebastian Honig: Verhäuslichte Gewalt. Eine Explorativstudie über Gewalthandeln von Familien. Frankfurt 1986.
35 Michael Sebastian Honig: Vom alltäglichen Übel zum Unrecht - Über den Bedeutungswandel familialer Gewalt. In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Wie geht's der Familie? München 1988, S. 198.
36 Vgl. Winfried Huber: Familie und Alkohol: Freiburg i.B., 1990, S. 102.
37 Vgl. Petra Andreas-Siller: Kinder und Alltagsdrogen. Wuppertal 1991, S.27.
38 "Angst vor starken Gefühlen". Spiegel-Interview mit Alice Miller, in: Der Spiegel, Nr. 35/1990, S. 208.
39 Vgl. H. Petri, a.a.O., S. 52.
40 Vgl. M.S. Honig, Gewaltgutachten, a.a.O., S. 358 f.
41 Wasmund unterscheidet zwischen latenten (unbewußten oder indirekten) und manifesten (Vermittlung von politischer Information) Sozialisationsprozessen in der Familie. Vgl. Klaus Wamund: Ist der politische Einfluß der Familie ein Mythos oder eine Realität? In: Bernhard Claußen / Claus Wasmund (Hrsg.): Handbuch der politischen Sozialisation. Braunschweig 1982, S. 28 f.

Günther Gugel / Uli Jäger: Gewalt muss nicht sein. Eine Einführung in friedenspädagogisches Denken und Handeln. 3. Aufl., Tübingen 1997, S. 199-220..

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