Friedenserziehung konkret



Krieg und Pädagogik

Tübingen im Februar 1991

Zum Inhalt von
Friedenserziehung

Die folgende Stellungnahme wurde im Februar 1991 anlässlich des Golfkrieges 1990/91 verfasst. Sie ist nach wie vor aktuell.


1. Der Krieg bringt auch Pädagoginnen und Pädagogen, selbst wenn sie von seinen Auswirkungen vorerst nicht unmittelbar bedroht sind, in eine Lage, die sie als außerordentlich bedrängend erleben. Viele Fragen sind aufgeworfen: Wie kann ich in der Familie und im pädagogischen Alltag von Schule, Jugendarbeit oder Erwachsenenbildung auf den Krieg eingehen? Wie stelle ich mich zu den Gefühlen der Angst, Aggression und Ohnmacht? Gibt es noch ein pädagogisches Handeln für den Frieden?
Viele sehen durch den Ausbruch politischer und militärischer Gewalt auf brutale Weise ihre alltäglichen Anstrengungen zunichte gemacht, mit denen sie durch partnerschaftlichen und demokratischen Umgang die Toleranz, das gegenseitige Verständnis und den gewaltfreien Interessenausgleich zu fördern versuchen. Es wachsen die Zweifel, ob Erziehung und Bildung einen wirksamen Beitrag zum Frieden und zur Solidarität in der Welt leisten können und ob sich durch das Lernen die Ausschlag gebende Zukunftschance für eine humanere Politik eröffnen lässt.

2. Der Golfkrieg erscheint mit anhaltender Dauer, und nicht zuletzt durch die Medienberichterstattung, als ein abstrakter, technologisch-sachlich geführter, von uns weit entfernter Schlagabtausch mit kaum erfahrbarem Realcharakter und rasch schwindender emotionaler Bedeutung. Die Kriegsgewalt ruft Größen- und Machtphantasien auf den Plan, appelliert an Abenteuerlust und Heldentum und errichtet im öffentlichen Raum martialische Verhaltensmodelle und Vorbilder. Kriegsfaszination begründet keine pädagogische Haltung. Der Heroisierung und Ästhetisierung des Krieges, einer menschenfeindlichen Versachlichung, welche die Opfer verleugnet und die kulturellen Zerstörungen neben den materiellen Schäden und ökologischen Verwüstungen in den Hintergrund drängt, müssen Pädagoginnen und Pädagogen entschieden gegen wirken.

3. Wenn sich bei Kindern und Jugendlichen Gefühle und Verhaltensweisen wie die hier beschriebenen zeigen, sind diese allerdings anders zu bewerten als bei Erwachsenen. Technikfaszination und Kriegsspiele, Abenteuerlust und Konkurrenzorientierung, Größenphantasien und Überlegenheitswünsche sind nicht notwendig die Vorstufe zu einer späteren Kriegsbereitschaft. Bei Kindern muss man darin immer auch einen Weg sehen, auf dem Angst bewältigt und Aggression entschärft, aber auch Selbständigkeit und Ich-Stärke erworben werden kann. Wohin solche Spiele und Neigungen führen, hängt wesentlich davon ab, wie Erwachsene damit umgehen. Es ist falsch, Gefühlsäußerungen von Kindern und Jugendlichen zu unterdrücken. Hierbei setzt sich oftmals nur die eigene Überzeugung oder Angst der Erwachsenen auf schädliche Weise durch. Krieg steigert auch in dieser Hinsicht die Gefahr der emotionalen Überforderung von Kindern. Viele sind unsicher, ob und wie sie ihre Gefühle, ihr Wissen und ihre Erfahrungen den Kindern mitteilen und wie sie auf entsprechende Äußerungen oder Fragen antworten sollen. Eine wichtige Voraussetzung dafür, Ängste von Kindern und Jugendlichen angemessen aufzunehmen besteht darin, die eigenen Gefühle nicht zu verdrängen oder gedankenlos auszuleben, sondern sich ihnen bewusst zu stellen.

4. Die bewusste und gründliche Auseinandersetzung mit dem Krieg, seinen Ursachen und Folgen, wird von innen und von außen erschwert; von innen durch die Angst von außen durch Gewaltandrohung, aber auch durch Zensur und politische Propaganda. Auch bloßer Aktionismus lenkt von kritischer Urteilsbildung und von der Friedensarbeit ab. Die Aufgabe für pädagogische Institutionen, die an Aufklärung und Lernen orientiert sind, besteht darin, kontinuierlich und vielseitig zu informieren. Gerade im pädagogischen Handeln gilt es, den eigenen Standpunkt nicht gegen unbequeme Anfragen, Argumente oder Provokationen abzuschirmen. Es geht darum, Information gegen Indoktrination zu stellen, den öffentlichen Vernunftgebrauch zu befördern und sich jeder Manipulation der Öffentlichkeit zu widersetzen.

5. Zu dieser Aufgabe des öffentlichen Vernunftgebrauchs gehören ebenso Demonstrationen, Versammlungen und andere Formen des poetischen Protestes und unmissverständlicher Stellungnahme. Auch Kunst und Literatur, Spiel, Theater, Kabarett und Musik bieten eigene und sinnvolle Möglichkeiten, sich mit dem Krieg auseinanderzusetzen, Einsichten und Erfahrungen mitzuteilen und Gefühle darzustellen. Solche politischen und pädagogischen Mittel dürfen nicht dazu benutzt werden, innere und äußere Feindbilder aufzurichten. Im Gegenteil: sie sollten gelungene Formen des Zusammenlebens zwischen Menschen verschiedenen Alters, unterschiedlicher Überzeugung und kultureller Zugehörigkeit beispielgebend aufnehmen und fortführen. Wer Kinder und Jugendliche hier einbezieht darf auf deren große Offenheit, Bereitschaft zu Identifikation und Einfühlung bauen; diese zu missbrauchen ist pädagogisch und politisch verantwortungslos.

6. Die Solidarität mit den Menschen im Kriegsgebiet verlangt humanitäres Engagement; dieses darf niemandem verweigert werden. An der Hilfe für Menschen, welche um Leib und Leben fürchten müssen und vom Krieg unmittelbar betroffen sind, können auch Kinder und Jugendliche in vielfältiger und pädagogisch sinnvoller Weise beteiligt werden. Unsere Hilfe sollte besonders den Kindern im Kriegsgebiet gelten. Hier gibt es eine Fülle von Möglichkeiten tätig zu werden - durch Zusammenarbeit mit den Hilfswerken, durch Patenschaften, Geld- und Sachspenden, durch Verzicht auf überflüssigen Konsum. Gefordert sind richtungweisende Beispiele zuerst von Erwachsenen.

7. Der Golfkrieg wird mit seinen verheerenden Auswirkungen von den Errungenschaften und Folgen der neuzeitlichen Rationalität in den Bereichen der Wissenschaft und Technik, der Wirtschaft und Politik wesentlich bestimmt. Die Frage wird laut ob eine in Wissenschaft und Praxis an der Aufklärung orientierte Pädagogik noch ungebrochen und mit Aussicht auf Erfolg fortgesetzt werden kann. Der Gang der politischen Entwicklung hat seit der Aufklärung wieder und wieder solche Zweifel vertieft. Was vermag die Erziehung für den Frieden? Die Aufgabe der Friedenserziehung und der Pädagogik reicht über den Krieg hinaus. Sie ist mit dem Ausbruch des Krieges nicht sinnlos geworden, ebenso wie sie mit seinem Ende nicht überflüssig werden wird. Wir müssen sie vielmehr entschlossen voranbringen, im alltäglichen Umgang, in den Institutionen und zwischen den Völkern. Dazu gehört es, die UNO bei ihren humanitären und friedenspolitischen Anstrengungen vermehrt zu unterstützen - gerade angesichts ihrer zwiespältigen, wenn nicht tragischen Rolle im jetzigen Konflikt. Die Arbeit am Frieden, an der Verständigung zwischen den Weltkulturen und der Erhaltung der Natur kann durch den Krieg nicht ihre Bedeutung verlieren. Der Krieg widerlegt nicht die Ideen der Humanität und der Aufklärung, sondern verschärft ihre Dringlichkeit

Peter Fauser, Andreas Flitner, Klaus Giel, Doris Knab, Susanne Maurer, Hans Thiersch (Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen), Februar 1991

 


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