Friedenserziehung konkret



Friedenspädagogik im neuen Jahrtausend

Erwartungen, Ansätze, Erfahrungen

Uli Jäger

Zum Inhalt von
Friedenserziehung


"Give peace a chance" ­ Wann, wenn nicht am Beginn des neuen Jahrtausends ist der geeignete Zeitpunkt, um der alten Forderung endlich Gültigkeit zu verschaffen. Dies mögen sich auch die Verantwortlichen zweier einflußreicher Organisationen der internationalen Staaten- und Gesellschaftswelt gedacht haben. Denn nach Beschlüssen der UNO-Generalversammlung soll das Jahr 2000 weltweit als "Internationales Jahr für eine Kultur des Friedens" begangen werden. "Peace in our hands" lautet die Losung und dem bereits angelaufenen Friedensjahr wird sich nach dem Wunsch der Weltorganisation im Zeitraum 2001 bis 2010 eine "Internationale UN-Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit für die Kinder dieser Welt" anschliessen. Für den gleichen Zeitraum ruft auch der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) seine Mitgliedskirchen zu einer "Dekade zur Überwindung von Gewalt" auf und fordert eine Absage an Geist, Logik und Ausübung von Gewalt. Angestrebt werden die "Gewinnung eines neuen Verständnisses von Sicherheit im Sinne von Zusammenarbeit und Gemeinschaft statt Herrschaft und Konkurrenz", das "Lernen von der Spiritualität Andersgläubiger und ihren Möglichkeiten, Frieden zu schaffen" und der "Protest gegen die zunehmende Militarisierung unserer Welt". (Dekade zur Überwindung von Gewalt 1999)
Wenn beide Dekaden die laufenden Konzeptionsphasen erfolgreich beendet, die Kooperationsabsichten eingelöst und auch die erwünschte und notwendige Unterstützung der jeweiligen "Basis" erreicht haben, könnten tatsächlich fast einmalig gute Voraussetzungen für eine inhaltlich umfassende, weltweite und ökumenische Auseinandersetzung mit dem Friedensthema geschaffen werden. Diese Auseinandersetzung ist ­ auch ­ unter friedenspädagogischen Gesichtspunkten dringend erforderlich. Nicht erst seit dem Krieg im Kosovo sind viele Fragen offen und Kontroversen nicht ausgetragen, wenn es um glaubwürdige und friedenspolitisch sinnvolle Perspektiven bei der "Überwindung von Gewalt" geht. Von welcher Gewalt reden wir und von welchem Frieden? Welches sind die geeigneten Mittel, um Gewalt zu überwinden und Frieden zu gestalten? Wer sind die Akteure und über welches Wissen und Fähigkeiten müssen sie verfügen, um im lokalen und globalen Raum für Frieden, Gerechtigkeit und Entwicklung handlungsfähig zu sein? Über diese Fragen lassen sich selbst im innergesellschaftlichen Bereich kaum noch verlässliche Grundpositionen finden, von einem umfassenden (Minimal-)Konsens ganz zu schweigen. In Zeiten der Globalisierung aber multiplizieren sich unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen, verlieren Begriffe ihre gewohnten Bedeutungen, verlagern sich die Prioritäten bei der Wahrnehmung und Identifikation von Problemstellungen. Vor diesem Hintergrund sind international angelegte Friedenskampagnen und -dekaden von unschätzbarem Wert. Wie aber müssen (globale) Lernprozesse initiiert und angelegt werden, damit das Verstehen und Begreifen, wie Andere Frieden sehen und ihn schaffen wollen, nicht blosse Rhetorik bleibt?
Es wäre mit dem Selbstverständnis von Friedenspädagogik nicht vereinbar, auf einen "Konsens über den Frieden" hinzuarbeiten und diesen erreichen zu wollen. Dies trifft sowohl für das überschaubare lokale Umfeld als auch für unübersichtlichen globalen Diskussionszusammenhänge zu. Frieden ist kein Zustand. Ganz im Sinne der Friedensdefinition des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung wird zu Recht in den Konzeptionen beider Dekaden der Prozeßcharakter des Friedens unterstrichen, welcher mit der Intention friedenspädagogischer Ansätze korrespondiert. In der "Deklaration für eine Kultur des Friedens", beschlossen von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 13. September 1999, heißt es zum Beispiel: "Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von gewalttätigen Konflikten, sondern erfordert einen positiven, dynamischen und partizipatorischen Prozess, in dem der Dialog gefördert und Konflikte im Geist wechselseitiger Verständigung und Zusammenarbeit gelöst werden." (UN-Deklaration 1999)
Friedenspädagogik kann vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und Kenntnisse einen derartigen Prozess mit pädagogisch-praktischen Projekten und Bildungsmaterialien unterstützen und versuchen, Hinweise für die Umsetzung von Dekaden und Aktionen im Sinne einer Schärfung der begrifflichen Auseinandersetzung und der Dialogfähigkeit geben.

 


Die Friedensdekaden und die Bedeutung für Friedenspädagogik

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In den Konzeptionen der beiden genannten Dekaden spielt die Bildung im allgemeinen und die Friedenserziehung im besonderen eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung der angepeilten Ziele. Die UN-Deklaration vom 13. September 1999 definiert eine "Kultur des Friedens" als "eine Vielzahl von Werten, Einstellungen, Traditionen, Verhaltensweisen und Lebensformen", die sich u.a. auf die Achtung der Menschenrechte und die Prinzipien der Gewaltlosigkeit und Toleranz gründen. Sie sollen durch die Förderung der Informationsvielfalt, der Meinungs- und Pressefreiheit und durch andere politische Maßnahmen, vor allem aber durch Bildung vermittelt werden: "Kinder vom frühen Alter an sollen teilhaben an einer erzieherischen Vermittlung von Werten, Einstellungen, Verhaltensweisen und Lebensstilen, die geeignet sind, ihnen die Fähigkeit zur friedlichen Streitbeilegung zu vermitteln im Geist der Achtung der Menschenwürde, der Toleranz und der Nicht-Diskriminierung". Nach einem Jahrhundert der Kriege soll das Jahr 2000 eine Wende zur friedlichen Lösung von Streitfragen und zur Konfliktvorbeugung bringen. Auch im Rahmenkonzept der ÖRK-Dekade wird dazu aufgefordert, sinnvolle pädagogische Anstrengungen zu verstärken, um der Überwindung von Gewalt eine Chnace zu geben. Es gelte, Modelle und Lehrpläne zur Friedenserziehung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu erstellen und zu verbreiten. Die Vernetzung von in der Friedenserziehung Tätigen und Sachverständigen sowie theologischen Institutionen, die sich im Bereich von Konfliktlösung, Konfliktumwandlung und Vermittlung engagiert haben, soll gefördert werden. Schließlich wird dazu aufgefordert, Bildungssysteme und Medien ihrerseits infrage zu stellen, die Konkurrenzdenken, aggressiven Individualismus und Gewalt vor allem unter Kindern verfestigen.

Damit wird in wenigen Stichworten nahezu das gesamte Spektrum friedenspolitischer und -pädagogischer Zielsetzungen aufgerufen und ein beachtlicher Erwartungshorizont aufgebaut. Doch Bescheidenheit ist angesagt, wenn es um die Einflußmöglichkeiten direkter pädagogischer Maßnahmen auf die Herausbildung von Friedens- und Konfliktfähigkeit einzelner Menschen, gesellschaftlicher Gruppen oder gar Staaten geht. (1) Friedens- und Konfliktfähigkeit bedeutet, mit individuellen, gesellschaftlichen und internationalen Konflikten so umgehen zu können, daß eine gewaltsame Konflikteskalation vermieden werden kann. Individuelle Friedensfähigkeit beginnt bei der Entwicklung von Ichstärke und Selbstbewußtsein ­ nicht um andere zu bevormunden, sondern um relativ "störungsfrei" kommunizieren zu können, um eigene Vorurteile zu erkennen und zu bearbeiten, aber auch um am politischen Geschehen so teilhaben zu können, daß ein Engagement in Richtung Gewaltminimierung und Partizipation möglich wird. Es ist offensichtlich, dass eine in diesem Sinne verstandene Gewaltprävention auf erhebliche restriktive Rahmenbedingungen im gesellschaften, nationalen und internationalen Raum trifft. Politische Entscheidungen zugunsten eines Primats des Militärischen, strukturelle Misstände wie Armut, ökonomische Ungerechtigkeiten oder soziale Tabus, Gewöhnungen und Apathie sind nur einige Stichworte. Hinzu kommt: Je unübersichtlicher und undurchschaubarer die Rahmenbedingungen für die eigene Lebensplanung werden, desto notwendiger wird Konfliktfähigkeit. Gleichzeitig aber gewinnen "Überlebensstrategien" mit wachsender Gewaltbereitschaft an Bedeutung. Dies trifft um so mehr in Gesellschaften zu, in denen ganze Bevölkerungsgruppen sich in ihrer Identität bedroht fühlen.

 

 

Friedenspädagogik und Überwindung von Gewalt in der Gesellschaft

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Die Sensibilisierung für unterschiedliche Gewaltformen und -erfahrungen ist eine zentrale Voraussetzung für eine konstruktive Auseinandersetzung mit Gewalt und mit der Fragen der Überwindung von Gewalt. Nur wer sich um Klärungen über eigene Gewaltpotentiale und -erfahrungen bemüht und auch die eigene Haltung zu (militärischen) Gewaltanwendungen außerhalb des persönlichen Nahbereiches überdenkt, kann sich glaubwürdig für die Überwindung von Gewalt einsetzen. Dies setzt aber die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, sich mit einem brisanten, in den persönlichen Bereich eindringenden Thema zu beschäftigen. Zur Sensibilisierung gehört also die Selbstvergewisserung: Wie stehe ich zur Gewalt? Wo erlebe ich Gewalt? Wann, warum und wie übe ich selbst Gewalt aus? Wie begegne ich Gewalt? Wie stehe ich zur militärischer Gewalt in den internationalen Konflikten? Unter welchen Bedingungen lehne ich Gewalt ab, wann legitimiere ich Gewaltanwendung? Entstehen dabei "Glaubwürdigkeitslücken" und welche Folgen ergeben sich daraus? Jugendliche zum Beispiel nehmen ihre eigenen Gewaltanwendungen häufig als legitime Gegengewalt wahr und fühlen sich darin bestärkt, wenn auch in der internationalen Politik "Gegengewalt" moralisch legitimiert wird.
Zur Sensibilisierung über Gewalt gehört es auch, neue Aufmerksamkeit für die unterschiedlichen Formen von Gewalt zu gewinnen. Wiederum in Anlehnung an Johan Galtung ist es hilfreich, zwischen direkter, struktureller und kultureller Gewalt zu unterscheiden. (vgl. Galtung 1998) Die strukturelle Gewalt verletzt Bedürfnisse, aber niemand ist direkt Täter und in diesem Sinne verantwortlich. Die kulturelle Gewalt ist die Legitimierung von struktureller oder direkter Gewalt durch die Kultur. Diese neue Galtungsche Gewaltdefinition ist unter analytischen Aspekten nicht unumstritten und hat beachtliche Resonanz ausgelöst (vgl. z.B. Schmidt 1999 und den Beitrag von Werner Wintersteiner in diesem Heft). Sie eröffnet unter friedenspädagogischen Gesichtspunkten die Möglichkeit für eine konstruktive Auseinandersetzung mit Gewalt, weil sie den Blick für die unterschiedlichsten Facetten von Gewalt öffnet, damit eindimensionale Ursachenzuschreibungen verhindert und sowohl direkte wie auch indirekte Zusammenhänge sichtbar macht. Galtung weist zum Beispiel nachdrücklich darauf hin, daß in jeder Ecke des Dreieckes Gewaltausbrüche beginnen und in den anderen Ecken weitere Verschärfungen auslösen können. Dies gilt aber auch umgekehrt: Wenn die kulturelle Legitimation von Gewalt abnimmt, kann dies zur Eindämmung struktureller und direkter Gewalt führen! (2)
Zur Sensibilisierung gehört die Frage nach der Vermittlung realistischer Perspektiven. Die "Überwindung von Gewalt", wie sie in der ÖRK-Dekade als übergeordnete Zielsetzung proklamiert wird, ist in konkreten Situationen sicherlich möglich und darüber hinaus als umfassende Zielsetzung unverzichtbar. Gleichwohl sollte gleichzeitig der Blick geöffnet werden für den konstruktiven Umgang mit Konflikten. Denn vielen Gewaltsituationen geht eine Konflikteskalation voraus. Glücklicherweise gibt es einen wachsenden wissenschaftlichen und pädagogisch-praktischen Erfahrungsschatz im konstruktiven Umgang mit Konflikten. (vgl. aus der Vielzahl der aktuellen Literatur Müller-Fohrbrodt 1999) Dazu gehört die Erkenntnis, daß unterschiedliche Konflikttypen differenzierte Herangehensweisen und einen Blick für das Leistbare verlangen. Tief liegende und verfahrene Konflikte sind zum Beispiel nur schwer zu lösen. Bei ihnen kommt es auf die Fähigkeit und die Bereitschaft an, sie in eine Form zu transformieren, in der sie überhaupt zu bearbeiten sind. Dies klingt in der hier gebotenen Kürze sehr abstrakt. Es soll aber verdeutlichen, wie eng die Grenzen gesetzt sind, wenn man einer gewaltsamen Eskalation vorbeugen will. Alle Verfahren der Vermittlung in Konfliktsituationen, der Streitschlichtung oder der Mediation, wie sie im Augenblick vielfach diskutiert und erprobt werden, erfordern von den beteiligten Personen ein hohes Maß an Wissen und sozialen Fähigkeiten. Doch man kann lernen, für Konflikte und Gewalt sensibel zu werden und man kann auch lernen, mit Konflikt- und mit Gewaltsituationen konstruktiv im Sinne einer Deeskalation und Transformation umzugehen. (vgl. zum Beispiel Maringer / Steinweg 1997) Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Nichts wäre verhängnisvoller, als die Ausbildung für konstruktiven Konfliktaustrag und die Chancen auf Konfliktbearbeitung zu überschätzen. Es wird immer Konflikte geben, die nicht bearbeitbar sind, weil die Konfliktparteien es zum Beispiel nicht wollen und es wird immer die ungezielte, sinnlose zerstörerische Gewalt geben. Und nicht alle Menschen bringen die Fähigkeiten mit, sich auf den langen, zähen Prozess der Konfliktauseinandersetzung einzulassen. Und doch wachsen die Chancen auf "Überwindung von Gewalt", wenn Menschen zumindest Kenntnisse über die vorhandenen Handwerkszeuge erhalten. Darauf haben sie einen Anspruch. (3)

 

"Kosovo-Krieg" und Schlüsselthemen für die friedenspädagogische Auseinandersetzung

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Wer über die Überwindung von Gewalt und die Etablierung einer Kultur des Friedens reden will, muß auch im Jahr 2000 über Krieg reden. Die systematische Vertreibung und Tötung der Menschen im Kosovo durch die Soldaten und Banden Milosevics und der Krieg der NATO mit deutscher Beteiligung gegen Serbien bleibt eine Herausforderung für diejenige, die sich seit vielen Jahren für eine Erziehung zum Frieden und für die Etablierung ziviler Formen der Konfliktbearbeitung eingesetzt haben. Denn Krieg, in welcher Form er auch auftritt bzw. herrscht, ist ein Zeichen für die Schwächen der Zivilgesellschaft und für das Versagen der Politik ­auch in den gefestigten Demokratien. Auch haben wir gesehen, wie die Medienberichterstattung die Haltung der Bevölkerung zu militärischen Gewalteinsätzen massiv beeinflussen kann. Mit wochenlangen, undifferenzierten Berichten über reale oder vermeintliche Greueltaten und mit der systematischen Ausblendung von zivilen Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung kann eine Stimmung erzeugt werden, in der die Zuschauer und Zuschauerinnen zur psychischen Selbstentlastung eine rasche Lösung des Problems verlangen. Dann ist es zum Griff nach der militärischen Allmachtsphantasie nicht mehr weit und es bleibt - wieder einmal - nur noch die militärische Intervention.
Eine bewußte und gründliche Auseinandersetzung mit dem "Kosovo-Krieg" ist bislang leider ausgeblieben - zumindest was eine größere Öffentlichkeit betrifft. Diese Auseinandersetzung erfordert Friedenskompetenz im Sinne von Sachkompetenz ­ neben der Vermittlung von Friedens- und Konfliktfähigkeit eine der Kernelemente der Friedenserziehung (vgl. Gugel / Jäger 1996). Kritische Analysen aus unterschiedlichen Blickwinkeln liegen zwischenzeitlich ebenso vor (vgl. z.B. Albrecht / Schäfer 1999) wie Materialien für die Bildungsarbeit (Graß 2000). Auch der Verein für Friedenspädagogik hat noch während des Krieges in einer Empfehlung an Lehrerinnen und Lehrer an einige bedeutsame Schlüsselthemen erinnert (vgl. Verein für Friedenspädagogik 1999). Dazu gehört die Frage nach den Ursachen von Kriegen, den Begründungen und Rechtfertigungen, den möglichen Alternativen und nach der Rolle der Medien. Sie sind deshalb von Bedeutung, weil die Intensität ihrer Bearbeitung darüber mitbestimmt, wie zukünftig mit der Frage militärischer Interventionen umgegangen werden wird.

 

Friedenspädagogik und die Bereitschaft zu "humanitären Interventionen"

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Die deutsche Beteiligung am NATO-Einsatz im Kosovo hat der alten Frage nach dem "gerechten Krieg" eine neue, dramatische Brisanz verliehen. Viele Menschen, auch Sprecher und Anhänger der Friedensbewegungen und -organisationen fühlten sich innerlich zerrissen. Angesichts der Repressions- und Vertreibungsstrategien der serbischen Führung wurde schließlich das militärische Eingreifen der NATO von vielen als letzte, wenn nicht gar als einzige Möglichkeit befürwortet, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Unter friedensethischen und -pädagogischen Gesichtspunkten besonders dramatisch ist darüber hinaus die mangelnde Bereitschaft nach dem Krieg, diese Zustimmung zu reflektieren oder die Tendenz, nicht einmal mehr die Kontroversen sichtbar zu machen. So hat der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Manfred Kock, in einem Beitrag auf der EKD-Synode im November 1999 die erste von fünf neuen friedensethischen Leitlinie wie folgt formuliert: "Anders noch als zu Zeiten der Ost-West-Konfrontation und der nuklearen Abschreckung wird der Einsatz militärischer Gewalt als ultima ratio anerkannt." Mit dieser Äusserung hat der Ratsvorsitzende alle brüskiert, die sich in der Evangelischen Kirche in den vergangen Jahrzehnten für eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Problematik humanitäter, militärischer Interverventionen eingesetzt haben. Nicht, weil er sich für eine Interpretation entschieden hat, sondern weil der Konflikt darüber scheinbar abgebrochen und beendet werden soll.
Was muss getan werden, um die Kontroverse eine konstruktive Fortsetzung findet? Ihrem Selbstverständnis gemäss weist Friedenspädagogik darauf hin, dass Adressaten von Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen nicht indoktriniert oder für politische Interessen und persönliche Betroffenheiten instrumentalisiert werden dürfen. Ziel ist die Sensibilisierung gegen Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen und die Förderung der Auseinandersetzung mit und das Ringen um Meinungen und Standpunkte. Pädagogik darf sich dabei nicht scheuen, deutlich und klar "Nein" zu jeder Art von Gewalt und vor allem auch zur Kriegsgewalt zu sagen. Thematisiert werden müssen jedoch auch Zweifel und die Problematik von Dilemma-Situationen, aus denen es keine Auswege gibt, ohne sich mit Schuld zu beladen. Gerade für diese Situationen, die immer wieder eintreten werden und vor denen sich niemand schützen kann, sind friedensethische, friedenspolitische und völkerrechtliche Grundpositionen als Bewertungsmaßstäbe wichtig. Auf sie hinzuweisen, ist eine Aufgabe der Friedenspädagogik, und sei es in eindringlicher Frageform:

  • Stehen die Befürworter der NATO-Intervention dazu, daß auch bei zukünftigen Eingriffen das Völkerrecht gebrochen werden kann? Die Ausnahmen vom völkerrechtlichen Kriegsführungsverbot sind in der UN-Charta klar geregelt. Der Einsatz zerstörerischer militrischer Gewalt als letztem Mittel ist zwar vorgesehen, aber einem strengen Regelwerk unterworfen. Ausnahmen betreffen die Verteidigung bei einem Angriff oder aber "humanitäre Interventionen", wenn zum Beispiel durch massive Verletzungen von Menschenrechten der Weltfrieden bedroht ist. Diese Interventionen in Drittstaaten müssen aber vom UN-Sicherheitsrat mit einem entsprechenden Mandat versehen werden. Beim Gegenschlag der NATO wurde bewußt auf ein UN-Mandat verzichtet. Schon wenige Monate später benutzte Russland bei der Begründung für seine Intervention in Tschetschenien ein ähnliches Vokabular wie die politisch und militärisch Verantwortlichen der NATO.
  • Wer ist bereit und schafft die Rahmenbedingungen, daß eine gemeinsame Auswertung der Vorgeschichte und der Eskalationsstufen des Konfliktes stattfinden kann? Diese ist notwendig, um prüfen zu können, ob vor dem militärischen Einsatz wirklich alle zivilen Mittel angewandt wurden, ob es diesbezügliche Versäumnisse gab und wer dafür verantwortlich ist.
  • Wie können die politisch Verantwortlichen für derartige Militäreinsätze zukünftig Sorge tragen, daß die zwingend notwendige Wahrung der Verhältnismässigkeit der Mittel bei einer Militärintervention gewährleistet ist? Gerade der Kosovo-Krieg hat hier die Problemfelder drastisch aufgezeigt.
  • Was wollen die Kritiker des NATO-Einsatzes tun, um bei den zuständigen Regierungen und Parlamenten noch konsequenter auf die Umsetzung der vorhandenen Ansätzen ziviler Konfliktbearbeitung zu drängen?
  • Was bedeutet es für die deutsche Sicherheits- und Außenpolitik, zur "Normalität" zurückzukehren? Die Sicherheitspolitik der NATO und Deutschlands muß wieder zum Gegenstand des Nachdenkens sein. Seit dem Ende der Abschreckung im Ost-West-Konflikt findet eine Entwicklung hin zu Etablierung einer multifunktionalen weltweiten Eingreiftruppe "im Namen der Menschenrechte" statt. Wie kommen solche Veränderungen zustande, wie werden sie legitimiert, wie durchgesetzt? Deutschland nimmt an dieser Entwicklung teil mit der Begründung, zur Normalität internationaler Außenpolitik zurückzukehren. Welche Konsequenzen ergeben sich für die Soldaten der Bundeswehr, die immer noch in einem feierlichen Gelöbnis schwören die Bundesrepublik Deutschland zu verteidigen?

Das notwendige Engagement für eine zivile Konfliktbearbeitung als Alternative zum militärischen Gewalteinsatz darf auch die Augen davor nicht verschliessen, wie in Politik und Gesellschaft die Voraussetzungen für eine Zustimmung zu "Gewaltlösungen" geschaffen werden. Die Rolle der Medien wurde bereits angesprochen. Auf ein weiteres Mosaikteil sei unter friedenspädagogischen Gesichtspunkten hingewiesen, nämlich auf die Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen. So besteht zum Beispiel zwischen den zentralen Botschaften der "Gewaltspielzeugwelt" und den Umgangsformen in Gesellschaft und Politik mit Konflikten und Gewalt eine zumindest indirekte Verbindung. Dieser Sachverhalt ist aber ein ausserordentlich wichtiger, weil häufig vernachlässigter Faktor. "May the force be with you" ­ So lautet die zentrale Botschaft des im Sommer 1999 in den Kinos angelaufenen Debutfilms der neuen Star-Wars-Trilogie, gerade zu dem Zeitpunkt, als im Kosovo gekämpft wurde. Millionen Menschen lassen sich seitdem weltweit vom Show-Down zwischen dem "Guten" in Gestalt der Yedi-Ritter und den "Bösen" faszinieren. Doch die zumeist jugendlichen ZuschauerInnen brauchen auch außerhalb des Kinosaals nicht auf die Star-Wars-Abenteuer zu verzichten. Ein riesiges Angebot von Computerspielen, Spielfiguren und anderen Utensilien sorgt dafür, daß es nur schwer möglich ist, den neuen Science-Fiction-Adventures zu entkommen und dass die Botschaft von der "Macht als oberste Maxime" Einzug in die Köpfe und Herzen hält. Nicht zufällig lautete der Code-Name für eine mögliche Bodeninvasion der NATO im Krieg um das Kosovo treffend "Invasion der Jedi-Ritter". "Krieg und Frieden" ist nicht an erster Stelle ein Bildungsthema, sondern ein Thema, das existentielle Fragen des Lebens aufwirft. Die Eindrücke und Erfahrungen angesichts eines Krieges können für Kinder, Jugendliche und
Erwachsene gleichermaßen Anlass sein, unreflektiert die "Macht-Botschaft" zu übernehmen oder aber über das Miteinander und das Füreinander in dieser "Einen Welt" nachzudenken.

 

 

Zivile Konfliktbeareitung und Globales Handeln

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Langfristig kann es nur darum gehen, die vielfältigen Möglichkeiten ziviler Konfliktbearbeitung bekannter zu machen und in den politischen Alltag zu integrieren. Nur so können zwischenmenschliche, innergesellschaftliche und internationale Konflikte vor einer zerstörerischen Eskalation bewahrt werden oder wenigsten deren Folgen abgemildert werden. Zu unterstützen sind alle Formen der Gewaltprävention (Aufbau von Frühwarnsystemen , Verstärkung der präventiven Diplomatie, Verstärkung der Entwicklungszusammenarbeit, Hilfe beim Aufbau demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen, Förderung der Zivilgesellschaft), der Konfliktbearbeitung und -schlichtung (Friedensdienste und -missionen, Vermittlung zwischen Konfliktparteien, Unterwerfung unter eine schiedsgerichtliche Regelung, Verhängung von Sanktionen, Schaffung internationaler Öffentlichkeit, Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge und Deserteure, Humanitäre Hilfe) und der Konfliktnachsorge (Beseitigung von Kriegsfolgen, Überwindung von Feindbilder, Friedenserziehung, Verständigung- und Versöhnungsarbeit).
Mehr als jemals zuvor ist für die Förderung und Ausgestaltung ziviler Konfliktbearbeitung globales Handeln notwendig. (vgl. Gugel / Jäger 1999). Freiwilligendienste in Form von Friedens- und Entwicklungsdiensten im Ausland gibt es seit vielen Jahren auch in Deutschland. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat zuletzt vielen Friedensorganisationen deutlich gemacht, daß die Förderung von Friedensprozessen und -projekten in Krisen- und Kriegsregionen "mit Helfern von außen" ein friedenspolitisch sinnvolles und notwendiges, aber auch ein äußerst schwieriges Unterfangen ist. Trotzdem scheint die Bereitschaft für ein friedens- und entwicklungsorientiertes Engagement im Ausland ungebrochen und die Anstrengungen nehmen zu, die Professionalität der Auslandseinsätze zu erhöhen. Dies ist dringend erforderlich, weil gezieltes Friedenshandeln in den häufig komplexen Konfliktsituationen im Ausland ein hohes Maß an Qualifikation, Kompetenz und an Persönlichkeit verlangt.
Das Engagement für Frieden und Entwicklung im Ausland kann als Kernbereich eines neuen Handlungsansatzes verstanden und mit dem Begriff des "Globalen Handelns" umschrieben werden. Im Zeitalter der Globalisierung verändern sich auch die Ziele und Ansätze der Arbeit am Frieden. Angesichts globaler Herausforderungen in ökologischen, entwicklungspolitischen oder friedenspolitischen Bereichen gewinnen transnationale, länderübergreifende Initiativen für die Problembearbeitung an Bedeutung. Der Protest gegen Kriege und die Solidarität mit unterdrückten, verfolgten oder benachteiligten Menschen kann nicht mehr nur im eigenen Lande stattfinden. Der Slogan "Global denken, lokal handeln" hat zwar nichts an seiner Gültigkeit verloren, weil weiterhin politische, soziale und ökologische Veränderungen vor Ort notwendig sind. Sie sind Voraussetzung für eine weltweite, "zukunftsfähige" Entwicklung. Doch "global denken, lokal handeln" reicht als Prinzip für die Arbeit am Frieden nicht mehr aus, sondern muß durch den Aspekt "global Handeln" erweitert werden.
Globales Handeln ist ein Zukunftsprojekt, weil neue Formen transnationaler Kommunikation, Kooperation und Aktion erst durch eine Reihe von Entwicklungen ermöglicht wurden bzw. heute im Entstehen sind. Zu diesen Entwicklungen gehört erstens die grundlegende Bereitschaft, Probleme in größeren Zusammenhängen zu sehen. Es hat zum Beispiel lange gedauert, bis die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft das Spartendenken in Entwicklungszusammenarbeit hier und Friedenspolitik zumindest in Ansätzen überwunden haben. Heute sieht man im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit ein, daß in Krisen- und Kriegsregionen zivile Maßnahmen der Gewaltprävention und / oder der Konfliktnachsorge wichtige Voraussetzungen für die langfristige Wirksamkeit von Entwicklungsmaßnahmen sind.
Dazu gehört zweitens der Bedeutungszuwachs der Nichtregierungsorganisationen (NROs) insbesondere für die Bearbeitung von Konflikten auf lokaler Ebene. Drittens ist die Verfügbarkeit elektronischer Medien für die weltweite Kommunikation von großer Bedeutung für globales Handeln. Die wissenschaftliche Reflexion über Voraussetzungen und Bedingungen für das Gelingen solcher Handlungsansätze steht jedoch erst am Anfang. Doch auch hier gilt: Globales Handeln kann nur im Dialog mit den Menschen in den Ländern entwickelt werden, welche zum Ziel der "erwünschten Einmischung" ausgewählt wurden. Dieser Dialog muss im friedenspädagogischen Sinne offen gestaltet sein. Er kann auch zum Ergebnis haben, dass globales Handeln in der beschriebenen Form möglicherweise teilweise oder sogar als gesamter Ansatz friedenspolitisch kontraproduktiv ist.

Anmerkungen

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1) Bescheidenheit ist übrigens auch angesagt angesichts der knappen Ressourcen, die für Friedenspädagogik in Deutschland zur Verfügung stehen. Noch immer gibt kaum Forschungs- und Ausbildungskapazitäten und ein fester Haushaltsposten in einem Bundesministerium, der Mittel für friedenspädagogische Forschungs- und Projektfinanzierung bereit hält, fehlt gänzlich. Auch in der neu gegründeten Bundesstiftung für Friedensforschung ist die Friedenspädagogik nicht verankert.

2) Ein friedenspädagogisch interessantes Beispiel für diese Zusammenhänge ist die aktuelle Diskussion über die vorgesehene Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechtes und über den in diesem Kontext diskutierten gesellschaftlichen Stellenwert von gewaltfreier Erziehung.

3) In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, dass der Umgang mit interpersonellen, gesellschaftlichen und internationalen Konflikten nur einen Teilbereich friedenspädagogischer Ansätze darstellt.

Literatur

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Albrecht, Ulrich / Paul Schäfer (Hrsg.): Der Kosovo-Krieg. Fakten, Hintergründe, Alternativen. Köln 1999.
Erler, Gernot: Vom Sieg, der kein Modell sein kann. Der Kosovo-Krieg und die Folgen. In: Frankfurter Rundschau vom 9. September 1999.
Galtung, Johan: Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur. Opladen 1998.
Graß, Hans Peter: Reden wir über den Krieg... Diskussionsmethoden für Schule und Jugendarbeit am Beispiel des Kosovo-Krieges. Friedenserziehung konkret, Band 6. Salzburg 2000.
Gugel, Günther / Uli Jäger: Gewalt muß nicht sein. Eine Einführung in friedenspädagogisches Denken und Handeln. Tübingen 1996.
Gugel, Günther / Uli Jäger: Global Handeln für Frieden und Entwicklung. Tübingen 1999.
Maringer, Eva / Reiner Steinweg: Konstruktive Haltungen und Verhaltensweisen in institutionellen Konflikten. Erfahrungen, Begriffe, Fähigkeiten. Berlin, Berghof Report 3 / 1997.
Müller-Fohrbrodt, Gisela: Konflikte konstruktiv bearbeiten lernen. Zielsetzungen und Methodenvorschläge. Opladen 1999.
Ökumenischer Rat der Kirchen: Dekade zur Überwindung von Gewalt. September 1999 (Rundbrief).
Schmidt, Hajo: "Primat der Kultur" ­ bei der Suche nach Frieden? Zu Johan Galtungs erweiterter Friedenstheorie. In: Wolfgang Vogt 1999, S. 36-51.
Senghaas, Dieter (Hrsg): Frieden machen. Frankfurt / Main 1997.
UN-Deklaration und Aktionsprogramm für eine Kultur des Friedens. In: UNESCO heute, Heft 4 / 1999, S. 58-62.
Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V.: Krieg im Unterricht. Zum Umgang mit dem "Balkan-Krieg" in Schule und Unterricht. Faltblatt. Tübingen 1999.
Vogt, Wolfgang R. (Hrsg.): Friedenskultur statt Kulturkampf. Strategien kultureller Zivilisierung und nachhaltiger Friedensstiftung. Baden-Baden 1999.
Wehner, Burkhard: Prämierung des Friedens. Alternativen zum "humanitären" Krieg. Opladen 1999.

Uli Jäger: Friedenspädagogik im neuen Jahrtausend. Erwartungen, Ansätze, Erfahrungen. In: ZEB. Zeitschrift für Entwicklungspädagogik, 1/2000.

© 2000, Online-Fassung: Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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