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Nachrichten-Ticker
Agentur:DDP91+92, Ressort:Vermischtes, Priorität:Dringend,
Datum:19-Oct-00, Zeit:5:39
Stichwort: Lifestyle/Familie/Erziehung/Friedenspädagogik/
Titel: Vom Umgang mit Konflikten: Friedenserziehung auf
dem Stundenplan (Mit Bild/Mit zwei Infokästen)
Von Claudia Berker
Meldung: Tübingen/Soest (ddp). Seit 1978 wird auf
Initiative der Vereinten Nationen vom 24. bis 30. Oktober die
Woche der Abrüstung begangen. Mit dem offiziellen Ende des
Kalten Krieges ist die Diskussion über nukleare Bedrohung
allerdings zunehmend anderen Themen gewichen - auch auf den Stundenplänen.
Kriege selbst in der Mitte Europas, aber auch die alltägliche
Gewalt in Schule und Freizeit zeigen jedoch, dass die Auseinandersetzung
mit Möglichkeiten zum Frieden - im Kleinen wie im Großen
- zeitlos geboten ist. Doch sind es noch Unterrichtsreihen über
Gandhi und Martin Luther King, die das Prinzip Gewaltlosigkeit
Schülern im Jahr 2000 nahe bringen können? Welche Aufgaben,
welche Inhalte hat Friedenserziehung heute?
Grundsätzlich besteht sogar ein Anspruch auf eine solche
Erziehung. An offiziellen Beschlüssen und Willensbekundungen
fehlt es nicht. So enthalten einige Landesverfassungen, zum Beispiel
in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen, den expliziten
Auftrag, zur Friedensliebe zu erziehen. Auf internationaler Ebene
rufen die Vereinten Nationen in verschiedenen Dokumenten dazu
auf, Verständigung, Toleranz und Menschenrechte zu einem
Bestandteil von Bildungsmaßnahmen zu machen, unter anderem
in den 1980 beschlossenen «Zehn Grundsätzen für
die Erziehung zur Abrüstung». Das Jahr 2000 wurde
von der UNO zum «Jahr für eine Kultur des Friedens»
ernannt, in dem sich Menschen in aller Welt mit ihrer Unterschrift
unter «Manifest 2000» solidarisch mit dem Ziel einer
gewaltlosen Welt zeigen können.
«Auf der Ebene der Resolutionen und Erklärungen scheint
in der Tat Einigkeit darüber zu herrschen, wie wichtig eine
Erziehung zum Frieden ist», bekräftigt Günther
Gugel, Geschäftsführer des Tübinger Vereins für
Friedenspädagogik. In der Praxis, den Schulen, stellt die
Vermittlung entsprechender Werte und Verhaltensweisen viele Lehrer
vor große Herausforderungen.«In den offiziellen Lehrplänen
sind friedensrelevante Themen zwar vorgesehen, die Frage ist
jedoch, wie ein solcher Stoff aufgegriffen und vermittelt wird,
nämlich kritsch-engagiert», betont der Pädagoge.
Dazu gehört auch eine Ausweitung des Themenspektrums, denn
Gegenstand von Friedenserziehung sind nicht allein Kriege oder
die Vermeidung von gewaltsamen Konflikten. «Abrüstung
spielt nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes eine untergeordnete
Rolle im Unterricht », erklärt Gugel. Die Sichtweise
habe sich vielmehr darauf verlagert, wie auch die Pädagogik,
neben der Politik, auf globale Fragen reagieren kann. «Dabei
gilt es, verschiedene Aspekte von Gewalt, wie Umweltzerstörung
oder Menschenrechtsverletzungen, zu integrieren und fachübergreifend
nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. »Wichtig ist,
dass Schülern eine globalere Weltsicht vermittelt wird,
so dass sie lernen, wie bestimmte Entwicklungen zusammenhängen«,
fordert der Pädagoge. »Schulen müssen sich öffnen,
zum Beispiel nicht mehr nur durch europäische Partnerschaften,
sondern auch durch Kontakte, etwa per E-Mail, zu Einrichtungen
auf der anderen Seite des Globus."
Eine Chance, aktuelle Themen und Jugendinteressen zu verbinden,
bietet die Lokale Agenda 21. Unter dem Motto «Global denken,
lokal handeln» veranstalten unterschiedliche gesellschaftliche
Gruppen Aktionen, die zu einem verantwortungsvollen Umgang mit
den endlichen Ressourcen dieser Erde aufrufen und dabei etwa
auf den Zusammenhang von westlichem Konsumverhalten und Problemen
in Entwicklungsländern hinweisen. Inzwischen haben auch
zahlreiche Schulen ihre Projekte im Internet veröffentlicht
und Netzwerke für den gegenseitigen Austausch gebildet:
«Sinnvoll ist immer, wenn verschiedene Bereiche, wie neue
Technologien, Fremdsprachen und politisches Hintergrundwissen,
zusammenfließen und nicht mehr in getrennten Fächern
gedacht wird», resümiert der Experte.
Gerade angesichts der Vielzahl von globalen Herausforderungen
heißt Friedenspädagogik jedoch auch, Handlungsgrundlagen
für ein konstruktives Zusammenleben im eigenen Umfeld zu
vermitteln. Nur wer gelernt hat, Konflikte gewaltfrei auszutragen,
so die Überzeugung der Fachleute, wird solche Einflüsse
auch in politische Zusammenhänge einbringen. «Hauptsächlich
geht es darum, über Bewusstseinsbildung auch Wertmaßstäbe
zu verändern und mit Kontroversen richtig umzugehen»,
betont Gugel. Zum Handwerkszeug, das Schulen weitergeben können,
gehören dem Wissenschaftler zufolge Kenntnisse über
die Entstehung und Vermeidung von Konflikten und Deeskalationsstrategien.
«Dazu gehören Regeln für das Zusammenleben ebenso
wie das richtige Vokabular, das eine Ausweitung der Spannungen
verhindern kann.»
Eine praktische Umsetzung dieses Lernziels ist das «Schüler-Streitschlichter-Programm»,
das seit 1993 in Deutschland bekannt ist. «Damals gab es
in den Medien heftige Attacken auf Schulen als Hort der Gewalt»,
erklärt Heiner Wichterich, wissenschaftlicher Referent für
Schulberatung und Schulpsychologie im Landesinstitut für
Schule und Weiterbildung in Soest (LSW). Auf der Basis erster
Veröffentlichungen zur Streitschlichtung in Schulen sei
am Soester Institut ein Konzept aufgelegt worden, das sich in
kurzer Zeit unter Lehrern verbreitet habe. Allein in Nordrhein-Westfalen
gebe es inzwischen an etwa zehn Prozent der Schulen so genannte
«Streitschlichter» - Schülerinnen und Schüler,
die um Hilfe gebeten werden, wenn zwischen Mitschülern Streit
entsteht. Ziel ist es, diese über das Gespräch und
ohne Hilfe von Lehren zu lösen. Typische Konflikte sind
dem Referenten zufolge Prügeleien, üble Nachrede oder
Probleme in einzelnen Beziehungen. In solchen Fällen versuchen
die speziell geschulten Vermittler über vier festgelegte
Gesprächsschritte zu verbindlichen Vereinbarungen zwischen
den Kontrahenten zu kommen. «Damit ist ein Teil der Verantwortung
für das Zusammenleben an die Schüler delegiert»,
erklärt Wichterich. Auf diese Weise entwickele sich ein
Rechts- und Demokratiebewusstsein unter den Jugendlichen.
Unabhängig von Inhalten und Aktionsformen kommt gerade beim
Bemühen, die Jugendgewalt an Schulen einzudämmen, den
Rahmenbedingungen eine große Bedeutung zu: «Die schulische
Friedenserziehung muss auch die Unterrichtssituationen beziehungsweise
die Lehrer-Schüler-Kommunikation hinterfragen», betont
Gugel. «Mitbestimmung» lautet das Stichwort, das
der Pädagoge in den Stundenplänen gerne sehen würde.
«Sonst haben Jugendliche, die grundsätzlich sehr sensibel
gegenüber ungleicher Behandlung sind, schnell das Gefühl,
ein Engagement für eine bestimmte Sache lohne sich ohnehin
nicht.» Weiterhin solle sich eine Schule immer fragen:
Wohin wollen wir, was sind unsere Ziele, gibt es so etwas wie
ein Schulethos? In einem solchen Umfeld ist die Auseinandersetzung
mit Wertvorstellungen kein bloßes Unterrichtsthema für
ein Halbjahr mehr.
Da Kinder jedoch nicht erst und nicht allein in der Schule ihr
politisch-gesellschaftliches Bewusstsein entwickeln, muss eine
Friedenspädagogik schon im Elternhaus beginnen. «Kinder
müssen emotionale Geborgenheit erfahren, um später
konstruktiv mit Konflikten umgehen zu können», betont
Gugel. Dazu gehöre, dass Eltern die Persönlichkeit
ihres Sohnes oder ihrer Tochter akzeptierten, andere Meinungen
stehen ließen und sich Zeit nähmen, sich mit dem Nachwuchs
auseinander zu setzen. «Kinder brauchen das Gefühl,
sich ausleben zu können, aber auch Grenzen zu erfahren.
Sie sollten lernen, dass Meinungsverschiedenheiten ganz natürlich,
aber ohne Gewalt lösbar sind.»
cbe/jkr
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Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von ddp.
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