Konflikte

 Übersicht Unterricht konkret


Konflikteskalation

Möglichkeiten der Behandlung im Unterricht

Günther Gugel / Uli Jäger

 
    Streitkultur - Stufen der Konflikteskalation
  Umgang mit Konflikten - eine Übersicht
  Das Problem der Konflikteskalation
  Definitionen von Konflikt
 

10 Methodische Anregungen
 

M 1: Die neun Stufen der Konflikteskalation nach Glasl
 

Plakat "Streitkultur" - Konflikteskalation als Bildergeschichte
 

M 2: "So gewinnst du jeden Konflikt" - 10 fatale Regeln
 

Literaturhinweise
 

Ausführliche Informationen zur Konfliktbearbeitung auf diesem Server


Streitkultur - Stufen der Konflikteskalation Seitenanfang

Konflikte sind integraler Bestandteil jeglichen Zusammenlebens. Da Konflikte häufig als Kampfsituationen wahrgenommen werden, entfaltet sich leicht eine innere Konfliktdynamik, die eine friedliche, konstruktive und gewaltfreie Regelung nicht mehr möglich macht. Dabei ist die Einstellung, daß der eigene Gewinn nur durch den Verlust des Gegners zu erzielen sei (sogenanntes Nullsummenspiel) weit verbreitet. Untersuchungen über das Verhalten von Menschen in Konfliktsituationen haben gezeigt, daß eine Mehrheit der Versuchspersonen dazu neigt, den eigenen Vorteil durch immer intensiveren Einsatz oder striktes Beharren auf der eigenen Position wahrzunehmen und dies selbst dort, wo sich Mißerfolge abzuzeichnen beginnen. Dieses Verhaltensmuster wird begleitet durch eine fortschreitende Einschränkung der Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit.

"Konflikte beeinträchtigen unsere Wahrnehmungsfähigkeit und unser Denk- und Vorstellungsleben so sehr", schreibt der Konfliktforscher Friedrich Glasl, "daß wir im Lauf der Ereignisse die Dinge in uns und um uns herum nicht mehr richtig sehen. Es ist so, als würde sich unser Auge immer mehr trüben; unsere Sicht auf uns und die gegnerischen Menschen im Konflikt, auf die Probleme und Geschehnisse wird geschmälert, verzerrt und völlig einseitig. Unser Denk- und Vorstellungsleben folgt Zwängen, deren wir uns nicht hinreichend bewußt sind."

Friedrich Glasl hat vor dem Hintergrund langjähriger wissenschaftlicher und pädagogisch-praktischer Erfahrungen neun "idealtypische" Stufen der Konflikteskalation herausgearbeitet. Sie sind hilfreich, um Konflikte besser verstehen und analysieren zu können sowie um Auswege aus der Konfliktdynamik zu entwickeln.


Umgang mit Konflikten - eine Übersicht Seitenanfang

Traditionelle Methoden

 

Ignorieren, bagatellisieren, verdecken

Zwangs-, Einschüchterungs- und Drohstrategien

Ankündigung von Sanktionen

Androhung und Einsatz von Gewalt

Elemente des konstruktiven Umgangs

Die grundsätzliche Sichtweise auf Konflikte ändern: Konflikte als Chance

Auf Androhung und Einsatz von Gewalt verzichten

Die eigene Wahrnehmung nicht als die einzig richtige vertreten

Wenn nötig, eine "Dritte Partei" einbeziehen

Gemeinsame Gespräche statt vollendete Tatsachen anstreben

Lösungen an den Interessen aller Beteiligten und denen, die die Folgen zu tragen haben, orientieren


Das Problem der Konflikteskalation Seitenanfang

Das Problem der Konflikteskalation liegt darin, daß mit jeder Eskalationsstufe ganzen Kategorien von Handlungsmöglichkeiten aufgegeben werden und das eigene Verhalten sowie das des Gegners immer weiter eingeengt wird. Der Übergang von Stufe zu Stufe kann auch als das Abgleiten von einem Regressionsniveau zu einem noch niedrigeren Regressionsniveau dargestellt werden.

Konflikteskalation ist gefährlich, weil ...

  • Konflikte außer Kontrolle geraten können;
  • immer weniger Handlungsalternativen zur Verfügung stehen;
  • Gewalt als Handlungsmöglichkeit zunehmend einbezogen und angewandt wird;
  • nicht mehr gemeinsame Lösungen, sondern Sieg oder Niederlage des Gegners im Vordergrund stehen;
  • eine Personifizierung des Konfliktes stattfindet;
  • Emotionen die Überhand gewinnen;
  • Zerstörung und Vernichtung zum eigentlichen Handlungsziel werden.

Es geht also darum, einer Konflikteskalation Stufen der Deeskalation gegenüberzustellen. Antworten und Handlungsmöglichkeiten auf jeder Stufe zu finden, die Gewalt begrenzen oder ganz ausschließen sowie auf Kooperation und Verhandlungslösungen abzielen.

Definitionen von Konflikt Seitenanfang

Konflikt: Zusammenstoß, Zwiespalt, Widerstreit
Duden. Band 1, Rechtschreibung, Mannheim u.a. 1980.

"Wir definieren Konflikt als eine Eigenschaft eines Systems, in dem es miteinander unvereinbare Zielvorstellungen gibt, so daß das Erreichen des einen Zieles das Erreichen des anderen ausschließen würde."
Johan Galtung: Theorien zum Frieden. In: Dieter Senghaas (Hrsg..): Kritische Friedensforschung. Frankfurt 1972, S. 235.

Mehr Definitionen


10 Methodische Anregungen Seitenanfang

Von den Bildern ausgehen

1. Der Text auf dem Plakat wird abgedeckt, zu den einzelnen Zeichnungen sollen eigene Bildunterschriften gefunden werden.

2. Die Zeichnungen werden kopiert und ausgeschnitten. Kleingruppen sollen nun die Bilder in eine Reihenfolgen bringen, Untertitel zu den Bildern formulieren und dem Ganzen eine Überschrift geben.

3. Identifikationen. Die Lernenden versetzen sich in die abgebildeten Personen hinein. Wenn ich Mitglied der Personengruppe wäre, wie würde ich handeln? Welche Person würde ich gerne sein, welche nicht? Was würde ich gerade sagen?

 

Vom Text ausgehen

4. Die Eskalationsstufen durch eigene Zeichnungen oder Zeitungsbilder illustrieren.

5. Die Eskalationsstufen in Alltagssprache formulieren oder gar satirisch verfremden (vgl. M 2: "So gewinnen Sie jeden Konflikt".)

 

Text und Bilderfolge

6. Bilderfolge analysieren. Wie wurden die Eskalationsstufen bildhaft umgesetzt? Welche Stilmittel wurden angewandt? Welche Typen von Personen tauchen auf? Welche Rolle spielen Männer, welche Frauen?

7. Konflikte anhand der Eskalationsstufen analysieren: Ein konkreter Konflikt aus dem eigenen Erfahrungsbereich wird in seinem Verlauf dargestellt. Auf welcher Stufe befindet sich der Konflikt gerade (was sind die Kennzeichen hierfür), welche Stufen hat er durchlaufen (oder übersprungen)? Wie hätte eine Eskalation vermieden werden können?

8. Was wäre wenn...? Wie würde die Bilderfolge aussehen, wenn nur Jugendliche abgebildet wären, wie, wenn nur Frauen, nur Politiker usw.?

9. Eingriffsmöglichkeiten finden: Welche konkreten Handlungs- und Eingriffsmöglichkeiten gibt es auf der jeweiligen Stufe, um eine weitere Eskalation zu verhindern? Kann dies von den Kontrahenten alleine bewältigt werden? Wo sollte (muß) eine Dritte Partei hinzugezogen werden?

10. Deeskalationsstufen formulieren. Entsprechend den Eskalationsstufen soll eine Folge von Deeskalationsstufen formuliert werden. Die Deeskalationsstufen können durch eigene Zeichnungen illustriert werden. Als nächster Schritt können dann gelungene Beispiele für die Deeskalation von Konflikten im Alltag, in der Gesellschaft und Politik gesucht werden.


M1: Die neun Stufen der Konflikteskalation nach Glasl Seitenanfang

1. Verhärtung: Die Standpunkte verhärten sich und prallen aufeinander. Das Bewußtsein bevorstehender Spannungen führt zu Verkrampfungen. Trotzdem besteht noch die Überzeugung, daß die Spannungen durch Gespräche lösbar sind. Noch keine starren Parteien oder Lager.


2. Debatte: Es findet eine Polarisation im Denken, Fühlen und Wollen statt. Es entsteht ein Schwarz-Weiß-Denken und eine Sichtweise von Überlegenheit und Unterlegenheit.


3. Aktionen: Die Überzeugung, daß "Reden nichts mehr hilft", gewinnt an Bedeutung und man verfolgt eine Strategie der vollendeten Tatsachen. Die Empathie mit dem "anderen" geht verloren, die Gefahr von Fehlinterpretationen wächst.


4. Images/Koalitionen: Die "Gerüchte-Küche" kocht, Stereotypen und Klischees werden aufgebaut. Die Parteien manövrieren sich gegenseitig in negative Rollen und bekämpfen sich. Es findet eine Werbung um Anhänger statt.


5. Gesichtsverlust: Es kommt zu öffentlichen und direkten (verbotenen) Angriffen, die auf den Gesichtsverlust des Gegners abzielen.


6. Drohstrategien: Drohungen und Gegendrohungen nehmen zu. Durch das Aufstellen von Ultimaten wird die Konflikteskalation beschleunigt.


7. Begrenzte Vernichtungsschläge: Der Gegner wird nicht mehr als Mensch gesehen. Begrenzte Vernichtungsschläge werden als "passende" Antwort durchgeführt. Umkehrung der Werte: ein relativ kleiner eigener Schaden wird bereits als Gewinn bewertet.


8. Zersplitterung: Die Zerstörung und Auflösung des feindlichen Systems wird als Ziel intensiv verfolgt.


9. Gemeinsam in den Abgrund: Es kommt zur totalen Konfrontation ohne einen Weg zurück. Die Vernichtung des Gegners zum Preis der Selbstvernichtung wird in Kauf genommen.

Vgl. Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte und Berater. Bern / Stuttgart 1990 (2 Aufl.).


M 2: So "gewinnst" du jeden Konflikt" Seitenanfang

Zehn fatale Regeln

1. Beharre unbedingt auf deinem Standpunkt, der andere wird schon nachgeben.


2. Mache permanent und lautstark in der Öffentlichkeit bekannt, daß das Recht auf deiner Seite ist und der Gegner Unrecht begeht.


3. Suche nur Lösungen, die deine Interessen maximal befriedigen, schließlich bist du ja im Recht.


4. Stelle den Gegner vor vollendete Tatsachen, das nimmt ihm den Wind aus den Segeln.


5. Suche dir Verbündete, die dir bedingungslos folgen, das schüchtert ein.


6. Wenn der Gegner nicht einlenkt, so drohe im Gewalt an, das zeigt immer Wirkung.


7. Akzeptiere auf keinen Fall Vermittlungsversuche Dritter, denn diese wollen nur deinen Gegner unterstützen.


8. Ziehe Erkundigungen über das Privatleben deines Gegners ein und gib diese an die Presse weiter.


9. Wenn dies nicht ausreicht, so lanciere Gerüchte, über geplatzte Schecks, drohende Zahlungsunfähigkeit oder sexuelle Eskapaten deines Gegners.


10. Gemeinsam mit dem Gegner unterzugehen ist allemal besser, als Zugeständnisse zu machen, schließlich geht es ja um den Sieg der Wahrheit.

Günther Gugel / Uli Jäger, 1999


Literaturhinweise Seitenanfang

Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte und Berater. 4. Auflage, Stuttgart 1997.
Ders.: Selbsthilfe in Konflikten. Konzepte, Übungen, praktische Methoden. Stuttgart 1998.
Uli Jäger: Softpower: Wege ziviler Konfliktbearbeitung. 2. Aufl. Tübingen 1998.
Karin Jeffreys-Duden: Das Streitschlichhter-Programm. Mediatorenausbildung für Schülerinnen und Schüler der Klassen 3 bis 6. Weinheim und Basel 1999.

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Autoren: Günther Gugel / Uli Jäger

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