Unterricht konkret



Diskriminierung von Frauen - eine Spurensuche

Übersicht Unterricht konkret


Didaktische Hinweise
Fächer: Deutsch, Sozialkunde, Religion, Politik
Themenbereich: : Frauen, Stereotype, Geschlechterverhältnis
Zeitbedarf: 45 oder 90 Min.
Methodenbereich: Recherchieren
Benötigte Materialien: Fragebogen (M 1)
Vorbereitungen: M 1 kopieren

Verlaufsskizze
Einstieg: Wie kommen Frauen in der Alltagssprache vor?
Vorstellung des Themas: Diskriminierung von Frauen
Durchführung: Partnerarbeit, Arbeitsgruppen, Klasse
Schluß: Vorstellen von M 4


Bei der Diskriminierung von Frauen geht es nicht nur um die direkte Gewalt gegen Frauen, die von Demütigungen bis zu Vergewaltigungen reicht oder um die in vielen Bereichen vorfindbaren Benachteiligungen (wie z.B. geringeres Lohnniveau bei gleicher Arbeit). Es geht auch um die Rechtfertigung und Legitimierung dieser Diskriminierungen durch Sitten und Gebräuche, durch Gesetze und Verordnungen sowie durch vielfältige Ideologien und Alltagstheorien. Schließlich spielt auch die Frage von Einfluß und Zugang zu Macht und Ressourcen bei der Geschlechterfrage eine zentrale Rolle. Es reicht jedoch nicht aus, Frauen nur als Opfer wahrzunehmen. Frauen sind in vielen Bereichen auch zentrale Gestalterinnen (geworden).


Vorgehensweise

  • Es empfiehlt sich, zunächst vom persönlichen Erfahrungsfeld auszugehen und hier Informationen aus dem eigenen Erleben zusammenzutragen.
  • In einem zweiten Schritt sollten diese Eindrücke durch systematisches Nach- und Erfragen ergänzt werden.
  • Manche Fragen können nicht aus dem eigenen Wissen der SchülerInnen beantwortet werden. Hier müssen Informationen bei anderen Stellen (z.B. Arbeitsämter, Gewerkschaften, Erziehungsberatungsstellen) eingeholt werden.
  • Zahlenmaterial kann auch aus dem Statistischen Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland entnommen werden.
  • Der Leitfaden M 1 kann arbeitsteilig in Kleingruppen bearbeitet werden.
  • Eine Arbeitsgruppe kann sich auch speziell mit der Situation an der Schule beschäftigen, M 2 und M 3 bieten hierfür Anregungen.
  • In der Abschlußrunde können die Materialien M 4 und M 5 (Gewalt gegen Frauen) einbezogen werden.

M 1: Leitfaden zur Erkundung: Diskriminierungen von Frauen Seitenanfang

1. Arbeitswelt

  • In welchen Branchen sind vor allem Frauen, in welchen vor allem Männer tätig?
  • Auf welchen Arbeitsplätzen innerhalb eines Betriebes sind vor allem Frauen, auf welchen Männer zu finden?
  • Wieviele Frauen (prozentualer Anteil) sind auf den verschiedenen Entscheidungsebenen der Unternehmen zu finden?
  • Bekommen Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit?
  • Wie werden Ausfallzeiten (Schwangerschaft, Mutterschutz, Kindererziehung) auf die spätere Rente angerechnet?
  • Wieviele Frauen/wieviele Männer haben eine abgeschlossene Berufsausbildung?
  • Welche Hilfen erhalten Frauen mit Kindern, um am Berufsleben teilnehmen zu können?
  • Wie sind Frauen in den Gewerkschaften repräsentiert?
  • Wieviele Familien sind auf die Berufstätigkeit der Frau angewiesen?

2. Familie

  • Wie ist die Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau innerhalb der Familie?
  • Welche Hausarbeiten werden vom Mann, welche von der Frau übernommen?
  • Wer ist für Erziehungsprobleme zuständig?
  • Wie wird die Hausarbeit "entlohnt"?
  • Wie werden Familien mit Kindern durch Staat und Gesellschaft unterstützt?
  • Verfügen Hausfrauen über eigene finanzielle Mittel für ihren privaten Bedarf?
  • Wird die häusliche Tätigkeit vom Mann/von der Gesellschaft anerkannt?

3. Erziehung/Bildung

  • Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen beim Stillverhalten, bei Hautkontakten, bei Lob und Kritik, oder beim Strafverhalten?
  • Welche Rollenerwartungen werden an Jungen, welche an Mädchen gestellt?
  • Mit welchem Spielzeug spielen Jungen, mit welchem Mädchen?
  • Welche Aufgaben im Haushalt haben Jungen, welche Mädchen?
  • Welche Lehrberufe (Studienfächer) werden eher von Jungen, welche eher von Mädchen ergriffen?
  • Welche Möglichkeiten sich durchzusetzen werden Jungen, welche Mädchen nahegelegt?

4. Medien

  • In welchen Rollen kommen Frauen im Fernsehen vor?
  • Welcher Typ von Frau wird in den Medien als anstrebenswert vermittelt?
  • Werden Frauen eher als Opfer oder als Täter oder als beides dargestellt?
  • Welche Rolle spielen Frauen in den Medien im Zusammenhang mit Politik, welche im Zusammenhang mit Werbung?
  • Wie läßt sich die typische "Medienfrau" beschreiben? (Alter, Aussehen, Eigenschaften usw.)
  • Welche Rollen spielen Sexualität und Sexualsymbole in den Medien. In welchem Zusammenhang tauchen sie auf?
  • Werden Frauen als eigenständige, gleichberechtigte Menschen dargestellt?
  • Wie sind Frauen in leitenden Positionen in den Medien vertreten?

5. Gesellschaft und Politik

  • Wird Politik eher als Männersache, als Frauensache oder für beide als gleich wichtig gesehen?
  • Wie sind Frauen (prozentual) in den einzelnen Parteien vertreten?
  • Wie sind Frauen (prozentual) im örtlichen Gemeinderat, im Kreistag, im Landesparlament, im Bundestag vertreten?
  • Wie sind Frauen auf den verschiedenen Ebenen der Kirchenhierarchie vertreten?
  • Werden Frauen in der Politik von Öffentlichkeit und Presse mit den gleichen Maßstäben gemessen wie Männer?
  • Stellen Quotenregelungen bei der Aufstellung von KandidatInnen eine sinnvolle Möglichkeit dar, Frauen eine stärkere gesellschaftliche und politische Vertretung zu sichern?
  • Aus welchen Gründen sind Frauen in gesellschaftlichen und politischen Ämtern weniger zu finden als Männer?

M 2: Frauen in der Schule Seitenanfang
  • Wieviele Vollzeitstellen (Teilzeitstellen) sind von Frauen, wieviele von Männern besetzt?
  • Wieviele Frauen sind in leitenden Funktionen an der Schule (Schulleitung, stellvertretende Schulleitung, Fachbereichsleitung etc.) tätig?
  • Wieviele Frauen sind bislang befördert worden (Studienrätin, Oberstudienrätin, Studiendirektorin etc.)?
  • Wieviele Frauen sind verbeamtet, wieviele sind angestellt?
  • Gibt es einen Hausmeister oder eine Hausmeisterin?
  • Sind es Männer oder Frauen, die in der Schule putzen?

M 3: Mädchen und Jungen im Unterricht Seitenanfang

Unsere Beobachtungen und Analysen von Unterricht in großstädtischen, mittelstädtischen und ländlichen Gebieten Hessens, in Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien und Einrichtungen der Erwachsenenbildung zeigen, daß das Klassenzimmer für Mädchen und Jungen nicht denselben Erfahrungsraum beinhaltet, daß Jungen und Mädchen nicht in der gleichen Weise unterrichtet werden und daß ihre kommunikativen Kompetenzen nicht in der gleichen Weise bewertet werden und in die Kommunikationsnormen des Klassenzimmers eingehen. Claudia Fuchs: Interaktionen im Unterricht. In: Diskussion Deutsch, 20. Jg., Heft 105, 2/1989, S. 92. Arbeitsfragen zu M 4

  • Diskutieren Sie die obige Einschätzung. Was spricht für diese, was dagegen?
  • Gibt es Erfahrungen, die Mädchen in der Schule verwehrt werden?
  • Wie können die Interaktionsstrukturen sichtbar gemacht werden? Fertigen Sie Strichlisten an und werten Sie diese aus.
  • Vergleichen Sie die Einschätzung von M 3 mit Ihren eigenen Erfahrungen in der Klasse.

M 4: Gewalt gegen Frauen Seitenanfang
Mehr als eine halbe Million Frauen sterben jährlich an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt. Weltweit wird etwa einem Viertel aller Frauen zu Hause Gewalt angetan. Untersuchungen in einzelnen Gemeinden kommen teilweise sogar zu erheblich höheren Ergebnissen. Demnach sind bis zu 50 Prozent der Frauen in Thailand, 60 Prozent in Papua-Neuguinea und Südkorea und 80 Prozent in Pakistan und Chile von Gewaltdelikten betroffen. Gewalt in der Familie führt oft zu schwerwiegendsten körperlichen Mißhandlungen an Frauen. Sie werden oft so brutal verletzt, daß sie ein Krankenhaus aufsuchen müssen. Vieles bleibt jedoch der Öffentlichkeit verborgen, weil die Frauen schweigen, aus Angst und Scham. Häusliche Gewalt ist die schwerwiegendste Form der Gewalt gegen Frauen, die oft erst bei notwendigen Krankenhausaufenthalten ans Licht kommt. Andere Delikte, wie Vergewaltigungen und Verletzungen nach Überfällen, rangieren an zweiter und dritter Stelle. Frauen werden weltweit durch Ehemänner oder Lebenspartner brutal mißhandelt. Männer genießen dabei oft den unberechtigten Schutz durch den Ort des Geschehens: die Privatsphäre. Denn dort haben Freunde, Nachbarn und Behörden nur schwer Zugang. Hinzu kommt, daß Frauen ihre häuslichen Peiniger seltener anzeigen als bei anderen Gewalthandlungen. Frauen schweigen zu ihrer Mißhandlung aus Schuldgefühlen. Sie führen die Peinigung durch ihren Lebenspartner auf ihren niedrigen gesellschaftlichen Status zurück. Sie geben sich selbst die Schuld an der Mißhandlung, weil sie es von klein auf durch die Vermittlung gängiger Rollenbilder nicht anders kennen. Sie meinen fälschlicherweise, Frauen hätten sich in den Dienst von Männern zu stellen. Zugleich schützen sie damit ihre Peiniger. Sie verlieren ihr Selbstwertgefühl und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Mißhandelte Frauen ziehen sich oft von allen Bekannten zurück, insbesondere von ihrer Familie und ihren FreundInnen. Kinder leiden ebenso an den Gewalthandlungen. Mißhandelte Frauen leben mit dem größeren Risiko einer Fehlgeburt; diese Gefahr steigt um das Doppelte. Das Risiko von Früh- oder Mangelgeburten klettert auf das Vierfache. Kinder mißhandelter Frauen sind häufig unterernährt, brechen die Schule ab, und vor allem Jungen neigen unter Umständen später selbst zu Gewalthandlungen, weil der Mann in der Familie ihnen diese Rolle vermittelt hat. Vgl. UNICEF: Zur Situation der Kinder in der Welt 1995. Frankfurt/M. 1995, S. 54 f.

 

Literaturhinweise Seitenanfang
Ache, Susanne / Anne Huschens: Frauen, Gleichberechtigung, Gleichstellung, Emanzipation? Reihe Geschichte und Politik - Unterrichtsmaterialien. Frankfurt/M. 1990.
Cordes, Mechthild / Elke Begander: Die Frauenfrage. Tübingen 1993.
Fiegel, Verena: Der Krieg gegen die Frauen. Bielefeld 1993.
Jung, Reinhardt (Hrsg.): Muchacha. Die unsichtbaren Dienerinnen Lateinamerikas. Göttingen 1990.
Kersting, Ursula / Regina Riepe / Brigitte Vest: Sie halten die Fäden in der Hand. Vom Leben und Arbeiten der Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Misereor, Aachen 1991.
Kindernothilfe e.V. (Hrsg.): Nur ein Mädchen. Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe I zum Thema: "Mädchen und Frauen in der Dritten-Welt". Duisburg 1994.
Launer, Ekkehard / Renate Wilke-Launer: Zum Beispiel Frauenalltag. Göttingen 1990.
Randzio-Plath, Christa / Sigrid Mangold-Wegner: Frauen im Süden. Bonn 1995.
Müller, Sigrid / Claudia Fuchs: Handbuch zur nichtsexistischen Sprachverwendung in öffentlichen Texten. Frankfurt 1993.


Auszug aus dem Buch:

Günther Gugel, Vertretungsstunden mit Pfiff.

Anregungen für einen handlungsorientierten Unterricht zum Themenbereich
"Eine Welt" in den Sekundarstufen.

Verein für Friedenspädagogik, Tübingen 1996.


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